INTERVIEW

Eine Sachsenback mit Synergieeffekten


Die Sachsenback 2005 ist vom 30. Oktober bis 1. November 2005 erneut der Treffpunkt der Bäckerbranche in Leipzig (siehe auch Berichte auf Seite 4). Erstmals finden parallel zur Sachsenback auch die FleiFa für das Fleischerhandwerk und die Gastronomiemesse „Gaste“ statt. Zu seinen Erwartungen für die „drei tollen Tage“ und die aktuelle wirtschaftliche Lage des sächsischen bzw. ostdeutschen Bäckerhandwerks befragten wir Sachsen Landesobermeister Michael Wippler.

ABZ: Die „Sachsenback 2005“ steht unmittelbar bevor. Mit welchen Erwartungen sehen Sie diesem wichtigen Branchenereignis entgegen?

Michael Wippler: Mit sehr großen – und dies aus verschiedenen Gründen. Zum einen gibt es 2005 erstmals die für alle Beteiligten günstige Konstellation, dass die zweitgrößte Bäckerfachmesse Deutschlands erstmals zeitgleich mit der Fachmessen für das Fleischerhandwerk „FleiFa“ und der Gastronomiemesse „Gäste“ auf dem modernen Leipziger Messegelände stattfindet. Dies ist zunächst Ausdruck dafür, dass das Nahrungsmittelhandwerk und –gewerbe zahlreiche gemeinsame Berührungspunkte haben und durch die veränderten Wünsche und Verzehrgewohnheiten der Verbraucher immer enger zusammenrücken. Darüber hinaus können die Fachbesucher, gleich ob Handwerksmeister, Mitarbeiter oder Auszubildende, viele neue Ideen aus den anderen Branchen mitnehmen und in den eigenen Betrieben umsetzen, was ihre Angebote erweitern hilft und sie ihre Position am Markt stärken lässt. Die Aussteller können durch diese „Dreier-Messe“ Synergieeffekte verstärkt nutzen und mit einer einmaligen Messebeteiligung Fachbesucher aus drei Branchen ansprechen, ihnen Impulse geben und Perspektive aufzeigen. Die überaus verkehrsgünstige Lage des modernen Leipziger Messegeländes wird auch 2005 dafür sorgen, dass „Sachsenback“ und Co. ihren Einzugsbereich noch mehr als im Vorjahr erweitern werden – über Polen und Tschechien, über Hessen, Niedersachsen und Bayern hinaus.

Zum anderen hoffe ich darauf, dass die bereits im Vorjahr konstatierte positive Branchenstimmung zumindest aufgenommen und vielleicht sogar ausgebaut werden kann. Das überaus erfreuliche Messeergebnis der südback von Mitte Oktober hat meine Hoffnungen trotz des wirtschaftlich schwierigen Umfeldes zusätzlich bestärkt – auch weil schon seit Wochen die Ausstellungsflächen in der Messehalle 1 bis auf den letzten Quadratmeter völlig ausverkauft sind. Das Hauptgewicht der Präsentationen bilden übrigens innovative Produkte der Arbeits- und Betriebstechnik mit einem Anteil von immerhin 40 Prozent der ausgestellten Güter, denn vor allem im Bereich der Tiefkühltechnik besteht ein relativ hoher Investitionsbedarf.

ABZ: Mit welchen Problemen hat speziell das sächsische Bäckerhandwerk derzeit zu kämpfen?

Michael Wippler: Die Verunsicherung nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den Betriebsinhabern hält seit der Bundestagswahl vom 18. September unvermindert an. Die entstandenen Mehrheitsverhältnisse lassen erahnen, dass es sehr schwierig wird, wirkliche Reformen, auf die die deutsche Wirtschaft dringend wartet, überhaupt umzusetzen. Das stimmt uns sehr bedenklich, und deshalb blicken viele unserer klein- und mittelständischen Unternehmen mit Skepsis in die Zukunft: Wird es eine Steuerreform und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer geben, und welche Auswirkungen hat dies für die Handwerksbetriebe? Werden sich die Betriebskosten eventuell noch weiter erhöhen, die durch den dramatischen Anstieg der Energiepreise aus dem Ruder zu laufen drohen und trotz Kaufzurückhaltung und sinkender Kaufkraft bei den Verbrauchern auf die Preise umgelegt werden müssen. Lohnen sich in dieser Situation überhaupt noch Investitionen? Diese und weitere Fragen werden wir mit den Ausstellern und im Kreise der Kollegen ausführlich debattieren und dabei nach Antworten und Lösungsansätzen suchen.

ABZ: Diese schwierige Marktlage wird ja gerade in Sachsen durch die Einfuhr böhmischer Billigbackwaren derzeit noch zusätzlich verschärft...

Michael Wippler: Ja und nein: Natürlich sind viele Kunden neugierig, wenn jetzt wie in Chemnitz oder Radeberg tschechische Bäcker Verkaufsfilialen eröffnen und Semmeln, Hörnchen und Brot zu Dumpingpreisen anbieten. Einen solchen Preiskampf kann ein sächsischer Handwerksbetrieb nicht mitgehen, sondern nur verlieren. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass nicht das Bäckerhandwerk, sondern Discounter wie Aldi, Lidl & Co. langfristig Kunden an solche Billig-Filialen verlieren werden. Denn diese „Schnäppchenjäger“, die kaum auf Qualität achten, haben auch vorher kaum im Bäcker-Fachgeschäft eingekauft.

Dennoch dürfen wir die Zeichen der Zeit nicht verschlafen und müssen unsere Kunden mit guter Qualität und absoluter Frische unserer Produkte, mit neuen Ideen und guter Beratung, die sie weder im Supermarkt noch beim bömischen Bäcker finden, weiterhin an die Handwerksbetriebe binden. Und über die Jahrzehnte haben viele Verbraucher ein regelrechtes Vertrauensverhältnis zu „ihrem“ Bäckermeister um die Ecke und zu dessen typisch sächsischen Produkten nach überlieferten Rezepturen entwickelt. Dieses Vertrauensverhältnis gilt es gerade jetzt zu festigen und weiter auszubauen, denn „typisch Sächsisches“ wird der Kunden beim Tschechen-Bäcker vergeblich suchen. Auch deshalb mussten in Dresden nach wenigen Wochen die ersten tschechischen Filialen schon wieder schließen, denn diese zumeist in großen Industriebetrieben hergestellten Produkte entsprachen nicht dem Qualitätsbewusstsein vieler Verbraucher. Im Umkehrschluss sollte sich so mancher im Grenzgebiet ansässige Bäckermeister überlegen, ob es sich nicht doch lohnen könnte, eine Filiale in Tschechien zu eröffnen oder den dortigen Verbrauchern per Verkaufsmobil die hochwertigen typisch sächsischen Backwaren anzubieten. Mehr noch: In Zittau hat Obermeister Gerd Kolbe in seinen Geschäften inzwischen auch polnische und tschechische Verkäuferinnen beschäftigt sowie alle Waren auch in polnisch und tschechisch „ausgepreist“ mit dem Ergebnis, dass zunehmend mehr Verbraucher aus diesen beiden Nachbarländern typisch sächsische Backwaren in höchster Qualität erwerben – natürlich zu den hiesigen vergleichsweise höheren Preisen. Auch solche Erfahrungen und weitere Anregungen will die „Sachsenback“ vermitteln.

ABZ: Worauf freuen Sie sich während der drei Messetage am meisten?

Michael Wippler: Das ist schwer zu sagen, denn die erneut praxisorientierte Mischung macht den an den Markterfordernissen orientierten Charakter unserer Sachsenback aus – von den Investitionsgütern namhafter Maschinenbauer über die vielfältigen Angebote und Eigenmarken unserer Bäko-Wirtschaftsorganisation bis hin zu neuen Anregungen und Trends im Backforum als dem Herzstück der Messe, wo wir für die Backvorführungen die Niederlande als Partnerland begrüßen können, oder auf dem Konditoren-Ideenmarkt. Hier wird es mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, bei der fünf Spiele in Leipzig ausgetragen werden, einen Wettbewerb für phantasievolle handwerkliche Schaustücke geben, an dem sich alle Innungen, Betriebe, Bäcker-Fachvereine, Einzelpersonen und Lehrlinge beteiligen können. Zum zweiten Mal wird auf der Sachsenback eine spezielle Bio-Brotprüfung organisiert, zu der nicht nur zahlreiche Saxonia-Mitgliedsbetriebe ihre Proben einreichen werden.

ABZ: Kommen bei dieser Fülle der Angebote für die Fachbesucher der Erfahrungsaustausch der Bäckermeister und das freundschaftliche Miteinander der Kollegen nicht doch etwas zu kurz?

Michael Wippler: Keinesfalls, denn gerade „unsere“ Sachsenback mit ihrer besonderen Atmosphäre bietet einen optimalen Rahmen für die Pflege der freundschaftlichen Kontakte innerhalb unserer „Bäckerfamilie“. So werden sich auch in diesem Jahr die fünf ostdeutschen Landesverbände gemeinsam mit Niedersachsen und Bremen an einem Gemeinschaftsstand präsentieren und den Bäckermeistern mit ihren Geschäftsführern, Mitarbeitern und Betriebsberatern zur fachlichen Information zur Verfügung stehen. Wir Sachsen wollen dabei umfassend über die Vorbereitung des 125-jährigen Bestehens unseres Saxonia-Landesverbandes im Jahre 2007 berichten. Zu den Höhepunkten der Messe zählt zweifelsohne erneut der „Bäckertreff“ im Oldtimermuseum und in der Eventhalle „Da Capo“, wo wir den ersten Messetag am Sonntagabend in gemütlicher Runde ausklingen lassen wollen. (ps)


Artikel vom 03.11.2005
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