INTERVIEW der woche
Mit den Problemen der Basis vertraut
ABZ: Frau Emmerich Jüttner, der Vorstand des BIV Niedersachsen / Bremen hat Sie mit Wirkung vom 1.August 2006 zur neuen Verbandsgeschäftsführerin berufen. Zunächst einmal, wurden Sie (überraschend) ins Amt berufen oder haben Sie sich darum beworben? Wie lief das ab?
Bettina Emmerich-Jüttner: Das Prozedere lief den gültigen Regeln entsprechend ab. Landesinnungsmeister Borchers berichtete während der Mitgliederversammlung bekanntlich recht detailliert über die Vorgänge, die zur Vakanz in der Verbandsgeschäftsführung führten. Danach wurde auch aufgrund der Berichterstattung in den Fachmedien in der Öffentlichkeit bekannt, dass die Position neu zu besetzen ist.
Der Vorstand des BIV Niedersachsen/Bremen positionierte sich bereits zeitig zu Spekulationen über eine Kooperation mit der BKV Nord und machte deutlich, dass die Geschäftsstelle auch zukünftig eigenverantwortlich geführt werden soll. In diesem Wissen habe ich mich ganz offiziell um die Position der Verbandsgeschäftsführerin beworben und freue mich, dass mich der Vorstand des BIV Niedersachsen/Bremen nach einem längeren Vorstellungsgespräch gewählt hat.
ABZ: Ab dem 1.8. betreuen Sie statt einer Innung 46 Innungen, hinter denen 1048 Betriebe stehen. Wie wollen Sie dieser neuen Herausforderung begegnen, welche Gefühle begleiten Sie dabei?
Bettina Emmerich-Jüttner: Ich bin voller Elan und Tatkraft, beiden Aufgaben gerecht zu werden. Die Bäckerinnung Hannover unterliegt mit derzeit 60 Mitgliedsbetrieben und weit über 300 Auszubildenden in allen drei Lehrjahren als Körperschaft des öffentlichen Rechts ganz anderen auch gesetzgeberischen Anforderungen als der Arbeitgeberverband, den ich jetzt hauptamtlich vertreten werde. Mir sind die Tagesfragen der so genannten Basis vertraut. Hierin liegt also der besondere Charme, denn es ergeben sich gewisse Synergien, die von wesentlichem Vorteil in der Hauptaufgabe eines Unternehmerverbandes zu nutzen sind, nämlich der Lobbyarbeit.
ABZ: In den letzten Jahren ging die Mitgliederzahl drastisch zurück. Während es 2002 noch 1414 Betriebe waren, sind es aktuell noch 1048. Worin sehen Sie die Ursachen und wie sollte Ihrer Meinung nach dieser Entwicklung Einhalt geboten werden?
Bettina Emmerich-Jüttner: Richtig, der Rückgang der Zahl backender Betriebe war insbesondere in den vergangenen 3 bis 4 Jahren recht deutlich zu spüren. Unter anderem hat die desolate bundesweite wirtschaftliche Entwicklung hier branchenübergreifend Tribut gezollt. Ich meine aber erkennen zu können, dass der Abschmelzungsprozess mittlerweile an Rasanz verloren hat. Dem gegenüber steht jedoch ein trotz aller politischer Bekenntnisse steigender Bürokratismus und die nicht enden wollende Regulierungswut im nationalen und europäischen gesetzgeberischen Bereich. Schauen wir uns doch ganz aktuell die in Aussicht stehende Aussetzung des Ladenschlussgesetzes an. Dies sind Bereiche, in denen wir als Unternehmerverbände gerade des Mittelstandes massiv auf die politischen Gremien Einfluss nehmen müssen.
ABZ: Steht Ihrer Meinung nach der langen Tradition des Verbandes (fast 130 Jahre) ein ausreichendes Gegengewicht an Modernität gegenüber? Wie sollte sich Ihrer Meinung nach ein moderner Verband heute präsentieren, um für die Betriebe attraktiv
zu sein? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Bettina Emmerich-Jüttner: Mit Ihrer ersten Frage unterstellen Sie dem BIV einen senilen Charakter. Dies ist nun wirklich nicht der Fall. Ein Verband lebt ja in erster Linie durch das Engagement der Mitglieder. Dass ein solches hohes Engagement durchaus vorhanden ist, konnte ich in jüngster Vergangenheit z.B. angesichts der Diskussionen um die Tarifpolitik aufmerksam feststellen.
Modernität setze ich in diesem Zusammenhang mit Neugier, Mut und Flexibilität gleich. Die Leistung, die Kompetenz muss unmittelbar spürbar und transparent sein. Hier ist insbesondere der „Draht“ zur, das „Ohr“ an der Basis gemeint, insbesondere in einem Flächenland, wie es Niedersachsen nun einmal ist.
Ein Verband hat die Aufgabe, Stimmungen und Meinungen zeitnah zu erkennen, nach politischen Lösungen zu suchen, die allen – großen, mittleren und kleinen Mitgliedern – gerecht werden. Intensive Information und vorrangig kompetente Beratung sind die Leitaufgaben, die es in einem straff organisierten Verband auszufüllen gilt. Handlungsbedarf besteht meiner Meinung nach in einer nachhaltigeren Diskussion und stringenten Durchführung einer Strukturreform, wie sie bereits während des letztjährigen Obermeistertages in Verden diskutiert wurde.
ABZ: Am 31. Mai wurde in Verden die Beteiligung an einer Service- und Dienstleistungsgesellschaft beschlossen. Wie stehen Sie dazu und wann soll das Ganze realisiert werden?
Bettina Emmerich-Jüttner: Die Beteiligung an der Service- und Dienstleistungsgesellschaft ist seit der Mitgliederversammlung Ende Mai beschlossene Sache. Ich denke, diesen Themenbereich werde ich gemeinsam mit dem Vorstand des Bäckerinnungs-Verbandes zunächst behutsam angehen.
Ich führe zwar seit Mitte Juli kommissarisch und ab 1. August offiziell die Geschäfte des BIV, hatte aber bislang zeitlich noch nicht die Gelegenheit, mich mit den Protagonisten der BKV über diesen Themenkomplex auseinander zu setzen. Sicherlich hat eine solche Service- und Dienstleistungsgesellschaft in einigen Bereichen wie z.B. der Betriebsberatung mit knapper werdenden öffentlichen Töpfen einen gewissen Charme. Dem stehen aber noch offene Fragen gegenüber, die es in Ruhe zu beantworten gilt.
ABZ: In den letzten Jahren hat die Bäckerfachschule enorm zugelegt. Einige Bereiche wurden aufwändig restauriert und mit moderner Technik ausgestattet. Wohin bewegt sich die Bäckerfachschule, bzw. welche Rolle wird sie in Zukunft spielen?
Bettina Emmerich-Jüttner: Ich sehe es mit Freude, dass insbesondere die Lehrgänge zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung wieder zunehmend nachgefragt werden. Der zweite Kurs ab August diesen Jahres ist voll ausgebucht, ja bereits überbucht, so dass die Warteliste für den M I/07 jetzt schon vorgehalten wird. Darüber hinaus sind Schulleiter Hundertmark und sein Team mit der Durchführung der überbetrieblichen Ausbildung und dem Angebot an Fachkursen mehr als gut ausgelastet.
Zukünftig werden wir mehr quantitatives und qualitatives Augenmerk auf die Aus- und Weiterbildung im Verkaufsbereich bzw. im Marketing legen müssen. Auch an der Vermittlung der Inhalte innerhalb der Meisterausbildung sowie der übrigen Fortbildungsmaßnahmen wird gearbeitet. Meine Vorstellungen bewegen sich weniger im rein wissenvermittelnden Bereich als im handlungsorientierten Anwenden und Präsentieren. Im Übrigen werden wir die Entwicklung zur Einbindung in die Akademie Deutsches Bäckerhandwerk aktiv begleiten.
Der Aus-, Fort- und Weiterbildung, aber auch der fachspezifischen Beratung, wird meiner Meinung nach in Zukunft das entscheidende Gewicht zufallen, nur auf diesem Weg ist den Herausforderungen des Marktes als Unternehmer eines Klein- aber auch Großbetriebes zu begegnen; insbesondere auch mit hervorragend ausgebildeten Mitarbeitern, die mit bestem Wissen ausgestattet hoch motiviert in die Betriebe zurückkehren. Dies kann die Bäckerfachschule Hannover als Kompetenzzentrum auch in Zukunft gewährleisten.
ABZ: Wenn Sie drei Wünsche für den Beginn Ihrer neuen Aufgabe frei hätten, welche wären das?
Bettina Emmerich-Jüttner: Ihre Frage hat etwas Märchenhaftes. Meine Wünsche hingegen sind ganz real: Ich wünsche mir eine aktive, aufrichtige Kommunikation, gegenseitige Wertschätzung und noch genügend Zeit für meine Familie. (wk)
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