Trends & Märkte

Bio: LEH steigert Marktanteil um acht Prozent

Umsatz mit Ökolebensmitteln in Deutschland unterschätzt / Im Wesentlichen profitierte der allgemeine Lebensmitteleinzelhandel vom Bio-Boom


Bornheim (age). Die vorläufigen Angaben zum gesamten Umsatz mit Öko-Lebensmitteln in Deutschland für das Jahr 2006 müssen nach oben korrigiert werden. Wie Prof.Ulrich Hamm von der Universität Kassel und Markus Rippin vom Marktforschungsunternehmen „Agromilagro research“ vergangene Woche in einem aktuellen Bericht dazu feststellten, war die vorläufige Hochrechnung der Umsätze des Lebensmitteleinzelhandels mit Öko-Lebensmitteln zu niedrig. Anstatt um 500Mio.Euro dürfte der Umsatz mit Öko-Produkten im allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel im vergangenen Jahr gegenüber 2005 um rund 650Mio.Euro gestiegen sein, auf der gesamten Einzelhandelsstufe sogar um 700Mio.Euro. Dieser enorme Umsatzanstieg ist laut Hamm und Rippin im Wesentlichen auf vier Faktoren zurückzuführen: Der größte Wachstumsimpuls ging von der Sortimentsausweitung bei verschiedenen Discountern und beim Branchenprimus Edeka aus. Darüber hinaus sind 2006 weitere Einzelhandelsgeschäfte neu in die Vermarktung von Öko-Produkten eingestiegen. Außerdem verbuchten fast alle Geschäftstypen vergangenes Jahr hohe Absatzzuwächse im bestehenden Öko-Sortiment. Und schließlich sorgten angebotsbedingte Knappheiten für Preis- und damit Erlössteigerungen auf der Einzelhandelsstufe. Neben dem allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel profitierten im Wesentlichen noch die Naturkostläden – vor allem die Bio-Supermärkte – und die Drogeriemärkte vom „Bio-Boom“.

Steigerung drei Jahre in Folge

Wie Hamm und Rippin weiter berichteten, hält der „Bio-Boom“ nun schon das dritte Jahr in Folge an. Die Marktforscher stufen dies auch deswegen als „besonders bemerkenswert“ ein, weil sich die Einkommen der Verbraucher in Deutschland in den letzten drei Jahren real kaum verändert haben. Damit zeige sich, dass die Bundesbürger keineswegs nur Billig-Lebensmittel kaufen wollten. Von diesem positiven Gesamttrend profitieren allerdings immer weniger Anbieter, da es zu starken Strukturverschiebungen gekommen ist. Im vergangenen Jahr gelang es nur dem allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel, seine Bedeutung am Öko-Markt auszubauen. Er erlöste in diesem Segment 2,25Mrd.Euro, was den Marktanteil von 41 auf 49 Prozent klettern ließ. Die Naturkostfachgeschäfte konnten 2006 den Absatz von Öko-Lebensmitteln zwar um fast 100 Mio. Euro steigern und erstmals die Umsatzmarke von 1 Mrd. Euro überspringen; ihre Quote sank gleichwohl, und zwar um 2 Punkte auf 23Prozent.

Beim allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel haben nach Angaben von Hamm und Rippin im Jahr 2006 die Discounter am stärksten zugelegt und insbesondere den Verbrauchermärkten Marktanteile bei den Öko-Lebensmitteln abgenommen. Sehr hohe zweistellige Umsatzsteigerungen im bestehenden Sortiment meldeten selbständige Einzelhändler insbesondere der Edeka sowie kleinere Handelsketten mit starkem Öko-Engagement der Geschäftsführung wie beispielsweise tegut. Strukturelle Verschiebungen sind aber auch bei den Naturkostläden festzustellen. Während im vorigen Jahr viele größere Naturkostläden zweistellige Zuwachsraten beim Umsatz verzeichneten und wieder zahlreiche neue Bio-Supermärkte eröffneten, sahen sich zahlreiche kleinere Naturkostläden dazu gezwungen, für immer zu schließen, weil sie trotz des starken Marktwachstums dem härter gewordenen Wettbewerb nicht standhalten konnten. Exakte Angaben über solche Ladenschließungen sind zwar nicht verfügbar; aus der Entwicklung der Adressdateien regionaler Verkaufstellenverzeichnisse lässt sich nach Darstellung von Hamm und Rippin jedoch ein Rückgang der Zahl dieser kleineren Geschäfte um eine zweistellige Prozentzahl ableiten.

Ein noch stärkerer Strukturwandel vollzieht sich nach Angaben der Marktforscher bei den landwirtschaftlichen Direktvermarktern. Auch hier führt die steigende Zahl von Verkaufsstellen für Öko-Produkte im LEH dazu, dass viele meist kleinere landwirtschaftliche Betriebe den Verkauf an den Endverbraucher einstellen, weil er sich für sie kaum noch lohnt. Wenn Eier, Kartoffeln, Möhren, Äpfel und Milch aus dem Öko-Landbau praktisch in fast allen Supermärkten und Discountern zu günstigen Preisen angeboten werden, nehmen immer weniger Verbraucher die weiteren Wege zu den Landwirten auf sich, um diese klassischen Direktvermarktungsprodukte einzukaufen.

Unter der zunehmenden Verfügbarkeit von Öko-Brot und -Backwaren in immer mehr Einkaufsstätten hat im vergangenen Jahr auch der Umsatz der Bio-Bäckereien gelitten, die erhebliche Marktanteile verloren. Bei den Fleischereien bremsten zwar zunehmende Angebotsengpässe das Wachstum der Vermarktungsmenge; diese führten aber gleichzeitig zu höheren Preisen, so dass der Umsatz hier insgesamt noch wuchs. Reformhäuser mussten dagegen schon im zweiten Jahr in Folge beträchtliche Umsatzeinbußen – nicht nur im Öko-Lebensmittelbereich – hinnehmen.

Umsatzverlierer

Der einstige Pionier der Vermarktung von Öko-Lebensmitteln, der im Jahr 2000 noch über einen Marktanteil von 10Prozent verfügte, hat es offensichtlich nicht geschafft, bestehende Kunden an sein Verkaufskonzept zu binden. Das in den Jahren 2003 bis 2005 stürmische Umsatzwachstum der Drogeriemärkte, das im Wesentlichen durch den Neueinstieg einiger Ketten und die beträchtliche Sortimentsausweitung erzielt worden war, hat sich 2006 deutlich verlangsamt. Auch hier scheint der direkte Wettbewerb mit dem LEH und den Bio-Supermärkten härter geworden zu sein.

Das Umsatzwachstum mit Öko-Lebensmitteln insgesamt hätte 2006 nach Einschätzung von Hamm und Rippin noch deutlich höher ausfallen können, wenn nicht zunehmende Versorgungsengpässe die Sortimentsausweitung gebremst hätten.


Artikel vom 09.08.2007
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