Branche_Politik

Keine Entspannung

Delegiertentag des BIV Hessen in Bad Nauheim: Seiteneinsteiger greifen verstärkt die Kernkompetenzen der Bäcker an / Mangel an Fachkräften


Bad Nauheim (dk). Der in den Betrieben schon spürbare Fachkräftemangel und die immer sichtbarer werdenden Veränderungen des Marktes standen im Mittelpunkt der Delegiertentagung des Bäckerinnungsverbandes Hessen (BIV) in Bad Nauheim. Schon am Vortag hatten sich Delegierte zur Mitgliederversammlung des Förderrings getroffen, bei der unter anderem die Entwicklung der verbandseigenen Ausbildungsstätten in Kassel und Weiterstadt vorgestellt wurde (Bericht folgt).

„Nicht zurücklehnen“

„Wir hatten eine Wirtschaftskrise und das Bäckerhandwerk hat davon nichts gemerkt“, so Landesinnungsmeister Schäfer (LIM) zum Auftakt seines Situationsberichtes, „die Umsätze sowie die Beschäftigungszahlen konnten gehalten werden und der Abschmelzungsprozess hat sich verlangsamt – eigentlich ein Grund stolz zu sein, aber wir können uns nicht zurücklehnen, denn es ist nicht alles gut“ spielte LIM Schäfer auf die Preissituation am Markt und die betriebliche Ausbildung an. Die gesunkenen Rohstoffpreise haben für eine gewisse Entspannung bei den Kosten gesorgt, aber wenn die Einkaufspreise wieder anziehen, könne sehr schnell ein Minus auf derErtragsrechnung erscheinen.

Kompetenz hart verteidigen

Zu beobachten ist auch die Entwicklung bei LEH und Discountern, die in diesem Jahr schon die vierte Preisrunde nach unten eingeläutet haben. Dies werde nicht folgenlos für das Preisgefüge im Bäckerhandwerk bleiben, vor allem auch, weil die Ketten geschickt die Frische und die Backkompetenz des Handwerks für sich zu nutzen wissen, sei es durch eigene Vorkassenbäckereien, Shop-in-Shop-Konzepte und die Backwarenautomaten: „Jedes Brötchen, das aus dem Automaten kommt, brackt der Bäcker um die Ecke nicht mehr“, so der Landesinnungsmeister. Gewissermaßen Morgenluft geschnuppert haben kapitalkräftige Seiteneinsteiger wie Mc Donald's (siehe auch Seite 18), die sich vom Frühstücksgeschäft – der Kernkompetenz des Bäckers – ein dicke Scheibe abschneiden wollen. „Lassen sie sich diese Kompetenz nicht aus der Hand nehmen“, wies LIM Schäfer auch auf die Unterstützung des Zentralverbandes und der Bäko-Zentrale Süd hin, die mit der sich ergänzenden Aktion der „Frühstücksfreunde“ als Mutmacher im Wettbewerb gelten, wie es Bäko-Geschäftsführer Gunter Hahn in seinem Grußwort bezeichnete.

Ein weiteres Pfund, mit dem die Bäcker wuchern sollten, ist der in unserer globalisierten Welt ungebrochene Trend hin zur Regionalität. Hier haben die Bäcker ein absolut positives Image und das müsse genutzt und nach außen transportiert werden: „Wecken Sie mit gelebter Bäckerkultur beim Verbraucher Emotionen, Genuss und Wohlergehen. Rühren Sie die Werbetrommel und nutzen Sie Ihre Stärken konsequent aus“ empfahl der LIM den Obermeistern und Delegierten. Denn große Discounter (Lidl) hätten dieses Segment nun für sich entdeckt und wollen sich mit gut gemachter, emotional ansprechender Verpackung einen Teil vom Kuchen abschneiden.

Akuten Handlungsbedarf gibt es bei der Ausbildung – einem Thema, das dem Landesinnungsmeister sehr am Herzen liegt. Er hat dafür sogar ein Patentrezept: „Bilden sie aus auf Teufel komm raus – aber bitte nur qualifiziert – und zwar bezogen auf die Gestaltung der Ausbildung und die Aubis“. Der demografische Faktor mit geringer werdenden Schülerzahlen ist immer stärker zu spüren. Bei der Lehrlingssuche unterstütze der Zentralverband die Betriebe mit Werbespots, Prospekten und dem Internetauftritt www.back-dir-deine-zukunft.de. Hier hat jeder Betrieb die Möglichkeit, seine offenen Ausbildungsplätze kostenlos anzubieten. Der BIV Hessen lässt derzeit einen fünfseitigen Einstellungstest erarbeiten, um fähige und willige junge Leute aus der Masse herauszufiltern: „Wir selbst sind für die Qualifikation der Mitarbeiter verantwortlich“. Die Schuld dürfe nicht immer auf das Umfeld geschoben werden. In früheren Jahren sind bei Gesellenprüfungen die Azubis vorwiegend im schriftlichen Teil durchgefallen, während heute eher der praktische Teil nicht bestanden wird. Hier stehen die Betriebe voll in der Verantwortung.

Kontrolleure unterwegs

Geschäftsführer Stefan Körber informierte die Delegierten über verschiedene Kontrollaktionen, die die Überwachungsbehörden derzeit in Hessen durchführen. So werden die Zollbehörden immer wieder aktiv und kontrollieren gastronomische Einrichtungen und auch bei Bäckern. Hier sollten die Mitarbeiter die Ausweise immer dabei haben. Da in benachbarten Bundesländern die Gewerbeaufsicht gezielt die Pausenzeiten kontrolliere, warnte Körber vor eventuellen Aktionen in Hessen: „Die Kontrolleure überprüfen die Stechkarten und achten darauf, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten eingehalten werden.“ Da sind schon hohe Strafen ausgesprochen worden, meinte er ergänzend.

Bei der Durchführung von Brotprüfungen sollte rechtzeitig der gewünschte Zeitraum an den BIV gemeldet werden, um einen organisatorisch guten Ablauf zu gewährleisten. Auch werde es künftig im November und Dezember keine Brot- und Brötchen- sondern nur noch Stollenprüfungen geben, so Körber.

Welche Möglichkeiten der Bäcker für sein individuelle Öffentlichkeitsarbeit hat und welche Mittel dazu von der Werbegemeinschaft zur Verfügung gestellt werden, stellte den Delegierten BIV-Landesbeauftragter Bernd Braun vor. Zur Azubi-Suche biete der Zentralverband neben den Möglichkeiten auf der back-dir-deine-zukunft-Internetseite mobile Messestände für Berufsmessen und ähnliches. Zur Werbung in allgemeinbildenden Schulen gebe es neu ein Medienpaket, das deren Lehrer anfordern könnten.

Bernd Braun riet dringend, für Werbeaktionen die Möglichkeiten der modernen Medien im Auge zu behalten, denn junge Kunden halten sich vorwiegend in solchen sozialen Netzwerken (Facebook) auf. Darauf setzt auch der Zentralverband, denn aktuell wurde ein flotter Kinospot auf einem eigenen youtube-Kanal eingestellt (youtube.com/baeckerhandwerk). Diesen Spot können auch Innungen für ihre Öffentlichkeitsarbeit buchen.


Artikel vom 23.04.2010
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