Branche_Politik
Den anderen einen Schritt voraus sein
Verbandstag BIV Baden: ZV-Präsident Peter Becker zu Chancen handwerklicher Bäckereien / LIM Walter Augenstein einstimmig wieder gewählt

Der wiedergewählte Vorstand des Bäckerinnungsverbandes Baden mit ZV Präsident Becker (von links): Walter Frick, Fritz Trefzger, Verbands-Geschäftsführerin Ute Sagebiel-Hannich, Landesinnungsmeister Walter Augenstein, Peter Becker, Hermann Aichele und
Zusatzverkäufe sind schwieriger
Dass dafür auch entsprechende politische Rahmenbedingungen vorhanden sein müssen, monierte LIM Walter Augenstein in seinem Bericht. So würde die Gesundheitsreform kleine und mittlere Betriebe noch stärker belasten und auch die noch ungeklärte Gestaltung der Erbschaftssteuer lasse nichts Gutes erwarten. Das Aufblähen von Behörden und vieler staatlicher Vorgaben habe zu einem unübersehbaren Unmut in der Bevölkerung geführt, so LIM Augenstein. Neben dem Anstieg von Rohstoff- und Energiepreisen habe die Abgabenlast die finanziellen Spielräume der privaten Haushalte so stark eingeengt, dass Zusatzverkäufe bei den Kunden immer schwieriger zu realisieren sind.
Auch im Bereich der schulischen Vorbildung von Lehrlingen sieht Walter Augenstein großen Handlungsbedarf. Es könne nicht sein, dass Gewerbeschulen zum Reparaturbetrieb der Hauptschule werden, weil Lesen und Schreiben nicht mehr Allgemeinwissen beim Antritt der Lehre sind. Auf der anderen Seite müsse die Bildungspolitik endlich anerkennen, dass im Handwerksbereich abgelegte Bildungsabschlüsse den gleichen Stellenwert bekommen müssen wie bei der akademischen Ausbildung.
Pflegezeit gewöhnungsbedürftig
Dass nach anfänglicher Skepsis in den Betrieben die Umsetzung der Ausbildungsordnung ganz gut gelingt, darüber freute sich Verbandsgeschäftsführerin Ute Sagebiel-Hannich in ihrem Bericht. Einen Beitrag dazu leiste auch das Seminarangebot der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk (ADB), das deutlich erweitert wurde und noch umfangreicher werden soll.
Neben der Entsendung zu Seminaren tragen auch soziale Leistungen zur Zufriedenheit der Mitarbeiter bei. Immer beliebter werde z. B. die Entgeltumwandlung in Tankgutscheine. Damit dies aber sozialabgabenfrei bleibe, müssten bestimmte Grenzwerte eingehalten werden. Nicht vergessen werden darf auch der Altersvorsorgebeitrag, auf den jeder Mitarbeiter einen Anspruch hat. Gewöhnungsbedürftig für die Inhaber werden sicher die Wirkungen des neuen Pflegezeitgesetzes sein, das seit 1. Juni in Kraft ist. Danach dürfen Mitarbeiter nach einer Ankündigungszeit von zehn Tagen bis zu sechs Monate unbezahlten Pflegeurlaub nehmen. Dies bedeutet, dass Mitarbeiter mehr oder weniger von heute auf morgen fehlen können.
Ein weiteres Ärgernis für Bäcker ist die Zusammenlegung von Produktion und Verkauf bei der Eingruppierung zum Gefahrtarif der Berufsgenossenschaft BGN. Dies belaste die Unternehmen enorm und da aus Sicht der Innungsverbände eine Wettbewerbsverzerrung gegenüber dem Einzelhandel vorliegt, strengt der Zentralverband ein Musterverfahren dagegen an.
Handwerk hat Zukunft
Hat das kleinteilige Handwerk neben Weltkonzernen und Globalisierung eine Zukunftschance? Diese Frage beantwortete Zentralverbands-Präsident eindeutig und selbstbewusst: „Das Handwerk hat nicht nur eine Chance, sondern es ist Voraussetzung für das Funktionieren unserer Gesellschaft.“ Denn Handwerksunternehmer investieren langfristig und sorgen so für die Stabilität in der Wirtschaft; außerdem sind Handwerksbetriebe die Ausbilder der Nation. Trotzdem sind einige Probleme nicht zu übersehen. So drängen beispielsweise die großen Lebensmittelhändler darauf, das Bäckergeschäft in eigener Regie zu übernehmen und so gehen die interessanten Verkaufsflächen in den Centern in der Regel unter der Hand weg. Auch enorm geändert hat sich das Verbraucherverhalten beim Einkauf und den Verzehrsgewohnheiten.
Die Brotindustrie und die Lebensmittelgiganten können sicherlich nicht verdrängt werden, aber es gibt einige Stellschrauben, an denen jeder selbst drehen kann. Dazu gehört die absolute Qualität und zwar bei Produkt und Service. Auch muss der Bäcker auf die Verbraucher zugehen und neue Strukturen im Vertrieb finden, wie beispielsweise Haustürlieferungen oder Angebote für ältere Kunden.
Änderung des Geschmacks
Eine große Unbekannte ist die Änderung des Geschmacks in der Bevölkerung. „Haben die heute 14- bis 20-Jährigen den gleichen Geschmack wie wir und wissen die Leute noch, wie gutes Brot schmeckt?“ Mit der Beantwortung dieser Frage müssen sich die Bäcker auseinandersetzen und für entsprechende Angebote sorgen. Hier setzen die Themen Gesundheit und Wellness oder Bio starke Trends. Präsident Peter Becker abschließend: „Wir können die Winde nicht ändern, aber die Segel richtig setzen.“
Bei den anschließenden Regularien stellte stellv. LIM Hermann Aichele die Jahresrechnungen des Verbands vor, deren Ergebnisse ohne Beanstandungen alle einstimmig genehmigt wurden. In den geheim durchgeführten Wahlen wurden neben Walter Augenstein als Landesinnungsmeister auch seine Stellvertreter Walter Frick (Nordbaden) und Hermann Aichele (Südbaden) gewählt. Der erweiterte Vorstand sowie die Ausschüsse wurden jeweils einstimmig per Akklamation gewählt.
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