INTERVIEW der woche

Effektiv in Mitarbeiter investieren


Personalprobleme kennzeichnen die Branche. Mal geht es darum, nicht die geeigneten Mitarbeiter zu finden, anderen Ortes plagt man sich mit dem Problem, gute Mitarbeiter zu halten. Die ABZ sprach mit Manfred Berroth, Inhaber des Backparadies Berroth in Schwäbisch Gmünd, der sich im letzten „Top Job“-Wettbewerb als einer der 100 besten Mittelstandsunternehmer Deutschlands platzieren konnte (siehe auch Bericht auf Seite 21).

ABZ: Sie haben am „Top Job“-Wettbewerb teilgenommen, der ins Leben gerufen wurde, um Mittelstandsunternehmen bei der Personalsuche und –motivation zu unterstützen. Glauben Sie, dass so ein Wettbewerb von Nöten ist?

Manfred Berroth: Der Mittelstand hat in der Regel Personalprobleme, weil er zu wenig in sein wichtigstes Kapital, die Mitarbeiter, investiert. Vielen Unternehmern geht es, wie es mir ging: ich war nach meiner Ausbildung und der Meisterschule fachlich gut ausgebildet. Doch ich hatte Defizite im Bereich Personalwesen und Betriebswirtschaft. Deshalb habe ich den Betriebswirt des Handwerks gemacht und mich durch Seminare und Kurse im Bereich Personal, Verwaltung und Marketing intensiv weitergebildet. Ich habe einfach erkannt, dass die Ressource Mitarbeiter gepflegt werden muss und dass man in sein Personal investieren muss.

ABZ: Sie tun das durch die Zahlung von Kindergartenbeiträgen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie einer selbst kreierten Bäcker-Rente.

Manfred Berroth: Das war uns nicht immer möglich. Wir haben hier im Gewerbegebiet Gügling gebaut und konnten in manchen Jahren den Mitarbeitern nicht die vollen Extraleistungen anbieten. Das haben wir durch Offenheit, Menschlichkeit und Eingehen auf die familiären und persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter zu kompensieren versucht.

ABZ: Der Dialog zwischen und mit den Mitarbeitern wird in Ihrem Haus groß geschrieben. Glauben Sie, viele Arbeitsverhältnisse scheitern an „Sprachlosigkeit“?

Manfred Berroth: Ganz sicher. Die Verkäuferinnen sind tendenziell eher kommunikativ. Aber gerade unsere Bäcker haben nicht gelernt, über sich, ihre Emotionen und Probleme zu sprechen. Wird ihnen das nicht beigebracht und wird für das Gespräch im Betrieb kein Forum geschaffen, erfährt der Arbeitgeber oft nicht einmal, warum ein guter Mitarbeiter plötzlich kündigt. In einem Klima von Angst vor dem Chef und Sprachlosigkeit ist Fluktuation programmiert.

ABZ: Doch oft ist es ja nicht das Problem, Mitarbeiter zu halten, sondern sie zu gewinnen.

Manfred Berroth: Wir haben damit zwar keine Schwierigkeiten, aber grundsätzlich stimmt das. Das Image des Bäckers ist ja noch immer nicht so, wie die Branche es bräuchte und wie es der Realität entspricht.

ABZ: Wie beurteilen Sie die Unterschiede zwischen dem Image des Bäckers und seinem tatsächlichen Berufsalltag?

Manfred Berroth: Erstens kursiert noch immer das Negativbild des frühen Aufstehens. Es wird immer wieder ins Feld geführt, um unser Handwerk negativ zu sehen. Doch in der Ausbildung greift natürlich der Jugendschutz und kein Azubi muss in der Nacht am Ofen stehen. Und die Erwachsenen empfinden ihre Arbeitszeiten mehrheitlich als sehr positiv und Familien freundlich. Wer nachts um vier mit der Arbeit beginnt, hat am frühen Nachmittag frei und kann ins Schwimmbad gehen, Erledigungen machen oder sich um die Kinder kümmern.

ABZ: Trotz moderner Technik halten sich die Vorurteile hartnäckig.

Manfred Berroth: Leider. Das ist auch ein Grund, warum sich vielerorts nur diejenigen um Ausbildungsplätze in der Bäckerei bewerben, die nichts anderes bekommen. Das sind meist die schlechten Schüler, die in letzter Not „halt Bäcker werden“. Dass sie in diesem Beruf dann nicht sonderlich erfolgreich werden, versteht sich von selbst, wenn man sieht, was der Arbeitsalltag in der Bäckerei heute fordert. Die Maschinen sind Computer gesteuert, Programme müssen eingestellt werden, es gilt zu dokumentieren und zu kontrollieren.

In Zeiten von HACCP und EU-Norm muss jemand schon in der Lage sein, Zusammenhänge zu verstehen und sie umzusetzen, einen PC zu bedienen und verantwortlich zu handeln. Wer in der Hauptschule gravierende Probleme hatte, bekommt in der anspruchsvollen Ausbildung ernsthafte Schwierigkeiten.

ABZ: Nach welchen Kriterien stellen Sie Azubis ein?

Manfred Berroth: Gute Noten sind uns wichtig, denn sie sind ein Indikator für Lernfähigkeit. Außerdem sind gute Schüler meistens motiviert und wissen, dass sie sich anstrengen müssen, um ihre Ziele zu erreichen.

ABZ: Was hat das Bäckerhandwerk, Ihrer Meinung nach, jungen Menschen zu bieten?

Manfred Berroth: Erstens Sicherheit. Das Nahrungsmittelhandwerk ist kaum konjunkturellen Schwankungen unterworfen. Zweitens jede Menge Aufstiegs-, Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Drittens Menschlichkeit. Während der einzelne Angestellte in der Industrie nur eine Nummer ist, zählt im Handwerk die Persönlichkeit, das soziale Umfeld, die Menschlichkeit. Während „Shareholder“ nur darüber nachdenken, wie sie ihre Pfründe mehren können, nehmen die Unternehmern im Handwerk ihre Verantwortung den Mitarbeitern und deren Familien gegenüber noch wahr.

ABZ: Das klingt nach selbstlosem, sozialem Engagement...

Manfred Berroth: Natürlich können wir Faulenzer und Drückeberger nicht grenzenlos durchziehen. Auch wir sind Unternehmer und der Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe verpflichtet. Aber wir werfen unsere Mitarbeiter nicht gleich raus, wenn sie eine persönliche Krise haben, wenn sie krank werden oder der Unternehmensgewinn Schwankungen unterliegt. Wir fühlen uns verpflichtet, zu unseren Mitarbeitern zu halten, so wie sie zu uns halten. Da lässt man sich gegenseitig nicht so einfach im Stich.


Artikel vom 14.06.2007
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