Aus-_Weiterbildung
Lust oder Frust?
Auszubildende sind auf den Berufsalltag meist nur ungenügend vorbereitet: Einfühlungsvermögen ist gefragt

Vor allem in den ersten Monaten haben neue Azubis viele Unsicherheiten und Ängste. Hier sind Chef und Ausbilder gefordert, diese aktiv auszuräumen. Foto: Winkler Foto: Winkler
Das ist der Albtraum von Azubis und Chefs: Die Probezeit ist vorüber, eigentlich müsste alles jetzt glatt laufen, Kleinigkeiten könnten selbstständig erledigt werden. Der Auszubildende sollte schon selbstständig Handgriffe ausführen können. Doch vielleicht läuft es nicht richtig: der Auszubildende passt nicht in die Bäckerei, es gibt Unmut im Alltag und Diskussionen wegen Urlaub, Schulnoten, verspätetem Kommen oder gar unentschuldigtem Fehlen. Die eigentliche Arbeit ist selten das Problem: Jugendliche, die die Lehre abgebrochen haben und zu einem anderen Ausbilder gewechselt haben, stellen selten fest, dass es an der eigentlichen Arbeit lag.
Die ersten Monate
Zu Ausbildungsbeginn lassen sich die Azubis (noch) gerne korrigieren, um zu lernen, probieren aus – gehen aber auch an ihre Grenzen! Testen, was sie sich erlauben können, was nicht. Oft kommen sie mit einem rauen Umgangston nicht zurecht. Es kommt in dem Moment zum Scheitern, wenn sie sich persönlich angegriffen fühlen, als Person missachtet, für dumm gehalten oder wenn das Gefühl aufkommt, ausgenutzt zu werden. Klar ist, dass zu einem solchen Zeitpunkt keine normale Kommunikation mehr stattfindet. Doch dies alles gab es schon immer, auch vor Erfindung des neudeutschen Wortes „Mobbing“: Die Jugendlichen sehen ihre Situation dann als ausweglos, nicht änderbar. Vielleicht kündigen sie innerlich. Unmut entsteht, die Arbeitsleistung fällt (weiter). Unpünktlichkeit, mangelnde Disziplin sind die Folgen.
Die Jugendlichen sind meist auf den Alltag ungenügend vorbereitet. Selbst ein nörgelnder Kunde kann ihnen tagelang Kummer bereiten. Wichtig ist ihnen dann, dass sie sich in einer solchen Situation nicht allein gelassen fühlen. Gut, wenn Chef oder Chefin da in der Nähe sind. Das Gespräch übernehmen. Hinter ihrem Auszubildenden stehen. Ihm anschließend klar machen, wie sie sich das nächste Mal verhalten können. Denn es wird immer schwierige Situationen geben und unzufriedene Kunden, egal wie gut die Bäckerei ist.
Bei Befragungen von Verkäufer/innen stellt man fest, dass die größten Probleme beim Personal nicht das Wissen, nicht die eigentliche Arbeit, nicht einmal der Zusatzverkauf ist, sondern die Angst vor Reklamationen und Beschwerden oder vor Kunden, die selbst in schwierigen Situationen sind und man nicht genau weiß, wie man sich da verhalten soll.
Egal, ob es sich um die Kommunikation mit dem Chef oder mit Kunden handelt, die Jugendlichen haben Angst davor, verletzt zu werden. Das Aushalten einer solchen Situation ist neu für sie. Seither hatten sie bestenfalls Schwierigkeiten mit Freunden. Doch da kann man sich einfach zurückziehen und der Sache aus dem Weg gehen. Bei unangenehmen Situationen in der Schule waren da noch Freunde oder Geschwister, denen man gleich von seinem Ärger berichten konnte und auch Trost und Verständnis fand. Jetzt aber muss der Jugendliche solche Situationen alleine durchstehen, Stress aushalten, nervigen Kunden gutgelaunt gegenübertreten, emotional selbst stabil sein. Wo soll das der junge Mensch gelernt haben?
Egal, ob Sie gut oder schlecht über Ihre Auszubildende denken: Sie haben recht! – Ihre Vorhersage wird sich erfüllen. Solche selbsterfüllende Vorhersagen gibt es wirklich. So wie Sie über Ihren Auszubildenden denken, wird er sich verhalten. Weil der größte Teil unserer Kommunikation unbewusst und ohne Worte stattfindet, merkt der Andere, wie Sie zu ihm stehen. Deshalb hier einige Tipps:
Das macht Auszubildende stark und trägt zur Leistungssteigerung erheblich bei:
Häufig loben
(auch Kleinigkeiten)
Verhalten korrigieren
Klare Erwartungen
aussprechen
Selbstkontrolle ermöglichen
Im Team aufnehmen
Freundschaftlicher Umgang
Das sind K.O.-Kriterien und bremsen die Leistungsfähigkeit:
Tadel an der Person
(an der Sache ist in Ordnung)
Unklare Anweisungen
Kein Lob
Verallgemeinerungen
(Jugendliche, Jungs sind
so und so)
Schlecht hinter dem Rücken
von Jemandem sprechen
Häufiges Verhalten, wenn sich der Auszubildende wenig anerkannt fühlt oder wenn Probleme entstanden sind:
Kommt zu spät
Geht sehr pünktlich
Ist unflexibel
Erkrankt häufiger
Fehlt unentschuldigt
Nicht kompromissbereit
Schlechte Arbeitsleistung
Emotional unstabil
Wie verhalten sich Auszubildende, wenn sie Probleme sehen?
Die meisten warten erst mal ab, als ob sich ein Problem damit lösen lässt. Vielleicht holen sie sich Hilfe bei ihrem Lehrer, wie sie das in der Schulzeit auch gemacht haben. Den Berufsschullehrer kennen sie und vertrauen ihm. Mit ihm sprechen sie dann ihre Situation durch. Der Lehrer kennt sich aus, denn die Probleme sind oftmals sehr ähnlich. Außerdem kennt er die meisten Betriebe und kann deshalb die Lage sehr realistisch einschätzen. Er wirkt oft als Vermittler. Nur wenn alle Stricke reißen, wird die Handwerkskammer eingeschaltet.
Wie beugen Chefs vor?
Bei offensichtlichen Problemen sofort reagieren: Das Gespräch mit dem Auszubildenden suchen und offen die Situationen ansprechen. Denn jedes Problem ist wie ein Hefeteig – es wird größer, wenn man es ruhen lässt.
In Mitarbeitergesprächen, die regelmäßig stattfinden, kann einiges geklärt werden. Diese machen dann Sinn, wenn Sie dafür einen klaren Rahmen, genaue Strukturen und gute Atmosphäre schaffen – ähnlich wie beim Vorstellungsgespräch. Nur mit Offenheit von beiden Seiten kann an möglichen Problemen gearbeitet werden.
Wenn Frust überwiegt
Sie können sich sicher sein: Wenn Sie die weitere Zusammenarbeit als schwierig einschätzen, tut es der Auszubildenden auch. Doch lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende! Suchen Sie nach guten Lösungen für alle. Vielleicht übernimmt ein befreundeter Bäcker oder jemand aus der Innung den Auszubildenden, vielleicht reicht auch ein klärendes Gespräch, vielleicht ist der Jugendliche einfach noch nicht ausbildungsfähig. Jedenfalls sorgen Sie für die Lösung der Situation.
Lust oder Frust hat also meist mit der eigentlichen Arbeit wenig zu tun. „Das Arbeitsklima soll stimmen, Chef und Chefin hinter mir stehen und mir auch helfen, besser zu werden“, so die Meinung der jungen Auszubildenden.
Weitere Nachrichten aus Fokus vom 09.03.2010:

RSS

Zur Bildergalerie "Backkongress 2011"