Markt & Meinung

Billig oder Bio?


Entweder billig beim Discounter einkaufen – oder Bio-Lebensmittel im Fachgeschäft. Sei es im Naturkostladen, Reformhaus oder direkt beim Bauer. Bio kann nicht billig. Konventionelle Lebensmittel werden verramscht. Diese vertraute Regel der Einkaufswelt ist gehörig aus den Fugen geraten. Die turbulenten Änderungen im Lebensmittelhandel nehmen immer rasantere Fahrt auf. Unlängst hat Bio die Regale von LEH und Discountern erobert, Bio-Supermärkte wie Alnatura und Basic drängen erfolgreich auf den Markt. Frisch, farbenfroh, modern. Eben „Bio für alle“, lautet die Devise und der Slogan hat Lidl so gut gefallen, dass der Discounter bei Basic jetzt eingestiegen ist – eine unheimliche Allianz. Schon in Kürze soll aus der 23 Prozent-Beteiligung eine Mehrheit werden. Fehlt nur noch das Aldi auf den Bio-Geschmack kommt und sich Alnatura einverleibt. Droht der handwerklichen Qualität mit regionaler Herkunft zu fairen Preisen von Bio-Produkten der Ausverkauf?

Das einst in der Nische gehegte und gepflegte Pflänzchen Bio treibt ungeahnte Blüten: Um rund 18 Prozent stieg der Umsatz mit biologisch hergestellten Lebensmitteln von 2005 auf 2006, der sagenhafte Trend soll langfristig sein. In die „Goldgräberstimmung“ mischen sich jüngst lauter werdende Befürchtungen. Bio verträgt keine Discount-Mentalität, die mit Menge und niedrigen Preisen Marktanteile zu erobern pflegt. Die kleinen Hof- und Naturkostläden und Reformhäuser zählen heute schon zu den Verlierern, auch Bio-Bäcker sollen im letzten Jahr an den Umsatzsteigerungen mit Bio-Produkten nicht beteiligt gewesen sein – im Gegenteil. Wenn die Bio-Branche weiter in solchen Sieben-Meilen-Schritten wächst, kann die Frucht auf dem Feld wohl kaum mithalten: Vier von zehn Bio-Karotten aus Italien waren keine Bio-Karotten – die Nachfrage muss ja erfüllt werden. Betrug mit Bio. Qualität und Glaubwürdigkeit drohen auf der Strecke zu bleiben, die beiden wichtigsten Kaufkriterien für Bio. Wenn der Markt weiter wuchert, gar zur Fleisch fressenden Pflanze mutiert, muss er aufpassen, dass er sich nicht selber frisst.

Werner Kräling


Artikel vom 16.08.2007
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