Meinung

Der Lotse geht von Bord

Hauptgeschäftsführer Dr. Eberhard Groebel lenkte fast 21 Jahre erfolgreich die Geschicke des Zentralverbandes


Über 20 Jahre stand Dr. Eberhard Groebel in Diensten des Deutschen Bäckerhandwerks und kann auf eine sehr erfolgreiche Ära als Hauptgeschäftsführer zurückblicken. Chefredakteur Werner Kräling unternahm mit dem „Häuptling der Verbände“ eine Zeitreise in die Vergangenheit, garniert mit Ausflügen in die Gegenwart und grundsätzlichen Fragen zur Situation des Bäckerhandwerks.

ABZ: Über 20 Jahre standen Sie an der Spitze des Zentralverbandes, 3 Präsidenten haben Sie erlebt. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge?

Dr. Eberhard Groebel: Ja sicher. Leider erkrankte Präsident Hans Baum schon kurz nach meinem Amtsantritt 1990 schwer, so dass ich eigentlich mit zwei Präsidenten zusammengearbeitet habe. Im Frühjahr 1991 wurde Hans Bolten zum Nachfolger von Hans Baum gewählt. Das erste Jahr war aber nicht nur in dieser Hinsicht turbulent: An 43 Wochenenden war ich zu Versammlungen unterwegs, wo sich „der Neue“ vorstellen musste. Ich habe meinen Nachfolger, Amin Werner, schon darauf vorbereitet, dass er in diesem Jahr mit gewissen Einschränkungen rechnen muss (lacht). Aber das gehört dazu und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das erste Jahr stand zudem unter der beeindruckenden Wiedervereinigung. Eine sehr bewegte Zeit, in der die innerverbandlichen Problemkreise zurückgestellt wurden. Dazu eine Geschichte: Als ich am 2. Januar in mein Büro kam, lag da ein Brief von einem mir völlig unbekannten Bäckermeister, Christian Benath, auf dem Tisch, der später Landesobermeister in Sachsen wurde: Er war informeller Sprecher der Bäcker in der DDR und hatte mich zum Ende des Monats nach Erfurt eingeladen, um unseren Zentralverband vorzustellen. Das sollte also mein erster öffentlicher Auftritt als Hauptgeschäftsführer werden!

Zu der Sitzung im Erfurter Hof hatten 400 Bäcker zugesagt, aber schon zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung stellte sich heraus, dass rund 800 Bäcker nach Erfurt gekommen waren: Improvisation war angesagt und im allgemeinen Chaos der Tage damals gelang uns der Umzug in ein Kino, das blitzschnell vorbereitet wurde.

Herr Benath begrüßte die anwesenden Bäcker und eine ganze Reihe von Regierungsvertretern der DDR, denn die saßen zu meiner Überraschung alle in der ersten Reihe. Zu diesem Zeitpunkt war die ehemalige DDR-Regierung ja noch im Amt! Ich habe dann in dieser recht angespannten Situation über Aufgaben, Organisation und Bedeutung des Zentralverbandes referiert – und nach der Veranstaltung kam der Benath zu mir, legte mir den Arm auf die Schulter und gratulierte zur gelungenem Vortrag Rede und zum glücklichen Ausgang – „Wir haben ja nicht gewusst, ob wir nachher alle verhaftet werden.“

Mit der Hilfe von Christian Benath und auch Michael Wippler ist es uns gelungen, im Sommer 1990 - also vor der Wiedervereinigung am 03.Oktober 1990 – die neuen Landesinnungsverbände im Rahmen der alten Landesgrenzen in der damaligen DDR zu gründen. Dazu war sogar ein außergewöhnlicher Beschluss erforderlich, weil die Verbände zwar zu Deutschland, aber nicht zur Bundesrepublik Deutschland gehörten. Da waren wir sehr stolz drauf – eine tolle Sache.

Ich bereue nicht eines dieser Wochenenden und Gott sei Dank habe ich eine verständnisvolle Frau und Tochter, die meine Terminverpflichtungen stets akzeptiert haben.

Was stand zu Beginn noch auf der Agenda? Wo mussten Sie direkt angreifen?

Dr. Groebel: Ja da waren schon einige Baustellen. Es gab damals ein ziemlich belastetes Verhältnis zu den Ausstellern unserer iba. Unser Zentralverband war nicht einmal Mitglied des Ausstellerbeirates, sondern wurde nur von Fall zu Fall hinzu gebeten. Gemeinsam mit Hans Bolten ist es gelungen, die Gesteinsbrocken aus dem Weg zu räumen. Es galt nach vorne zu blicken und den Schnee von gestern zu vergessen. Bis heute haben wir nun ein sehr gutes Verhältnis mit dem Ausstellerbeirat, das auf Vertrauen basiert.

Ich springe mal kurz in die Jetzt-Zeit: Die Entscheidung, die iba nach München zu verlagern. Ist das im Sinne der Aussteller?

Dr. Groebel: Ich denke schon, dass das eine Entscheidung im Sinne der Aussteller war. Zunächst läuft diese Diskussion ja nicht erst seit 2009, sondern so lange wie ich im Amt bin. Immer wieder wurde darüber diskutiert, ob die iba eine „Wanderausstellung“ bleiben soll, ob sie an zwei oder nur an einem Standort durchgeführt werden soll. Dabei haben wir stets eine Erfahrung gemacht: 50 Prozent der Aussteller wollen Düsseldorf und München im Wechsel. Wenn die Frage aber lautete „Wenn nur an einem Standort - welcher dann?“, sprechen sich 80 Prozent für München aus. Das ist ein eindeutiges Ergebnis. Wenn wir der iba ihre weltweite Führungsrolle, die sie ganz unangefochten vor allen anderen Fachmessen hat, bewahren wollen, dann müssen wir die durchführende Messegesellschaft auch in die Lage versetzen, den Status mit angemessenen Kosten zu halten und ausbauen zu können. Das heißt eben auch, langfristige Planungssicherheit zu bieten.

Nun konnte man 2009 als Journalist noch einmal im Vorfeld Rekorde verkünden – mehr Aussteller, mehr Fläche und mehr erwartete Besucher – das geht nicht so weiter, muss man die Qualität einer Messe nicht anders bewerten?

Dr. Groebel: Der Konzentrationsprozess findet ja nicht nur im Bäckerhandwerk statt, sondern auch auf Seiten der Zulieferer, sprich Aussteller. Die Aussteller- und vor allem die Besucherzahlen haben für die Messegesellschaft eine gewisse Bedeutung. Ob 5 oder 10 Prozent mehr oder weniger Besucher ist doch aber für den Erfolg einer Messe gar nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist, wie zufrieden ein Aussteller nach Haus gefahren ist und welche Aufträge er generieren kann. Und natürlich wie zufrieden die Besucher nach Hause gefahren sind: Wir schaffen es alle drei Jahre, unseren Bäckern den Weltmarkt des Backens zu präsentieren, um im weltweiten Wettbewerb der Zulieferer die richtige Investitionsentscheidung treffen zu können. Das kann eine Bäko-Hausmesse nicht in dieser Form. Nichts gegen Bäko Hausmessen, aber da bekomme ich zwei Backöfen angeboten – auf der iba aber 200.

Was waren weitere besondere Höhepunkte, oder Probleme und herausragende Ereignisse?

Dr. Groebel: Das ist schwierig zu sagen. Im Laufe so eines Verbandsjahres gibt es zahlreiche, wiederkehrende Höhepunkte, auch tolle Veranstaltungen der Landesinnungsverbände und Innungen. Aber natürlich denke ich immer an die ein oder andere iba zurück, etwa die iba 1995 und auch 1998 in Düsseldorf sowie 2000 in München. Das waren fulminant gute Messen. Das ist ja draußen gar nicht bekannt, wird nicht bekannt und muss es auch gar nicht, was da an Vorbereitungsarbeit seitens des Zentralverbands drin steckt.

Es gibt aber eine Reihe von Meinungsbildungsprozessen und Entscheidungen, die wir gemeinsam mit unseren Landesinnungsverbänden zu treffen haben, die weniger spektakulär sind, aber die eigentliche Arbeit ausmachen. Und da hat mich über all die Jahre beeindruckt, dass wir es bei allen Meinungsverschiedenheiten und auch bei Streit in der Sache, immer geschafft haben, zu sehr guten und zu sehr tragfähigen Ergebnissen zu kommen - im Interesse der Betriebe. Um aus dieser Kategorie mal ein Highlight herauszunehmen: Der Streit um das Nachtbackverbot war ein harter Kampf mit heftiger Diskussion vieler Beteiligter und völlig unterschiedlichen Auffassungen. Ich glaube, dass ist ein Musterbeispiel, wie eine gute Zusammenarbeit zwischen Ehrenamt und Hauptamt einer sachdienlichen Entscheidung hilfreich ist. Das ist bei uns im Bäckerhandwerk, so glaube ich, besser gelagert als bei anderen Verbänden. Wir haben – und da habe ich persönlich auch größten Wert drauf gelegt – im Präsidium und im gesamten Vorstand mit den Ehrenamtsträgern diskutiert und einvernehmlich abgestimmt. Das ist eine wesentliche, aber nicht selbstverständliche Arbeitsvoraussetzung.

Meine Erfahrung aus der gesamten Amtszeit ist einfach folgende. Wenn Sie Loyalität einbringen, dann bekommen Sie auch Loyalität zurück. Wenn Sie versuchen, jemanden zu ,betuppen‘, dann werden Sie auch selber ,betuppt‘. Wir haben in den fast 21 Jahren stets eine unglaublich gute Vertrauensbasis gehabt und das ist vielleicht ein echter, dauerhafter Höhepunkt. Dabei möchte ich ausdrücklich hervorheben, dass die Arbeit unseres Verbandes sich ja nicht ausschließlich in der Kommunikation zwischen Präsident und Hauptgeschäftsführer erschöpft. Ich bin rückblickend sehr froh und auch ein bisschen stolz darüber, dass ich mit unserem gesamten Präsidium eine wirklich beispielhaft vertrauensvolle Zusammenarbeit pflegen durfte. Männer wie Hans Bolten, Heinrich Traublinger, Hans Pissarczyk, Klaus Hottum, Kurt Katz, Jochen Erdmann, Michael Wippler und viele andere haben mir immer wieder bewusst gemacht, dass zum einen die praxisbezogene Sachkunde und zum anderen das politische Fingerspitzengefühl, verbunden mit einem tragfähigen Netzwerk, die wichtigste Erfolgsbasis für eine wirkungsvolle Interessenvertretung sind. Dafür bin ich dankbar und deshalb verbindet mich mit vielen Ehrenamtsträgern eine weit über den beruflichen Bereich hinausgehende sehr freundschaftliche Beziehung.

Gab es mal eine Situation, etwa in einem Landesverband, in der Sie Feuerwehr spielen mussten?

Dr. Groebel: Ja die hat es gegeben. Das lag aber weniger an der Brisanz des Sachverhaltes, als an persönlichen Problemstellungen. Der eine oder andere Kollege hatte schon mal seine Aufgabenstellung missverstanden und da ist es dann auch zu Reibereien gekommen. Klärende Gespräche gehören generell natürlich dazu, ob mit Verbänden, Innungen der Bäko und übrigens auch mit den Medien, um eine Problematik zu entschärfen. Ich bin manchmal selber überrascht gewesen über meine diplomatischen Fähigkeiten (lacht).

Sie können – wenn erforderlich – aber auch hart verhandeln und scharf formulieren, Stichwort „Geschmackspolizei“ – Machen Sie im Ruhestand einen Umweg um Brüssel?

Dr. Groebel: Ich werde 2010 ja noch Generalsekretär unseres europäischen Dachverbandes bleiben und mein Verhältnis zu Brüssel ist völlig ungetrübt. Ich habe nicht den geringsten Anlass, hier irgendetwas zu bereuen oder zurückzunehmen. Ganz im Gegenteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir vom Zentralverband oder auch vom europäischen Dachverband in überlebenswichtigen Fragen auf die Sahne hauen müssen – um mal mit den Konditoren zu sprechen – um überhaupt gehört zu werden. Wir wären mit unseren Belangen rund um den Salzgehalt ja gar nicht bis nach Brüssel durchgedrungen, wenn wir zuerst nicht die Bäckeröffentlichkeit aber dann auch die Publikumsmedien, in dieser Zuspitzung mit dem Schlagwort „Geschmackspolizei“ erreicht hätten. Es hat ja nur an uns gelegen – an keinem anderen Verband – dass am 19. Januar 2009 die Europäische Kommission davon abgerückt ist, die Richtwerte für Salz festzulegen. Das ist unser Verdienst. Da lasse ich mir sehr gerne vorwerfen – auch von einigen ihrer Kollegen der schreibenden Zunft kritisiert wurde, dass ich zugespitzt formuliert habe. Ich sage nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt, aber wenn es um eine solche Kernfrage für unsere Betriebe geht, dann habe ich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das gefälligst auch so klar zu machen. In diesem Fall ist das gelungen: Wir hatten im November eine Veranstaltung in Brüssel, auf der von mir mehrfach scharf angegriffene Generaldirektor Madelin anwesend war. Der wäre sicher nicht gekommen, ohne unser deutliches Engagement. Ich hätte ja auch einen freundlichen Brief an den Kommissionspräsidenten schreiben können, dann kriegt man 10 Jahre später eine Antwort. Das kann man auch machen, aber der Erfolg gibt uns recht. Durch das öffentliche Aufsehen haben wir eine Reihe von Europaabgeordneten für unser Anliegen begeistern können, was wiederum unsere Durchschlagskraft gegenüber der Kommission erheblich verstärkt. Ich bin zu meinen Zeiten bei der Unionsfraktion von Franz Josef Strauß persönlich in den Vorstand des „Vereins für deutliche Aussprache“ berufen worden. Darauf war ich immer stolz (lacht).

Einer dieser überzeugten Europaparlamentarier für die Anliegen des Bäckerhandwerks stammt aus meiner Heimat, Dr. Peter Liese.

Dr. Groebel: Ja genau und auch Frau Dr. Sommer hat jüngst auf ihrer Pressekonferenz darauf hingewiesen, dass der Artikel 4 der health claims Verordnung einfach vom Tisch muss, mindestens für unverpackte Lebensmittel, wie beispielsweise lose verkaufte Backwaren.

Sie hadern auch mit der Fachpresse – die ABZ hat zur Problematik lose Backwaren nach Gewicht zu verkaufen, Statements aus der Branche gebracht: Prof. Freund, Herr Jünger oder Bäckermeister Hacke und auch sie – das ist ein Forum zur Diskussion, ein Platz für Kontroversen.

Dr. Groebel: Ich bin ja selbst mal Journalist gewesen, kenne die Strategien und auch Nöte der Chefredakteure. Mir hat die freundschaftliche Diskussion mit der Fachpresse durchaus stets zugesagt, ja Freude gemacht. Aus kollegialem Verständnis heraus, aber auch in meiner Funktionswahrnehmung: Nur wenn es unsachlich oder unkorrekt wurde wird, dann habe ich auch Tacheles geredet. Da könnte ich einen ganzen Aktenordner mit netten Schriftwechseln vorzeigen. Insgesamt hatte ich mit der Fachpresse aber ein gutes Verhältnis: So wie sie mich kritisieren durfte, habe ich gegebenenfalls sachlich klar gestellt oder auch kritisiert, wenn ich das nun einmal so pauschal für die schreibende Zunft formulieren darf. Aber es geht ja letztlich immer um das Wohl unserer Mitgliedsbetriebe und dazu dienen dann auch Auseinandersetzungen mit der Fachpresse.

Genau, es geht um die Bäcker. Es ist doch erstaunlich, dass das Bäckerhandwerk auch durch diese Krise so wenig betroffen gehen konnte. Ist die Branche tatsächlich so krisenresistent oder kommt da noch was? Muss sich das Handwerk für die Zukunft stärker profilieren – muss z. B. noch mehr Fleisch an das Gerüst des Leitbildes?

Dr. Groebel: Ich glaube schon, dass wir mit dem Leitbild, das ich als einen historischen Fortschritt unseres Verbandes erachte, Bedeutendes auf die Beine gestellt haben. Aber das muss nun in den Betrieben selbst mit Leben gefüllt werden, wie es so schön heißt. Das klingt pauschal, aber das betrifft ja auch den Umgang mit den Mitarbeitern und da ist sicher noch viel zu tun. Die guten Betriebe haben es allerdings längst umgesetzt.

Die Krisenfestigkeit unserer Betriebe ist ja schon seit Jahrzehnten festzustellen: Wir machen keine Konjunkturspitzen mit, fallen aber auch nicht ins schwarze Loch. Eines steht aber fest: Der Markt ändert sich immer schneller, die Discounter werden die rasanten Entwicklungen weiter forcieren. Im Grunde genommen findet auf der untersten Ebene der Preise eine Kannibalisierung statt, die schon nicht mehr schön ist. Man sollte sich schon ernsthaft fragen – und das tun wir auf Verbandsebene – ob man Brot zu einem reinen Wegwerfartikel degradieren will oder ob wir für Errungenschaften einer Jahrhunderte alten Tradition und Backkultur kämpfen wollen. Ich glaube, dass wir da auf dem richtigen Weg sind, unseren Betrieben immer wieder Möglichkeiten der Weiterbildung anzubieten. Da hat nicht zuletzt – das kann ich durchaus neidlos sagen, auch die ganze Bewegung slow baking zu einer zusätzlichen Bewusstseinsbildung beigetragen, weil sie ja nichts anderes tut, als die Besinnung auf traditionelle Herstellungsmethoden zu fördern, was ja eine sehr vernünftige Sache ist. Das ist in allen unseren Fachschulen längst aufgegriffen worden. Ich halte das für den richtigen Weg und wenn wir es schaffen, Brot und Backwaren als Qualitätsprodukte im Bewusstsein der Verbraucher wieder zu verankern, dann habe ich überhaupt keine Angst, dass wir auch in Zukunft bei Konjunkturschwankungen bestehen.

Man muss sich als originärer Handwerksbäcker profilieren, viele schaffen das sehr erfolgreich.

Dr. Groebel: Ja und unsere Innungen, Landesverbände und der Zentralverband können sich nicht nur als Sprachrohr der Enterbten und Entrechteten verstehen, das heißt der Betriebe, denen das Wasser bis zum Halse steht. Schließlich haben wir eine Mehrheit an Betrieben, die den harten Wettbewerb sehr erfolgreich meistert. Jetzt bitte nicht missverstehen: Manchmal tun wir aber so, als müssten wir noch den letzten Fußkranken durch Subventionen und Begünstigungen retten – aber wir können den Unternehmen nicht die unternehmerische Entscheidungsverantwortung abnehmen. Wir können nur unterstützen und da fordern die leistungsstarken Betriebe auf einer ganz anderen Ebene ebenfalls Leistungen.

Glauben Sie, dass es im Bäckerhandwerk eine Krankheit gibt, die bei vielen Betrieben „mangelndes Selbstbewusstsein“ heißt? Nur ein Beispiel: Bäckern wird auf Tagungen von Landesinnungsverbänden Mc Donald's als Vorbild für die erfolgreiche Positionierung am Außer-Haus-Markt vorgehalten, statt eigene Stärken zu betonen. Muss man nicht mehr Mut machen?

Dr. Groebel: Ja das stimmt – in einem ganz besonderen Maße. Das ist ein Thema, mit dem ich mich seit vielen Jahren auseinandergesetzt habe und das ich auch in vielen internen Tagungen angesprochen habe. Für dieses unterentwickelte Selbstbewusstsein habe ich gar kein Verständnis. Es ist vom unternehmerischen Erfolg her in keiner Weise gerechtfertigt: McDonald's hat vor gut 10 Jahren versucht, den Frühstücksmarkt zu erobern – ohne nennenswerten Erfolg. Ich hege gegen die ganzen Unternehmensberater und diverse, selbsternannte Branchenexperten, die auf Veranstaltungen des Bäckerhandwerks auftreten, eine gewisse Skepsis: Warum führen sie nicht selbst ein Unternehmen, wenn Sie es so gut können? Ich will der Branche jetzt nicht in Bausch und Bogen etwas Schlechtes nachsagen, aber es überrascht mich schon, wie schnell sich z. B. ganze Branchenbereiche unserer Bäckereien von irgendwelchen Gurus und deren Vorstellungen oder Ratschlägen beeinflussen lassen. Stichwort Selbstvertrauen und ein Beispiel: 1995 hat einer dieser Experten verkündet, dass sich bis zum Jahr 2005 die Zahl der Bäckereien von damals 18.000 auf 8000 mehr als halbieren würde. Da habe ich mich damals öffentlich drüber lustig gemacht. Was soll ich denn mit einer solchen Prognose anfangen?

Der Verband der Großbäcker versteht es hervorragend, seine Betriebe am Markt stark zu reden.

Dr. Groebel: Weil er ihre Marktanteile hochrechnet.

Genau. Aber so groß sind die Verluste des Bäckerhandwerks ja gar nicht. Selbst bei sinkenden Betriebszahlen sieht das Marktvolumen insgesamt doch bei genauerem Hinsehen recht gut aus. Ein großer Teil bleibt in den Reihen der Handwerksbäcker, die konstante Zahl der Verkaufsstellen zeigt das auch.

Dr. Groebel: Ja sicher.

Aber das Bäckerhandwerk redet sich klein und wird klein geredet. Keine gute Voraussetzung um z. B. Betriebsübergaben mit Mut anzugehen.

Dr. Groebel: Ich habe viel Verständnis für ihren Gedankengang und mit meinem Amtskollegen in Düsseldorf, mit dem mich eine sehr freundschaftliche Beziehung verbindet, tausche ich mich über diese Fragestellung regelmäßig aus. Es erschien auch einmal eine Kolumne von mir über den „Düsseldorfer Märchenwald“, die ist zwar schon älter, aber zeitlos gültig. Insofern habe ich die Statistiken im Endeffekt nicht mehr ernst genommen.

Wir haben im Brot und Backwarenbereich ca. 60 bis 70 Prozent, die aus Handwerksbäckereien stammen und nach wie vor gilt die Zahl: 30 bis 40 Prozent werden durch die unterschiedlichen Vertriebswege (LEH Industrie) abgesetzt. In den Ballungsgebieten sieht das etwas anders aus, auf dem Land wiederum noch deutlich positiver für das Bäckerhandwerk.

Was haben Sie am Bäckerhandwerk besonders schätzen gelernt?

Dr. Groebel: In den 20 Jahren habe ich den einen oder anderen Handwerksbetrieb – ganz unterschiedlicher Größe – kennen gelernt und durch die Bank die Erfahrung gemacht, dass die Bäcker zwar häufig dazu neigen, in ihrer Kritik bis ins persönliche zu überziehen, aber ebenso schnell wieder auf den Teppich zurückkommen und freundschaftlich auf einen zu kommen. Im Grunde also ein sehr umgänglicher, verträglicher Berufsstand – bei aller Neigung, auch mal aus der Hose zu fahren. Da habe ich als Rheinländer sowieso viel Verständnis. Diese umgängliche fröhliche Art, die finden Sie in vielen anderen Handwerksbereichen nicht.

War der Anfang schwierig, weil Sie sozusagen keinen Stallgeruch hatten?

Dr. Groebel: Ja, aber nicht bei den Ehrenamtsträgern, sondern bei den hauptamtlichen Kollegen. Die waren zu Beginn reserviert und wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Da gab es die eine oder andere Schwierigkeit. Im Endeffekt haben wir das alles mehr oder weniger friedlich beilegen können. Mein Präsidium hat mich vor einem Jahr gebeten, ob ich nicht zwei Jahre verlängern könnte und ähnlich verhielt es sich bei den Geschäftsführerkollegen. Seit vielen Jahren ist das Verhältnis sehr gut. Wir haben eine Zuverlässigkeit untereinander, die funktioniert praktisch auf Zuruf. Das war vor meiner Amtszeit nicht so und das sehe ich eigentlich als eines der besten Ergebnisse meiner Amtszeit an. Das ist nämlich die Voraussetzung für effizientes Arbeiten, eine wirkungsvolle Vertretungsarbeit für unsere Betriebe. Das ist ja unsere Aufgabe. Es ist ja nicht unsere Aufgabe nachzuweisen, welcher Verbandsgeschäftsführer der Schönere oder welcher Verband der Bessere ist. Es geht bei allen Diskussionen um verwertbare Ergebnisse für unsere Betriebe.

Wenn ich alleine daran denke was wir 1995 bis 1997 für „einen Tanz“ wegen der Verpackungsverordnung angestellt haben. Das verbindet mich ja bis heute aufs „herzlichste“ mit unserer Bundeskanzlerin, die damals als Umweltministerin dafür verantwortlich war. Wir sind auch diesem Streit nicht aus dem Wege gegangen, um es vornehm auszudrücken. Aber auch das hat zu einer akzeptablen Regelung geführt: Die immensen Lizensierungskosten, die unserem Bäckerhandwerk beim grünen Punkt in den letzten 12 Jahren erspart blieben, sprechen eine deutliche Sprache. Was mich dabei nur ärgert, ist, dass der Zentralverband allein das für seine Mitgliedsbetriebe erarbeitet und durchsetzt, die rund 30 Prozent nicht organisierten Bäcker aber ebenfalls profitieren. Da hätte ich mir aus Dankbarkeit schon den einen oder anderen Beitritt eines Betriebes in die Innung vorstellen können, aber da war ich sicher zu hoffnungsvoll (lacht).

Ich habe in der Zeit allerdings eine nennenswerte Zahl von Anrufen von Betrieben bekommen, die nicht in der Innung sind: Wenn ich bei dir direkt eintreten könnte – als Mitglied im Zentralverband, dann würde ich das machen dann würde ich sogar einen Jahresbeitrag + x bezahlen.

Kann man das nicht für „große“ Handwerksbetriebe einräumen?

Dr. Groebel: Das habe ich vor 10 Jahren schon einmal angeregt, auch in einem Geschäftsbericht schriftlich dokumentiert. Eine solche Diskussion kann man allerdings nur führen, wenn man bereit ist, auch seine eigene Position zur Disposition zu stellen. Ich bin dann von einem Verbandskollegen angerufen worden, ob ich noch ganz bei Trost sei. Aber letztlich muss man auch seinen eigenen Posten zur Disposition stellen können, wenn es der Sache dient.

Da fällt leicht das Stichwort Fusionen: Muss da nicht bei der ein oder anderen Innung oder bei dem ein oder anderem Verband drüber nachgedacht werden?

Dr. Groebel: Das ist eine sehr zwiespältige Frage. Wir haben einen Verband Westfalen und wir haben einen Verband Rheinland, die beide vorzüglich organisiert sind und gut miteinander arbeiten und alles bestens im Griff haben. Das gleiche gilt für Baden und Württemberg. Wir haben aber auch andere Verbände, wo das nicht der Fall ist. Aber soll ich den Mitgliedsverbänden des Zentralverbandes vorschreiben, wie sie sich zu strukturieren haben? Das kann ich ja gar nicht. Ich kann freundschaftliche Empfehlungen geben. Anstöße zu Fusionen müssen von unten kommen: Die Innungen müssen sagen, ob sie mit ihrem Verband zufrieden sind oder nicht. Wenn Betriebe respektive Innungen massenhaft austreten, dann liegt eine Fehlentwicklung vor und wenn die letztlich in der Leistungsschwäche des Landesinnungsverbandes begründet ist, dann besteht Handlungsbedarf: Das Thema gehört dann auf eine Obermeistertagung.

Was werden Sie besonders vermissen?

Dr. Groebel: Was mich in all meinen Amtsjahren sehr angenehm berührt hat, das ist die ständig wechselnde Vielzahl von Meinungen, Problemen und Entscheidungen, die ein Zentralverband zu treffen hat. Sachfelder wie z. B. die Salzreduktion oder Gentechnik, in die man sich auch intellektuell erst einmal hineinarbeiten muss. Es ist also eine der anspruchsvollsten Tätigkeiten, die ich mir vorstellen kann, weil man eben in so unterschiedlichen Fachgebieten präsent sein muss. Sie müssen Politikern und Bürokraten beste Argumente liefern können, die sich nur mit diesem einen Thema beschäftigen. Sie müssen bestens vorbereitet sein, das gilt natürlich auch für das Ehrenamt – eine enorme Herausforderung. In den nächsten sechs Monaten werde ich mich aus den Meinungsbildungsprozessen des Zentralverbandes entfernen, aber die Anbindung wegen meiner Aufgabe auf europäischer Ebene bewahren.

Wie ist bei der Besetzung der Stelle des Hauptgeschäftsführerpostens die Entscheidung für Sie gefallen?

Dr. Groebel: Ich habe Ende der 70er Jahre eine Dissertation über den Verbandseinfluss in Deutschland auf die Gesetzgebung geschrieben. Mein damaliger Chef in der Bundestagsfraktion war Heinz Hans Hauser, der zufällig auch Vizepräsident beim Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks war. Er hat mir zur Recherche einen Einblick in die Akten des Verbandes gewährt und auf dieser Grundlage habe ich meine Dissertation geschrieben. Hans Baum hat sich daran erinnert, der Verband ist dann auf mich zugekommen und hat sich um mich beworben.

Können Sie sich überhaupt einen Ruhestand vorstellen? Was kommt nach dem Bäckerhandwerk?

Dr. Groebel: Die Arbeit macht mir wahnsinnig viel Spaß aber ich bin auch ein Freund des schönen Lebens, das muss man ja nicht verheimlichen. Gutes Essen, schöne Reisen, Treffen mit Freunden – das alles werde ich genießen – auch wenn ich manchmal einen asketischen Eindruck mache. Meine Frau und ich freuen uns auf eine aktive Gestaltung der freien Zeit. Ich werde mich nächstes Jahr außerdem an der Universität einschreiben, um mich ein wenig sachkundig in der Sprachforschung machen, eine persönliche Passion von mir.

Mussten Sie sich mit Präsident Peter Becker erst zusammenfinden?

Dr. Groebel: Nein, das war von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis. Wir kannten uns ja schon, bevor er Präsident wurde. Ich habe mir damals einen kleinen Trick erlaubt, um ihm ins Amt zu verhelfen: Vor der Rückreise von einer iba Präsentation aus Indonesien haben wir vereinbart, dass wir bei der Ankunft ein Ergebnis präsentieren: Er kandidiert, er kandidiert nicht. Er sagte dann in Indonesien zu – mit der Bedingung, dass ich nicht gleich nach zwei Jahren von Bord gehe. Was er aber nicht wusste: Ich hatte in der Geschäftsstelle eine Pressemitteilung hinterlegt, freilich in zwei Versionen: „Peter Becker steht leider nicht zur Verfügung ... und Peter Becker kandidiert“. Dann habe ich die Zeitverschiebung einkalkuliert, meinem Sekretariat Bescheid gegeben und die positive Pressemitteilung veröffentlichen lassen. Tags drauf rief mich Peter Becker an mit der Feststellung: „Jetzt haben Sie schon eine Pressemitteilung rausgegeben, aber meine Frau wusste noch gar nichts von meiner Entscheidung.“

Aber das war ja auch Sinn und Zweck, damit er nicht noch einmal überlegen konnte. Ich kann also mit Fug und Recht sagen: Ich habe unserem Präsidenten ins Amt verholfen. Peter Becker ist ein hervorragender Repräsentant für unser Bäckerhandwerk – absolut top und up to date. Wenn wir eine Absprache getroffen haben, hat er sie buchstabengetreu eingehalten. Das hat einfach Freude gemacht, das war einfach klasse. Ich glaube nicht, dass ich zu viel sage, aber es war eine persönliche Wertschätzung bei allen Beteiligten rund um den Zentralverband – ob Ehren- oder Hauptamt – gegeben, bei aller ebenfalls notwendigen Distanz.

Ich hatte eben das druckreife Sprechen angesprochen. Gibt es noch etwas das sie mir, den Verbänden, den Schulen oder anderen in das Notizblöckchen diktieren wollen?

Dr. Groebel: Ja - aber natürlich mit einem Schuss Ironie: Nachsicht gegenüber dem Hauptamt und Vorsicht gegenüber dem Ehrenamt. Aber Spaß beiseite: Ich wünsche mir, dass meinem Nachfolger das gleiche Vertrauen entgegengebracht wird – wie mir. Dass bei Fachschulen und Verbänden nicht einer dem anderen ein Auge aushackt und sich auf Kosten des anderen profilieren will. Es geht nicht darum, wer von unseren Verbänden die beste Fachschule hat, sondern wie wir es im Verbund schaffen, die beste Beratungsleistung für unsere Betriebe zu gewährleisten. So muss die zentrale Zielsetzung lauten. Der Wettbewerb ist o.k. und es können auch gleiche Leistungen an unterschiedlichen Schulen angeboten werden. Den eigentlichen Wettbewerb – nämlich den gegenüber außenstehenden Anbietern – können wir nur gewinnen, wenn wir uns als ein gemeinsamer Anbieter verstehen. Jeder soll das tun, was er am besten kann. Von einem Holzofen an einer oder mehreren Fachschulen hängt doch nicht das Wohlergehen des Bäckerhandwerks ab.

Jetzt dann aber noch eine „frohe Botschaft“ an das Bäckerhandwerk insgesamt:

Dr. Groebel: Da kann ich nur einen alten Kalauer wiederholen: Gemeinsam sind wir stark! Das ist natürlich ein besonderer Hinweis an die Bäckereien, die sich mittlerweile aus der Innung verabschiedet haben oder noch nicht drin sind. Wenn ich die Leistungsfähigkeit unserer Landesverbände, Innungen und des Zentralverbandes betrachte, dann habe ich nur ein eingeschränktes Verständnis für die Betriebe, die nicht erkennen, welche Leistungspakete sie hier nutzen können.

Wissen denn die Betriebe, welche Leistungen sie abrufen können?

Dr. Groebel: Nein. Das ist einer der Punkte, die ich mit meinen Kollegen von den Landesverbänden diskutiert habe. Wir könnten das als Zentralverband schnell ändern, aber wir dürfen es nicht. Wir sind von unseren Landesverbänden gehalten, uns nicht direkt an die Betriebe zu wenden. Dafür habe ich angesichts der engeren Kontakte der Landesinnungsverbände ein gewisses Verständnis. Aber von Fall zu Fall wäre es sicher denkbar und kein Problem, dass sich der Zentralverband einmal in der Woche oder alle zwei Wochen direkt an die Betriebe wendet. Ich habe ein eingeschränktes Verständnis dafür, dass wir bislang nicht so verfahren sind, sage aber auch, dass wir diese Behinderung mittelfristig als Nachteil erleben werden, weil uns noch mehr Betriebe von der Fahnenstange gehen. Da muss man Wege finden, um diese Betriebe einzufangen. Ob das eine direkte Mitgliedschaft im Zentralverband ist – das ist derzeit satzungstechnisch nicht ganz einfach – oder ein anderer Weg. Aber in den nächsten 4 bis 5 Jahren muss darüber entschieden werden, sonst ist es zu spät.

Ansonsten kann ich nur sagen: Es gibt eine Mehrzahl an Betrieben die sehr stolz auf ihr Unternehmen sein können und dieses Selbstbewusstsein auch auf ihre Mitarbeiter übertragen sollten. In der öffentlichen Wahrnehmung muss das Bäckerhandwerk mit Hilfe unseres Leitbildes noch stärker präsent sein. Die Betriebe müssen sich selbst als sympathisches Handwerk für anspruchsvolle Verbraucher verstehen. Dann erreichen wir auch die richtigen Zielgruppen und müssen uns um die Zukunft wenig Sorgen machen.


Artikel vom 27.01.2010
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