INTERVIEW
Schnelle Beitragssenkungen sind möglich
ABZ: Herr Kentzler, wie haben Sie die heftigen Reaktionen auf Ihren Vorschlag, Krankheitstage auf Urlaubstage anzurechnen, ver- und überstanden?
Otto Kentzler: Beim Urlaub reagieren die Deutschen empfindlich, das habe ich zu spüren bekommen. Aber es gibt auch viel Zuspruch. Es ist vielen klar geworden, dass die Tarifpartner genauso gefordert sind, für Kostensenkung zu sorgen, wie der Gesetzgeber. Kranke erhalten vom ersten Tag an sechs Wochen 100 Prozent Lohnfortzahlung durch den Betrieb - mehr als in jedem anderen Land.
Kranke haben auch - unabhängig von der Dauer ihrer Erkrankung - Anspruch auf gesetzlichen und tariflichen Urlaub. Die vier Wochen gesetzlichen Urlaub will niemand antasten. Aber Langzeitkranke erhalten darüber hinaus Urlaubsanspruch, den sie nicht mit erwirtschaftet haben. In einigen Tarifverträgen wird dem bereits Rechnung getragen: Der tarifliche Urlaubsanspruch wird bei längerer Krankheitsdauer dort zu Teilen angerechnet. Eine flexible Alternative wäre die Anrechnung über Arbeitszeitkonten. Ich erwarte schon, dass die Gewerkschaften darüber mit uns verhandeln.
ABZ: Wo sehen Sie weitere effektive Ansatzpunkte, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für das Handwerk und den Mittelstand kurzfristig zu verbessern?
Otto Kentzler: Wenn sich die Gesamtabgabenlast deutlich reduziert und damit die Kosten auf Arbeit gesenkt werden, schaffen wir damit die Voraussetzungen für mehr Wachstum und Beschäftigung. Die Betriebe werden wettbewerbsfähiger. Nur so wird die Nachfrage steigen, nur so können wir die dramatischen Arbeitsplatzverluste der vergangenen Jahre stoppen. Die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verfügen dann über ein höheres Netto-Einkommen und können mehr konsumieren. Wir müssen heraus aus der Abwärtsspirale, die den Mittelstand in Deutschland, die arbeitsintensiven kleinen und mittleren Unternehmen, seit Jahren immer weiter in die Rezession treibt. Der ZDH hat den Parteien seinen Vorschlag für ein integriertes Abgabenkonzept vorgelegt. Er zeigt, dass schnelle Beitragssenkungen auf unter 35 Prozent auch ohne Steuererhöhungen möglich sind.
ABZ: Was sind künftig die größten Herausforderungen für die Handwerkswirtschaft?
Otto Kentzler: Ich will zwei Punkte nennen.
Erstens: Die Industrie dringt mit ihren Produkten immer weiter in die Bereiche des Handwerks ein. Unsere Betriebe müssen ihre Stärken Innovation, individuelle Dienstleistung, Kundenorientierung klar ausspielen, um ihre Position halten oder gar verbessern zu können.
Zweitens: Europa ist ein großer Markt geworden mit sehr unterschiedlichen Bedingungen. Es lohnt sich für Mittelständler, Zeit und Kraft in die Erschließung dieses Marktes zu investieren. Die Qualität unserer Dienstleistungen und Produkte muss natürlich überzeugend sein. Die Kammern und Verbände machen gute Informationsangebote, um ein solches Engagement nicht zum Abenteuer werden zu lassen.
ABZ: Was kann das Handwerk tun, um den prognostizierten Mangel an Auszubildenden zu meistern und weiterhin für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen?
Otto Kentzler: Wir engagieren uns in der Ausarbeitung von neuen und der Modernisierung von bestehenden Ausbildungsberufen. Zum 1. August 2005 treten fünf neue Ausbildungsverordnungen in kraft, darunter für den/die Fleischer/in. Die Inhalte der neuen Ausbildungsverordnungen folgen einem Berufslaufbahnkonzept. Das macht die Ausbildung mit darauf folgender Weiterbildung gerade auch für leistungsstarke Jugendliche attraktiv. Die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung wollen wir noch stärker im System verankern, damit die Nachwuchskräfte z.B. auch mit dem Meisterbrief den Hochschulzugang erwerben. Die Ausbildung im dualen System des Handwerks wird damit zum ersten Schritt auf der Karriereleiter.
ABZ: Die Organisationsdichte im Handwerk auf freiwilliger Basis nimmt immer mehr ab. Das spüren vor allem die Innungen und Kreishandwerkerschaften. Wie könnte ein effektiver Aufbau der Organisationsstruktur im Handwerk künftig aussehen?
Otto Kentzler: Ich möchte hier nichts vorwegnehmen, denn in sieben Regionalkonferenzen im August wird die Diskussionslage „vor Ort” und in den einzelnen Bereichen aufgenommen, werden die Vorschläge diskutiert. Alles wird in die Arbeit einer präsidialen Arbeitsgruppe eingebracht, die dann eine Vorlage erarbeitet.
Das Präsidium wird auf einer Klausurtagung am 7. und 8. September über die Vorlage beschließen. Das letzte Wort haben die Vollversammlungen im November 2005 in Düsseldorf. Alle Beteiligten müssen das Ziel haben, unseren Betrieben eine effiziente und schlagkräftige Organisation zur Seite zu stellen.
Wachsender finanzieller Druck und sinkender Organisationsgrad lassen es nicht zu, den Reformprozess auf die lange Bank zu schieben. In diesem Sinne hoffe ich auf eine sehr zielgerichtete Diskussion. (schl)
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