INTERVIEW der woche
Der Bio-Markt hat die Nische verlassen
ABZ: Wie hat sich der Bio-Markt in den letzten Jahren verändert?
Jörg Reuter: Der Markt für den Zusatznutzen Bio beträgt in Deutschland heute ca. 4,8 Mrd. Euro. Der Markt hat damit die Nische verlassen. Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch für die nächsten Jahre ist von einem zweistelligen Marktwachstum in Deutschland auszugehen. Stärkste Wachstumshürde wird dabei die Verfügbarkeit von Bio-Rohstoffen sein. In den letzten 20 Jahren hat sich Bio von einem verzichtsgeprägten Nischensegment zu einem lifestyle-orientierten Mengenmarkt entwickelt. Nach neusten Zahlen kaufen 90 Prozent der Bevölkerung bereits Bio-Produkte.
ABZ: Wie wirkt sich der durch die Discounter ausgelöste Bio-Boom auf den Markt aus?
Jörg Reuter: Die Discounter sind derzeit der stärkste Bio-Treiber im Deutschen Markt. Aber auch die Bio-Supermärkte sorgen für Tempo und räumen gleichzeitig mit dem immer noch verbreiteten Image der tristen „Körnerläden“ auf. Aus unserer Sicht sind die Discounter mit ihren Bio-Sortimenten noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Im Gegenteil: Bio-Primus Plus legt weiterhin kräftig nach und mit Penny hat jetzt der letzte deutsche Discounter das Bio-Segment in Angriff genommen.
Die klassischen Vollsortimenter sind durch die Discounter stark unter Druck geraten und rüsten jetzt ebenfalls in großem Tempo ihre Bio-Sortimente nach. Ebenso unter Druck geraten klassische Markenhersteller. Viele Markenhersteller verhalten sich noch zögerlich, einige wie beispielsweise Coppenrath & Wiese oder Lieken haben bereits reagiert und Bio-Produkte in ihr jeweiliges Portfolio aufgenommen.
ABZ: Wie kann man sich gegen die Billigstrategie der Discounter behaupten?
Jörg Reuter: Wer sich nicht von den Discountern treiben lassen möchte ist gut beraten, seine Bio-Artikel innerhalb der so genannten drei G’s – Gesund, Geschmack, Gerecht – zu positionieren. Forschungsergebnisse zeigen, dass besonders Gesundheits- und Genussaspekte durch Bio ganz erheblich verstärkt werden und auch eine Mehrzahlungsbereitschaft für diese Nutzenkombinationen besteht. Wir erwarten in den nächsten Jahren eine regelrechte Renaissance dieser klassischen Bio-Werte. Die Kunst wird darin bestehen z. B. den Vollkornaspekt mit dem Genussaspekt zu verbinden.
ABZ: EG-Bio oder Verbandsbio? Was würden Sie einem handwerklichen Backbetrieb raten?
Jörg Reuter: Grundsätzlich muss man sagen, dass EG-Bio kein schlechtes Bio ist. Trotzdem kann es für den handwerklichen Backbetrieb interessant sein, sich zusätzlich von einem der klassischen Bio-Verbände (Bioland, Naturland, Gäa, Demeter) zertifizieren zu lassen. Bio-Rohstoffe von Verbänden sind auf jeden Fall bezüglich ihrer Bio-Echtheit vertrauenswürdiger als EU-Bio-Ware. Verbandslandwirte sind in ein soziales System von anderen Bio-Landwirten eingeschlossen. Das macht einen vorsätzlichen Bio-Betrug sehr unwahrscheinlich. Die meisten Verbände liefern darüber hinaus noch handwerkliches Fach-Know-how, was gerade in der Startphase interessant sein kann.
ABZ: Viele Bäcker produzieren Bio-Backwaren als zweite Schiene neben konventionellen Backwaren. Wie sehen Sie dies? Auf was muss man unbedingt achten?
Jörg Reuter: Nach der EU-Verordnung und auch nach Verbandsrichtlinien ist das Nebeneinanderproduzieren von Bio und konventionell kein Problem. Es muss natürlich ausgeschlossen werden, dass Rohstoffe oder fertige Backwaren vertauscht werden.
Praktisch fürchten viele Bäcker beim Verkauf von Bio und konventionell nebeneinander eine Diskriminierung der konventionellen Ware. Nach dem Motto, wenn das eine Bio ist, ist das andere dann giftig? Der Verbraucher ist hier sehr viel pragmatischer als die meisten denken. Den 100-Prozent -Bio-Käufer gibt es so gut wir gar nicht. Die meisten Käufer kaufen sowohl Bio als auch konventionelle Produkte. Dennoch gibt es einiges, was der Bäcker hier tun kann, um die Gefahr einer Diskriminierung auszuschließen. Dubletten, also das gleiche Produkt in Bio und in konventionell, sollte man möglichst vermeiden.
Also ein Vollkornbrot konventionell und ein Bio-Vollkornbrot parallel anzubieten, ist wenig sinnvoll. Insgesamt sollten die Bio-Backwaren auch von den Rezepturen her eher gesund positioniert sein. (pf)
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