INTERVIEW
Legale Arbeit wieder bezahlbar machen
ABZ: ZDH-Präsident Otto Kentzler hat in der letzten Woche kräftig Prügel bezogen für seine Forderung, Krankheitstage auf Urlaubstage anzurechnen. Was halten Sie davon?
Hans Stumpf: Bei fünf Krankheitstagen im Gegenzug einen Urlaubstag streichen. – ist das wirklich so schlimm? Ein Arbeitnehmer hat nicht weniger Geld in der Tasche, nur Freizeit wird ihm gestrichen. Der Aufschrei der Medien und der Politik zu diesem Vorschlag von ZDH-Präsident Otto Kentzler ist für mich nicht nachvollziehbar.
Ob Machtwechsel oder nicht. Spätestens nach dem 18. September werden tief greifende Reformen nötig sein. Einen Urlaubstag bei fünf Krankheitstagen zu streichen, wird da sicherlich eines der harmloseren Reformvorhaben. Bei rund 30 Urlaubstagen und vielen zusätzlichen Feiertagen, kann ein Arbeitnehmer dies sicherlich verkraften. Und TUI wird deswegen mit Sicherheit auch nicht Pleite gehen.
ABZ: Es muss also etwas getan werden, aber was? Hier scheiden sich sicherlich die Geister.
Hans Stumpf: Dass Reformen, gemeint sind tief greifende und langfristig angelegte, notwendig sind, dies dürfte jedem klar sein. Das Sozialsystem mit Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung steht kurz vor dem Kollaps. Riesterrente, Bürgerversicherung, Kopf-Pauschale – alles nur Phrasen, die keine langfristigen und dauerhaften Erfolge versprechen.
Die Staatsverschuldung ist anscheinend nicht mehr in den Griff zu bekommen. Dass die 3-Prozent-Hürde des EU-Stabilitätspakt auch dieses Jahr nicht eingehalten wird, scheint keinen mehr zu stören. Statt zu überlegen, wo eingespart werden kann, wird eine Mehrwertsteuererhöhung ins Spiel gebracht. Das Institut der Deutschen Wirtschaft sieht weitere 500.000 Arbeitsplätze in Gefahr.
ABZ: Geht es dem ZDH-Präsidenten also um mehr?
Hans Stumpf: Um was geht es Otto Kentzler, wenn er einen Urlaubstag opfern will, wenn jemand fünf Tage krank ist? Es geht letztlich ja nur darum, die Lohnzusatzkosten zu senken. Diese sind es nämlich, die die Arbeit in und aus Deutschland zunehmend nicht mehr bezahlbar machen. Die hohen Arbeitskosten, verursacht durch die hohen Sozialkosten, aber auch durch weitere Kosten, wie etwa der Bürokratie, machen legale Arbeit vor allem in Deutschland für viele nicht mehr bezahlbar. Auch deshalb gehen jährlich rund 40.000 Betriebe in die Pleite.
ABZ: Lassen sich derartige Vorschläge auch durchsetzen? Die Resonanz der Medien war ja niederschmetternd.
Hans Stumpf: Jedem Arbeitnehmer muss klar sein, dass ein Urlaub auch erwirtschaftet werden muss. Bei längerer Krankheit ist dies eben nicht möglich. Die Kosten für das Unternehmen steigen. So bleibt der Betrieb letztlich nicht wettbewerbsfähig. Der Mitarbeiter gefährdet also selbst seinen eigenen Arbeitsplatz.
Die Erfahrung zeigt, dass dies vielen Arbeitnehmern klar ist. Der gescheiterte Streik im Metallbereich im letzten Jahr ist doch ein untrügliches Zeichen dafür. Die Arbeitnehmer wussten, dass ein Streik die Unternehmen und somit ihre Arbeitsplätze gefährden würde. Mitarbeiter und Unternehmer sitzen ja in einem Boot.
Nötig sind zudem tief greifende Reformen im ganzen Sozial- und Staatssystem. Es muss mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen und gleichzeitig ein starkes Netz für die Schwachen erreicht werden. Sicher wird der eine oder andere Schritt auch weh tun. Doch es geht nicht anders.
Wir haben fünf Millionen Mitbürger, die kürzer oder länger Zwangsurlaub bei der Agentur für Arbeit verbringen. Auch denen muss eine Perspektive geboten werden. Dies geht jedoch nur, wenn legale Arbeit wieder bezahlbar ist. (pf)
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