INTERVIEW der woche

Grundlage für Qualitätsangebot schaffen


Im Handwerk darf bei der Ausbildung keine „Geiz-ist-geil-Mentalität“ einreißen. Nur mit gut ausgebildeten Mitarbeitern bestehen die Betriebe am Markt, oder andersrum: Soviel Qualifikation wie möglich sollten junge Handwerker anstreben. So der Appell von ZDH-Präsident Otto Kentzler in einem Auszug aus einem Interview mit der Westfälischen Rundschau.

Entwickeln sich die Geschäfte in allen knapp 100 Berufszweigen des Handwerks ähnlich gut?

Otto Kentzler: Nein. Die Gesundheitsberufe leiden zum Beispiel unter den Veränderungen im Gesundheitswesen. Die Lebensmittelberufe kämpfen weiter mit Nachwuchsmangel – zu wenige wollen Fleischer oder Bäcker werden. Die Kfz-Branche wiederum hatte dank der Vorzieheffekte aufgrund der drohenden Mehrwertsteuererhöhung ein sehr gutes Jahresendgeschäft, jetzt aber zweistellige Umsatzeinbrüche.

Sind Sie für die Einführung von Mindestlöhnen in allen Handwerkszweigen, nicht nur im Baugewerbe und seit jüngstem bei den Gebäudereinigern?

Otto Kentzler: Wir wollen keine gesetzlichen Mindestlöhne, dieses Thema ist Sache der Tarifparteien in den einzelnen Handwerksbranchen. Wenn dies bundesweit vereinbart ist, dann kann ein Mindestlohn festgelegt werden. Eins ist aber klar: Wenn der Staat den Lohn festlegt, sind Anreiz und Wettbewerb abgeschnitten – das kann man nicht machen. Es wird ja oft das Beispiel der Friseure genannt. Aber in deren Tarifverträgen sind Umsatzkomponenten enthalten: Zusätzlich zum Lohn werden die Mitarbeiter am Umsatz des Friseurgeschäfts beteiligt. Leute, die etwas leisten, sollen auch entsprechend Geld verdienen.

Das deutsche Handwerk soll sich über Qualität gegen Niedriglohn-Konkurrenten absetzen. Seit dem Wegfall des Meisterzwangs vor drei Jahren ist die Zahl der Betriebe aber hochgeschnellt. Wie wichtig ist denn dann noch der Meisterbrief?

Otto Kentzler: Sehr wichtig. Der Meisterbrief beweist, dass sich der Inhaber fachlich auf höchstem Niveau fortgebildet hat, ausreichende betriebswirtschaftliche Kenntnisse für die Selbstständigkeit erworben hat und zur Ausbildung befähigt ist. Unsere Meisterbetriebe haben doch den guten Ruf des Handwerks und des dualen Ausbildungssystems in die Welt getragen. Sie sind auch das Rückgrat der Ausbildung. In gewerbefreien Berufen wie dem Fliesenleger haben mehr als 80 Prozent der neu zugelassenen Unternehmer keine einschlägige Ausbildung, nur wenige haben den Gesellenbrief, also eine abgeschlossene Berufsausbildung. Das ist gefährlich. Wir sollten die Geiz-ist-geil-Mentalität nicht auf die Ausbildung übertragen. Nur wer besser ausgebildet ist als andere, wer Qualität bietet, kann am Markt bestehen. Das zeigt auch die oft kurze Lebensdauer der Billig-Unternehmen.

Die Bundesregierung hat also ihre Reformziele verfehlt?

Otto Kentzler: Ziel der rot-grünen Bundesregierung war es, dass die Zahl der Betriebe steigt, dadurch mehr Menschen Arbeit bekommen und mehr junge Menschen ausgebildet werden. Die Zahl der Betriebe ist gestiegen – alles andere wurde nicht erreicht. Da die neuen Unternehmer in den 53 seit 2004 gewerbefreien Berufen in der Mehrzahl ohne Qualifikation sind und meist Kleinstbetriebe führen, wird die Qualität der Leistungen rapide absinken, davon bin ich fest überzeugt.

Schlägt sich das auch auf die Ausbildung des Handwerker-Nachwuchses nieder?

Otto Kentzler: Nehmen Sie beispielsweise das Fliesenleger-Handwerk. Ausländische Billig-Konkurrenz und Ich-AG-Betriebe setzen Meisterbetriebe mit Billig-Preisen so unter Druck, dass viele geschrumpft sind. Ein Betrieb, der vor vier Jahren beispielsweise noch 60 Mitarbeiter hatte und entsprechend viele Auszubildende, hat heute oft nur noch fünf Facharbeiter – und auch nur einen Lehrling. Hier wirken jetzt tatsächlich die Marktkräfte. Viele Betriebe haben umstrukturiert und hoffen, dass sich die angebotene Qualität beim Verbraucher durchsetzt.

Würden Sie einem Jugendlichen heute raten, ins Handwerk zu gehen?

Otto Kentzler: Ja sofort. Wenn er eine entsprechende Neigung hat, ist er nirgends besser aufgehoben. Aber er muss bereit sein, sich immer wieder den neuen Herausforderungen zu stellen. (p)


Artikel vom 27.04.2007
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