INTERVIEW der Woche

Die Gentechnik geht jeden etwas an


Peter Geldner ist Vorstand der Meyermühle in Landshut und wurde jüngst zum Botschafter des Umweltpaktes Bayern ernannt. 1996 wurde die Mühle als erste in Europa mit dem Umweltmanagementsystem EMAS zertifiziert. Nicht nur deshalb kann sich die Meyermühle als Bio-Mühle Nr. 1 bezeichnen. Nachhaltiges Wirtschaften und erfolgreiches Wirtschaften vereint das Unternehmen.

ABZ: Herzlichen Glückwunsch als Umweltbotschafter. Welche Botschaft werden Sie übermitteln?

Peter Geldner: Natürlich ist die Ernennung eine Ehre für mich. Mir geht es vor allem darum, im Sinne des Umweltpaktes Unternehmen Mut zu machen, sich umweltbewusst und damit verantwortungsbewusst zu verhalten.

Umweltschutz und erfolgreiches Wirtschaften in einem Unternehmen stehen nicht im Widerspruch – im Gegenteil: Sie müssen eng miteinander verbunden werden, damit auch die Zukunft des Unternehmens gesichert ist.

Derartiges Handeln ist aber auch unbedingt notwendig, damit jene Erblast nicht noch größer wird, die wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen – ein Erbe, das unsere Kinder und Enkel nicht ablehnen können.

Wir in der Meyermühle haben in Zusammenarbeit mit über 600 bäuerlichen Familienbetrieben einen erfolgreichen Weg eingeschlagen: Seit einem Vierteljahrhundert wirtschaften wir im Einklang mit der Natur, erzeugen wir Lebensmittel, die das Prädikat „Bio“ verdienen.

ABZ: Wie sehen Sie die Entwicklung des Bio-Marktes?

Peter Geldner: Wir verarbeiten nicht nur Bio-Produkte, wir denken im übertragenen Sinn auch „Bio“, das heißt, das Leben, griechisch „bios“, und alles, was einem gesunden, erfüllten Leben nützt, beherrscht unser Denken, unser Handeln und unser Trachten.

Bio-Produkte bilden zudem – auch für Bäcker – einen großen Wachstumsmarkt. Und führende Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass dieser Markt weiter dynamisch wachsen wird – wenn, ja wenn nicht ein Damokles-Schwert über der Zukunft dieses Marktes schweben würde: eine Drohung, welche die auf den ersten Blick harmlose Bezeichnung „grüne Gentechnik“ trägt.

ABZ: Sie haben sich bei der Ernennung zum Umweltbotschafter sehr offen gegen die Gentechnik ausgesprochen.

Peter Geldner: Um es klar und unmissverständlich zu sagen: Nach meiner Überzeugung gibt es keine Koexistenz zwischen einer Landwirtschaft mit und einer Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die deutsche Versicherungswirtschaft betrachtet auch das mit der Anwendung von Gentechnik verbundene Risiko als nicht versicherbar. Die Leute, die hier kalkulieren, sind keine Träumer oder Idealisten, das sind knallharte Realisten.

Der so genannten roten Gentechnik, also der Anwendung von Gentechnik in der Medizin zur Entwicklung von diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen, stehe ich persönlich positiv gegenüber. Hier habe ich und hat jeder Einzelne stets die Wahlfreiheit, ob man solche Mittel zu sich nimmt oder nicht.

Der weißen oder grauen Gentechnik, also der Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen zur Herstellung von Enzymen oder Feinchemikalien für industrielle Zwecke in der Mikrobiologie und der Umweltschutztechnik, stehe ich dagegen mit großer und, wie ich meine, sehr berechtigter Skepsis gegenüber.

Das Mindeste wäre, dass dem Verbraucher eine Wahlfreiheit gegeben würde. Wenn offen deklariert wäre, was in den Lebensmitteln steckt, hätte jeder auch wieder die Freiheit, zu entscheiden, was auf seinen Teller kommt und damit in den eigenen Körper aufgenommen wird.

Eigenartigerweise wehren sich dagegen viele Lebensmittelhersteller: Offenkundig halten sie uns Verbraucher für unmündig. Oder wollen sie uns einfach unmündig halten? Sowohl die rote als auch die weiße Gentechnik haben eines gemeinsam: Bei der Produktion wird zu Recht auf labormäßige Reinstbedingungen geachtet. Die Fachleute wissen, welcher Schaden für die Umwelt durch eine Freisetzung entstehen kann.

ABZ: In Bayern sollen jetzt größere Versuchsfelder mit genverändertem Saatgut bestellt werden. Was halten Sie davon?

Peter Geldner: Die größte Gefahr sehe ich in der grünen Gentechnik. Mit der grünen Gentechnologie werden Lebensformen geschaffen und in die Umwelt gesetzt, die das Leben auf diesem Planeten einschneidend verändern werden, ja sogar sollen. Wir müssen uns einmal vor Augen führen, mit welcher elementaren Kraft wir es zu tun haben, wenn wir in das Erbgut eingreifen.

Die Auswirkungen der grünen Gentechnik werden unsere Umwelt in einer Art und Weise und auf eine unabsehbare Zeit verändern: Einen solchen Einfluss hat der Mensch noch nie nehmen können – was, wenn man an einen Gott glaubt, vielleicht auch einen tiefen Sinn hat.

Selbst die giftigste Chemikalie baut sich bereits ab dem Moment ab, in dem sie in die Umwelt gelangt. Selbst die strahlenden Rückstände aus der Atomenergiegewinnung bauen sich ab dem Moment der Erzeugung ab – wenn auch vollständig erst in zig Jahrtausenden.

Eine neue Lebensform wird aber immer versuchen, sich zu vermehren. Sie kann gar nicht anders. Vermehrung und Weitergabe der eigenen Gene – so lautet eines der Urgesetze der Evolution, das ist der Motor des Lebens.

Mit Recht verweisen der Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer und viele Träger von Verantwortung im Zusammenhang mit der Vogelgrippe immer wieder darauf, dass wir alles unternehmen müssen, damit wir alle vor dem H5N1-Virus geschützt werden. Oder anders ausgedrückt – damit wir vor dieser Lebensform geschützt werden.

Mit welchem Recht setzen wir Lebensformen aus, deren Wirkung und Entwicklung wir so gut wie gar nicht kennen, nicht kennen können? Von denen wir nicht wissen und nicht einmal erahnen können, wie sie sich in 20, in 50 oder 100 Jahren entwickelt haben gemäß Gesetzen, die seit Jahrmillionen gelten. Dieses Thema geht jeden etwas an. (pf)


Artikel vom 04.05.2006
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