INTERVIEW der woche

Schulniveau muss sich verbessern


Carsten Röttgers ist Geschäftsführer des elterlichen Malerbetriebes in Papenburg und Bundesvorsitzender der Junioren des Handwerks. Dort sind Führungskräfte und Unternehmer aus dem Handwerk bis zum 40. Lebensjahr organisiert. Neben dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung ist die Interessenvertretung des jungen Handwerks Aufgabe des Verbandes. (www.handwerksjunioren.de)

ABZ: Ausbildung im Handwerk, wie stellt sich das in Zahlen dar?

Carsten Röttgers: Zur Jahresmitte sind im Handwerk 13 Prozent mehr Lehrverträge als im Vorjahr abgeschlossen worden. Dies zeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung sich auch in der Bereitschaft der Betriebe, neue Lehrlinge einzustellen, niederschlägt. Das Handwerk wird weiterhin auf hohem Niveau ausbilden können.

Mit 10 Prozent hat das Handwerk nach wie vor die höchste Ausbildungsquote in der gesamten Wirtschaft.

Bis Ende Juli wurden im Handwerk genau 86.172 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, damit hat sich die positive Tendenz der Vormonate verfestigt. Bis zum Jahresende wird es gelingen, die Lehrstellenlücke zu schließen.

ABZ: Es ist immer wieder zu hören, dass einige Jugendliche nicht ausbildungsfähig sind. Wie sehen Sie das?

Carsten Röttgers: Aktuell haben wir wirklich ein Problem mit den Kenntnissen der Schulabgänger, die eine Lehrstelle im Handwerk anstreben. Viele bringen einfach nicht das notwendige Rüstzeug mit, um die Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können. Hightech-Bereiche wie die Zulieferbetriebe zum Automobil- und Maschinenbau suchen dringend Fachkräfte – die offenen Stellen können nicht besetzt werden, wenn die schulischen Grundlagen fehlen.

Wer nicht richtig rechnen kann, und auch erhebliche Lücken in der Rechtschreibung hat, der ist – leider – nicht ausbildungsfähig. Daher muss dringend die schulische Qualifikation der Jugendlichen verbessert werden. Es kann nicht sein, dass die Ausbilder während der Lehrzeit das leisten müssen, was in den Schulen versäumt wurde – Handwerksmeister sind nun einmal keine Nachhilfelehrer.

ABZ: Nur ein Teil der Betriebe bildet aus. Andere scheuen dies. Hat die Politik ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Carsten Röttgers: Ich würde nicht behaupten, Handwerksbetriebe würden die Ausbildung scheuen. Aber es gibt eine Reihe von Handwerksbetrieben, gerade aus dem Hightech-Bereich, die einfach keine geeigneten Lehrlinge finden – schon seit Jahren. Dass hier eine gewisse Resignation um sich greift, halte ich für nachvollziehbar.

Zum anderen gibt es sicherlich Handwerksbetriebe, die so weit spezialisiert sind, dass sie die breiten Ausbildungsinhalte nicht vermitteln können. Hier gibt es die Möglichkeit von Ausbildungsverbünden, aber die sind nicht einfach zu organisieren. Aber hier ist die Handwerksorganisation stets aktiv, um Probleme zu lösen.

ABZ: Sind die hohen Vergütungen vielleicht auch ein Grund, warum nicht alle Betriebe ausbilden?

Carsten Röttgers: Sicherlich kann die Höhe der Ausbildungsvergütung, die tarifvertraglich vereinbart ist, bei einzelnen Betrieben durchaus ein Hindernis darstellen, zusätzliche Lehrlinge einzustellen. Vor allem in Zeiten schwacher Konjunktur.

Aber machen wir uns nichts vor, auch ein Auszubildender muss ein angemessenes Einkommen haben. Teilweise wird doch auch ein Lehrling produktiv in den Betriebsprozess eingebunden!

ABZ: Bald schon wird es einen Lehrlingsmangel geben – allein aus demografischen Gründen. Wie wird das Handwerk gegen steuern?

Carsten Röttgers: Bereits 2007 könnte es in den neuen Bundesländern einen kleinen Rückgang bei den Schulabgängern gegenüber 2006 geben, während im Westen die Zahl der Jugendlichen erst ab 2012 deutlich abnehmen wird. Vor diesem Hintergrund wird das Handwerk, in den nächsten Jahren mit einem deutlichen Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Dies ist sicherlich bereits heute einer der Gründe, warum – sobald sich ein Lichtblick am Konjunkturhorizont zeigt – mehr Lehrlinge eingestellt werden. Der Fachkräftemangel kann verheerende Folgen für unsere Betriebe haben, denn er wirkt sich in puncto Lohnkosten aus. Ich hoffe, dass es nicht zur Kostenexplosion kommt.

ABZ: Mitarbeiter sollen mehr Zeit in Weiterbildung investieren. Was halten Sie davon, hierfür Urlaubszeit aufzubringen?

Carsten Röttgers: Wenn ich die Anzahl der Urlaubstage, die per Tarif festgelegt sind, betrachte, denke ich, dass es einem Arbeitnehmer durchaus zuzumuten ist, zum Beispiel zu 14 bezahlten Weiterbildungstagen vielleicht einen oder zwei Tage vom Urlaub zu nehmen. Aber dies ist im Handwerk kein Thema, das man tariflich regeln muss. Es gibt genügend Möglichkeiten, dies eigenverantwortlich in den Betrieben zu organisieren. (pf)


Artikel vom 16.08.2007
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