Der ABZ – Tipp der Woche

Die Leere des Raumes


Wenn man sich nach einem Raum der Stille sehnt, dann ist ein Kirchenbesuch zu empfehlen. Aber leider bleiben viele Gotteshäuser an Werktagen verschlossen. Eine Alternative könnte vielleicht sein, spezielle Bäckereigeschäfte aufzusuchen. In Sachen Spiritualität sind diese beiden grundverschiedenen Orte natürlich nicht zu vergleichen. In Sachen Stille, Ruhe und Alleinsein aber manchmal schon! Vor kurzem durfte ich diese Einsamkeit als Kunde wieder einmal am eigenen Leib erfahren: Ich betrat eine Bäckerei. Neben ein paar Stubenfliegen war ich hier offenbar das einzige Lebewesen weit und breit. Keine anderen Kunden waren da – und Verkaufspersonal war auch nicht zu sehen. Ein Moment der Stille eben! Bei genauem Hinhören waren verdächtige Geräusche aus dem Nebenraum auszumachen. Messerscharf konnte ich kombinieren, dass dort jemand mit Backwarennachschub beschäftigt war.

Dass in diesem kleinen Geschäft zu dieser Zeit nichts Anderes als eine Ein-Mann-Besetzung tragbar war, das war mir klar. Ich wartete also geduldig und hatte dabei Zeit, mir in der Theke die gewünschte Backware auszusuchen. Nach etwa zwei oder drei Minuten des Alleinseins wäre vielleicht ein kurzer Blick der ominösen Person aus dem Nebenraum angebracht gewesen mit einem Spruch wie: „Einen ganz kleinen Moment noch!“ Oder: „Ich bin gleich für Sie da!“ Aber nichts dergleichen! Dafür konnte ich mir die Wartezeit jetzt mit einem zweiten Kunden vertreiben, der das Geschäft ebenfalls betreten hatte.

Und dann geschah das kleine Wunder doch noch. Nach geschlagenen vier Minuten tat sich wieder etwas im Nebenraum. Die allmählich dringend ersehnte Verkäuferin erschien mit einem Korb frischer Brötchen, die sie in eine Verkaufsschütte leerte. Auch jetzt wäre immer noch Gelegenheit gewesen, diese Verspätungssituation wieder gerade zu biegen. Mit einem ganz einfachen Lächeln der Verkäuferin hinüber zu uns Kunden wäre alles erledigt gewesen. Oder mit einer Entschuldigungsformel wie: „Sorry, dass Sie so lange warten mussten! Aber jetzt bin ich wieder da!“ Aber das genaue Gegenteil war der Fall: Ohne Begrüßung und mit einem Sieben-Tage-Regenwetter-Blick wurden wir wortlos gemustert. Was sie in diesem Moment über uns dachte, war klar. Ihr Gesicht sprach schließlich Bände: „Diese beiden Kunden-Exemplare haben mir jetzt gerade noch gefehlt!“ Ein wirklich herzlicher und warmer Empfang! Eine wunderbare Atmosphäre! Ein herrliches Eisschrank-Klima!

Weitere Informationen:

Internet: www.us-beratung.de

E-Mail: ulrich.stoekle@t-online.de


Artikel vom 04.01.2007
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