INTERVIEW der woche
Im doppelten Sinn nachhaltig erfolgreich
ABZ: Sie führen das Backhaus Jäger inzwischen in der dritten Generation. Sie haben einen tollen Erfolg. Was ist das Geheimnis?
Andreas Jäger: Ein Geheimnis gibt es nicht. Im Gegenteil. Wir kommunizieren unsere Philosophie einer breiten Öffentlichkeit. Ich selber halte zum Beispiel Vorträge über belebtes Wasser und die Bioverfügbarkeit von Lebensmitteln. Uns geht es nicht um schnellen Gewinn, sondern um die Nachhaltigkeit des Ganzen.
ABZ: Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit? Wie kommt man überhaupt dazu, sich solche Gedanken zu machen?
Andreas Jäger: Nachhaltigkeit ist die Überlegung, mehr als nur einen Schritt voraus zu denken. Als ich 1995 den Betrieb meiner Eltern übernommen habe, waren wir soweit, dass wir den Kapitalismus am liebsten neu erfunden hätten. Immer mehr Automatisierung und immer rationeller. Auf der Strecke geblieben ist der Geschmack. Man kann nicht gegen die Natur arbeiten. Wir müssen mit der Natur sein, dann unterstützt sie einen auch. Wir haben gemerkt, dass wir täglich einen Kunden verlieren. Also kann man sich ausrechnen, wann man pleite ist. Wir haben uns auf unsere ursprünglichen Stärken zurück besonnen. Dies sind traditionelle Rezepturen, handwerklich hergestellt und mit Rohstoffen aus der Region. Warum soll das heute nicht mehr funktionieren?
Dass es funktioniert, dass zeigen unsere Zuwachsraten. Wir kommunizieren mit dem Unterbewusstsein der Kunden. Wenn es ihnen schmeckt, erinnern sie sich positiv an uns und kommen wieder. Wir müssen nicht über den Preis verkaufen. Sonderangebote und ähnliches gibt es nicht.
ABZ: Wie sieht es dann bei Ihnen in der Backstube aus? Welche Rohstoffe und welche Technik setzen Sie ein?
Andreas Jäger: Nachhaltigkeit setzt natürlich bei den Rohstoffen ein. Ich halte nichts von einem staatlich verordneten Bio, sondern möchte einige Schritte weiter gehen. Wir setzen Rohstoffe aus der Region ein. Wir kennen die Produzenten und deren Methoden. Dies schafft Transparenz und Vertrauen.
Nicht finden werden Sie in unserer Backstube Teiglinge. Auch hier setzen wir auf konsequente Eigenproduktion. Eher differenziert sehe ich das Thema Convenience-Produkte. Wir setzen sie dort ein, wo sie Vorteile bringen. Wir setzen sie jedoch nicht ein, wo wir vergleichbar werden.
Beim Blick auf das Thema Technik muss ich gestehen, dass uns dies viel Geld gekostet hat. Wir sind hier ganz bewusst zurück gegangen zur Handarbeit. Maschinen wurden, teilweise mit hohen Verlusten, wieder verkauft. Aber ein Roggenmischbrot mit einer TA von über 180 lässt sich nun mal nur mit der Hand aufarbeiten, ohne dass es negative Veränderungen in der Krumenstruktur gibt. Auch dies merken die Kunden.
ABZ: Sie setzen auch eher untypische Rohstoffe wie belebtes Wasser und Deutsches Steinsalz ein. Was spricht Ihrer Meinung nach dafür?
Andreas Jäger: Wir machen dies schon seit Jahren und sind nicht auf irgendeinem Trend aufgesprungen. Hier möchte ich klar das Argument der Bioverfügbarkeit nennen. Das deutsche Steinsalz hat im Gegensatz zum „normalen“ Salz noch alle ursprünglich vorhandenen Mineralien enthalten. Alles was darin ist, ist natürlich. Das merkt auch der Körper. Den Kopf können Sie mit billigen Preisen blenden. Ihre Intuition können Sie nicht austricksen. Aus diesem Gründen setzen wir zum Beispiel auch nur frisches Obst oder Püree ein. Unsere Produkte sollen einen natürlichen Geschmack haben. Künstliche Aromen und ähnliches haben wir nicht.
ABZ: In Ihrer Werbung stellen Sie den Slogan „Zeit für Geschmack“ heraus. Was wollen Sie hier mitteilen?
Andreas Jäger: Diesen Slogan haben wir als Marke schützen lassen. Nachhaltigkeit ist eben nur möglich, wenn ich mir Zeit nehme. Zeit für frische Rohstoffe, Zeit für handwerkliche Aufarbeitung und langen Teigruhezeiten, Zeit für umfassenden Service den Kunden gegenüber. Aber auch Zeit zum Genuss dieser Backwaren.
ABZ: Welche Rolle spielen in Ihrem Unternehmenskonzept die Mitarbeiter? Alleine können Sie dies doch nicht schaffen!
Andreas Jäger: Uns ist allen klar, dass wir die gesteckten Ziele nur gemeinsam erreichen. Deshalb sehen wir uns als Team. Die Mitarbeiter haben Berufskleidung mit der Aufschrift „Team Jäger“. Das genügt jedoch nicht. Viel wichtiger ist eine entsprechend ausgerichtete Mitarbeiterführung. Den Mitarbeitern muss es Freude machen, zur Arbeit zu kommen. Die Mitarbeiter bestimmen mit und haben automatisch Mitverantwortung. Kommunikation und Kooperation sind das Wichtigste im Betrieb. Wir schulen auch unsere Mitarbeiter regelmäßig. Verkaufsschulungen für Verkaufsmitarbeiter bei 5-Sterne-Bäcker. Teigmacherschulungen bei Backaldrin in Asten oder Schulungen für unsere Konditoren beim Konditorenweltmeister Bernd Siefert.
Herausstellen will ich vor allem die Bedeutung von Verkaufsschulungen im Verkaufsbereich. Die Verkäuferin ist eben die Nahtstelle zum Kunden.
Wir führen auch innerbetriebliche Schulungen und Versammlungen durch. Hier werden die einzelnen Gruppen Backstube, Konditorei, Verkauf und Fahrer zusammen gebracht. Die Verkettung muss allen klar sein. So können Probleme behoben oder sogar vermieden werden. (pf)
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