INTERVIEW der woche

Die Energie treibt mittelfristig den Preis


Die Diskussion um Mehlpreiserhöhungen jenseits eines schlechten Ernteergebnisses reißt nicht ab. Der Mehlpreis wird in Zukunft, so glauben inzwischen immer mehr Analysten und Branchenkenner, in eine starke Abhängigkeit zu den Preisen fossiler Brennstoffe geraten. Die ABZ sprach über die aktuelle Ernte, die Mehlpreise und Zukunftsszenarien mit dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Mühlen, Manfred Weizbauer.

ABZ: Herr Weizbauer, wie ist die aktuelle Erntesituation und wo liegen die Preise für Getreide im Moment?

Manfred Weizbauer: Die Erntesituation ist zweigeteilt. Bis Ende Juli wurde vor allem in den Trockengebieten in Norddeutschland, Ostdeutschland ein Großteil der Ernte eingefahren, da war die Qualität sehr gut. Allerdings war schon bei diesen Partien der Schmachtkornanteil recht hoch. Kleiner Körner drücken auf die Mehlausbeuten bei den Mühlen. Dann setzte Anfang August der Regen ein, im Norden konnte immer mal wieder zwischendurch geerntet werden, aber vor allem in Süddeutschland sind große Teile der Ernte einfach viel zu lang auf dem Halm geblieben, was sich in der Folge negativ auf die Qualität ausgewirkt hat. Mit dem Ergebnis, dass sich vor allem im Süden viele Mühlen übergebietlich mit Getreide eindecken müssen.

Der Vorteil der Betriebe aus den Früherntegebieten mit guter Qualität und ausreichender Menge, hat sich durch die Nachfrage aus dem Süden sehr schnell relativiert. Auch das Ausweichen auf Getreide aus Frankreich oder Ungarn ist aus zwei Gründen problematisch: Vor allem beim ungarischen Getreide gibt es Probleme mit hohen Fusariengehalten und anderem Pilzbesatz, aber auch die Frachtkosten von rund 35 Euro pro Tonne verteuern natürlich den Einkauf für die Mühlen.

ABZ: Ist den genügend Brotgetreide im Markt?

Manfred Weizbauer: Es besteht kein Grund zur Sorge, dass nicht genügend Weizen oder Roggen für die Versorgung zur Verfügung steht. Ein großes Problem ist die sehr zurückhaltende Abgabebereitschaft der Landwirtschaft. Viele Landwirte spekulieren offensichtlich noch mit steigenden Preisen für Getreide und halten vor allem die guten Partien, die noch vor dem Regen geerntet wurden, zurück. Diese Angebotsverknappung sorgt für hohe Preise auf dem Markt. Das Problem vieler Mühlen liegt auch darin, dass diese kaum Lagerkapazitäten für Getreide haben. Wenn die Mühle also nicht still stehen soll, muss man irgendwann kaufen, auch zu überhöhten Preisen. Im Augenblick liegen wir bei Getreidepreisen von 145 - 150 Euro je Tonne und damit schon um 40 - 50 % über dem Preisniveau des Vergleichszeitraumes in 2005. Ich prognostiziere einen Mischungspreis bis Ende des Jahres von durchschnittlich 150 Euro, wobei ich auf diese Zahl natürlich keine Garantie geben kann.

ABZ: Wie verhalten sich den die großen landwirtschaftlichen Genossenschaften?

Manfred Weizbauer: Die großen Einkaufsgenossenschaften haben erhebliche Probleme ihre Kontrakte mit den Mühlen zu erfüllen, da im Moment einfach weniger Getreide im Markt ist, als nachgefragt wird. Das hat dann auch zur Konsequenz, dass die Genossenschaften quasi alles aufkaufen, was sie bekommen können, nur um ihre Kontrakte zu erfüllen. Auf dem freien Markt wird dann das Getreide noch knapper und die Preise steigen weiter. Hinzu kommt, dass die Erntemenge gegenüber dem Vorjahr beim Weizen wohl um 13 - 15 Prozent gefallen ist, beim Roggen sogar eher um 20 Prozent. Hinzu kommt noch die Nachfrage der Bio-Ethanolanlagen. Allein die Anlagen eines Betreibers in Ostdeutschland hat einen Jahresbedarf von rund 500.000 t, meist Roggen oder Triticale. Diese Mengen fehlen auf dem Markt für Futtermittel und Brotgetreide und wirken auch schon preistreibend.

ABZ: Was glauben Sie kommt denn an Preiserhöhungen für Mehl auf die Bäcker zu?

Manfred Weizbauer: Ich gehe davon aus, dass wir hier sehr starke regionale Unterschiede haben werden, die vor allem mit den Beschaffungs- und Transportkosten des Getreides zusammenhängen. Man muss dabei auch berücksichtigen, dass das Ausgangsniveau - die Preise des letzten Jahres - recht unterschiedlich ist. Die Preise im Norden für Mehl waren merklich höher als die im Süden. Da wir im Süden nun die Situation haben, dass die Mühlen sich überregional eindecken müssen, denke ich, es wird eher zu einer Angleichung des Mehlpreises innerhalb Deutschlands kommen, aber wohl auf einem insgesamt höheren Niveau. Je nach Region gehe ich für die Mühlen von Preissteigerungen beim Getreide zwischen 35 und 60 Euro je Tonne aus, diese höheren Preise kann keine Mühle einfach so wegstecken. Der größte Preisdruck herrscht im Moment wohl in den Regionen südlich der Donau, da hier die größten Mengen überregional zugekauft werden müssen.

ABZ: In den letzten Wochen äußerten sich der Bauernverband und auch die GMF zum Thema Mehlpreise und rechneten vor, dass Mehl nur eine verschwindend geringen Kostenanteil in der Backware besitzt, so dass Preissteigerungen beim Brot wohl nicht zu erwarten sind.

Manfred Weizbauer: Solche Äußerungen vor allem von Seiten des Bauernverbandes sind kontraproduktiv. Wenn ich am Anfang einer Vermarktungskette stehe, sollte ich mich bezüglich der Preisgestaltung der nachfolgenden Glieder mit Aussagen zurückhalten.

Nehme ich der nachfolgenden Verarbeitungsstufe die Möglichkeit der Argumentation von Preiserhöhungen, so habe ich im Umkehrschluss auch ein großes Problem meine Produkte zu höheren Preisen in diese Produktionskette einzubringen.

ABZ: In der Diskussion steht momentan die Verwendung von Getreide im Bereich Bioethanolherstellung. Über welche Mengengerüste reden wir da für das kommende Jahr und bis zum Jahr 2010?

Manfred Weizbauer: Primär ist dieser Komplex ein mittel- und langfristiges Thema, allerdings mit einer gewissen Brisanz. Man muss den Bereich Getreide als Energieträger in drei Bereiche unterteilen. Der erste Bereich betrifft die Verbrennung von Getreide, die momentan in Großanlagen emissionsrechtlich erlaubt ist, aber wirtschaftlich nur Sinn macht, wenn das dafür genutzte Getreide extrem günstig ist. Im Moment wird darüber diskutiert die Verbrennung auch für Anlagen bis 100 kW Heizleistung möglich zu machen, dass wären dann im wesentlichen Anlagen, die zur Deckung des Energiebedarfes von landwirtschaftlichen Betrieben nutzbar wären.

Der zweite Bereich sind die Bio-Gasanlagen, bei denen es nach meinem Kenntnisstand erhebliche Probleme gibt. Zum einen muss man diese Anlagen führen und steuern, um eine optimale Fermentation hinzubekommen, zum anderen lassen sich diese Anlagen wirtschaftlich oft nur schwer rechnen, ohne die Zuwendungen aus dem Energieeinspeisungsgesetz lassen sich die meisten dieser Anlagen nicht rechnen. Aber sie ziehen natürlich Getreidemengen aus dem Markt.

Der wichtigste Bereich, der in den nächsten Jahren förmlich explodieren wird, ist der Bereich Bio-Ethanol.

ABZ: Welche Getreidemenge ist dann in 2010 notwendig, um die gesetzliche Vorgabe von 5,75 Prozent Zugabe an Bioethanol zum Benzin zu erreichen?

Manfred Weizbauer: Wenn man das hochrechnet, entspricht das einem Drittel der Weizenanbaufläche in Deutschland! Wir werden also eine erhebliche Nachfragesteigerung im Getreidesektor haben. Ein völlig neuer Marktteilnehmer wird neben der Futtermittelindustrie und der Ernährungsindustrie auftauchen. Der Getreidepreis für die Ethanolerzeugung wird sich am Ölpreis orientieren und dann haben wir das Dilemma, dass hier eine Korrelation zwischen Getreide und Öl entsteht. Steigt der Ölpreis kann auch der Getreidepreis steigen. Wobei der Getreidepreis für Brotgetreide aufgrund der höheren Anforderungen an Qualität und beispielsweise Rückverfolgbarkeit wohl immer über dem Preis von Getreide zur Bio-Ethanol-Produktion liegen wird.

ABZ: Wie bewerten Sie als Verbraucher die Brot- und Brötchenqualität der Bäcker?

Manfred Weizbauer: Das größte Problem vieler Bäcker scheint mir nicht das Erreichen eines hohen Qualitätsniveaus, sondern das Halten dieses Niveaus. Ich bemerke das in meinem Umfeld: Manchmal sind die Brötchen gut, manchmal sind sie weniger gut. Diese Qualitätsschwankungen, denke ich, werden die meisten Verbraucher auf Dauer nicht akzeptieren. Wenn ich Aufbackbrötchen aus dem Supermarkt hole, weiß ich was ich für mein Geld bekomme, beim Bäcker ist der höhere Preis dann gerechtfertigt, wenn die Qualität top ist.


Artikel vom 01.09.2006
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