Branche_Politik

Gute Ausbildung sichert Zukunft

Bäckerverband Westfalen-Lippe sucht Dialog mit Politikern / Peter Karst als neuer Verbandsgeschäftsführer erstmals auf dem Verbandstag


Münster (rh). Nicht nur im Vorfeld von Wahlen, auch danach gibt es noch einige Politiker, die sich zum Handwerk bekennen. Ein Beispiel dafür ist die Münsteranerin Claudia Bögel, die als FDP-Abgeordnete im Bundestag tätig ist. „Der Mittelstand liegt mir besonders am Herzen“, so ihr Credo. Vor allem auch das Handwerk gehöre unmittelbar dazu. Bei den Bäckern lobte sie ganz besonders die Anstrengungen rund um die Ausbildung. Die Förderung des Nachwuchses sei wichtig für die Wirtschaft und geradezu vorbildlich. Sie forderte die Delegierten beim Bäckerverband Westfalen-Lippe in Münster auf, sich mit ihren Wünschen und Anregungen an die jeweiligen Abgeordneten zu wenden. Nur so könne eine erfolgreiche Politik vor Ort betrieben werden. Landesinnungsmeister Heribert Kamm war daher einer der ersten, die sich in dieser Sache zu Wort meldeten. So sei beim Ladenschluss nicht nur die Frage, ob an bestimmten Tagen geöffnet werden könne, sondern ob eine Gleichbehandlung stattfinde. „Der Großkonzern darf Brötchen auch am Pfingstmontag, Ostermontag und am zweiten Weihnachtstag verkaufen, der Handwerksbäcker nicht. Das ist ungerecht“, hob er hervor. Es sei erfreulich, dass die Rezession der vergangenen Monate die Bäcker nicht so hart getroffen habe wie manch andere Branche. Auch im Krisenjahr 2009 habe der Verbraucher die hohe Qualität und den regionalen Bezug des Handwerksbäckers zu würdigen gewusst, stellte er fest.

Der Blick in die Zukunft bringe ohnehin genügend Probleme. Eines davon seien die Zahlen bei den potenziellen Azubis. So beginne die Mitarbeiter-Förderung bereits jetzt, wenn man einem Mangel vorbeugen wolle. Die Facharbeiter würden auf Sicht ohnehin knapp. Der Verbraucher verlange handwerkliche ursprüngliche Produkte und dazu eine fachliche Beratung an der Theke. Originalität und Frische bilden hiermit die Basis für die Überlebenschance des Bäckerhandwerks, so Heribert Kamm.

Wer jetzt die richtige Auswahl treffe und wem es gelinge, die passenden Talente zu finden, habe auch für die Zukunft keine Sorgen. Da könne es nicht angehen, dass es viele Beschwerden über die Ausbildung gebe. Lehrlinge seien nun einmal nicht als billige Arbeitskräfte zu sehen, sondern als eine Chance zur Erhaltung der Zukunftsfähigkeit, machte er deutlich.

Das vergangene Jahr war auch geprägt durch die Trennung des langjährigen Geschäftsführers Dr. Friedrich Wirsam. Nach 30-jähriger Tätigkeit habe man sich einvernehmlich getrennt und einen Nachfolger gefunden. Mit einigen klaren Statements stellte sich Peter Karst als neuer Geschäftsführer vor. Es gehe seiner Ansicht nach darum, sich als Handwerk nicht nur in der Öffentlichkeit zu profilieren, sondern auch immer wieder darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln und Wegen man am besten vorwärts komme. Hierzu trage die Beratungsleistung des Landesinnungsverbandes auf besondere Weise bei. Diese solle daher auch noch stärker in Anspruch genommen werden, wünscht er sich. Die ERFA-Kreise sieht er als sinnvolles Mittel zur Verbesserung der Strukturen und Stärkung des Profils.

Sein Ausblick auf die nächsten Monate umfasste zahlreiche Aktionen und Kooperationen. Beispielsweise sei die Kooperation mit Adveniat eine Chance, als Handwerk auf breiter Ebene wahrgenommen zu werden. Die Devise „Gutes Essen – gutes Tun!“ startet im Herbst in einem eigens dafür entwickelten „Adveniat-Brot“. Gefördert werden Ausbildungsprojekte in Lateinamerika.

Peter Becker, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, erörterte, wie es möglich ist, den Spagat zwischen Tradition und Zukunft im Handwerk zu meistern. So lobte er den westfälisch-lippischen Verband als eine der Säulen des deutschen Bäckerhandwerks. Dieser sei durch Aktivitäten und Persönlichkeiten geprägt, die sich stark in den Zentralverband einbringen. So gehöre der Landesinnungsmeister nun auch zum Präsidium des Zentralverbandes. Ein besonderes Kompliment galt der Olper Schule.

Tradition und Zukunft

Wer über die Zukunft nachdenke, dürfe die Tradition nicht außer Acht lassen. Es sei recht positiv, die Wurzeln mitzunehmen und darauf aufzubauen. Dieses Wurzelwerk sei durch die Produkte geprägt, die das Bäckerhandwerk herstelle. Diese hätten nun einmal einen Status, der über den des reinen Lebensmittels hinausgehe. „Brotduft ist einfach sexy!“, machte er den Kollegen Mut. Seine Prognose lautete, dass das Handwerk zwar in Sachen Betriebszahlen weiter abschmelzen werde, aber die Position durchaus behaupten könne. Hierzu gehören Flexibilität, Kundennähe und den Finger am Puls aktueller Trends zu haben.

Die Unterstützung der Imagekampagne des Handwerks hält er für eine weitere Selbstverständlichkeit im Sinne der eigenen Zukunft. Es sei wichtig, von der Jugend als dynamisches Berufsfeld mit Karrierechancen wahrgenommen zu werden. „Wir brauchen gute junge Leute, denen die Ausbildung im Bäckerhandwerk Spaß macht“, fasste er zusammen.

Sein Debüt hatte auch Rechtsanwalt Amin Werner als neuer Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Er berichtete über den Stand der Diskussion zur europäischen Lebensmittelinformationsverordnung und der Kennzeichnungspflicht für lose Ware sowie zu den sogenannten Health Claims. Hier sei noch einiges an Arbeit zu erledigen, sagte er. Auf jeden Fall müsse man sich darauf einstellen, dass eine Deklaration der Allergene in naher Zukunft kommen werde. In diesem Zusammenhang beklagte er eine „Beratungsresistenz“ der EU-Kommission, die sich den Einwänden des Lebensmittelhandwerks verschließe.

Auch wenn man gegen die sogenannten „Smileys“ sei, könne man es kaum verhindern, dass die Gesetzgebung bundesweit in diese Richtung gehe. Das Bäckerhandwerk sei dagegen, zumal es wenig Personal bei den Überwachungsbehörden gebe. Daher könne der eine Handwerker einen Smiley bekommen, während der andere Monate lang nicht geprüft werde.


Artikel vom 16.06.2010
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