INTERVIEW der woche

Belastbarkeit der Betriebe ist ausgereizt

„Der subventionierte Anbau regenerativer Energiepflanzen bindet bereits jetzt Flächen, die dringend zur Produktion von Brotgetreide benötigt werden.“


Die ABZ sprach mit Heinrich Traublinger, MdL und Landesinnungsmeister des Bayerisches Bäckerhandwerks, über die aktuellen Rahmenbedingungen, die zunehmenden Kosten und die Lobbyarbeit der Verbände.

ABZ: Welche konkrete Möglichkeiten haben der Zentralverband und die Landesverbände des Bäckerhandwerks, Einfluss auf die Rahmenbedingungen für die Betriebe zu nehmen?

Traublinger: Grundsätzlich ist Lobbyarbeit geprägt durch eine aktive Darstellung und Kommunikation der Brancheninteressen gegenüber der Politik, der Verwaltung und den Medien – sprich der Öffentlichkeit. Dies geschieht zum einem durch Stellungnahmen zu Gesetzes- und Verordnungsvorhaben des Bundes und der Länder und zum anderen durch direkte Ansprache der für die einzelnen Themen federführenden Politiker. Jeder Verband macht das im Rahmen seiner Möglichkeiten.

In Bayern sind wir da sehr gut aufgestellt, da wir über eine schlagkräftige Geschäftsstelle verfügen und über mein Landtagsmandat direkten Zugang zur Bayerischen Staatsregierung haben – da können wir auch aktiv Vorschläge außerhalb konkreter Gesetzesvorhaben einbringen und so gestalterisch tätig werden. Zudem verfügen wir über beste Verbindungen zu Ämtern und Behörden, die mit der Umsetzung der Vorschriften befasst sind.

ABZ: Wo drückt der Schuh besonders?

Traublinger: Überall dort, wo unseren Betrieben Belastungen erwachsen – und das ist in letzter Zeit leider fast an allen Fronten der Fall. Aktuell sind das natürlich die massiven Verteuerungen im Bereich der Rohstoffe sowie der übrigen Produktionskosten. Des weiteren kämpfen wir zum Nutzen der gesamten Nahrungsmittelhandwerke gegen die Absicht von Bundesumweltminister Gabriel, Verkaufsverpackungen flächendeckend zu lizenzieren.

Immerhin ist es uns schon gelungen, dass Bundeswirtschaftsminister Michael Glos voll hinter unserem Anliegen steht, die Betriebe des Nahrungsmittelhandwerks lediglich mit einem Teil der Lizenzgebühren für Serviceverpackungen zu belasten. Darüber hinaus zeichnen sich mit der Neufassung des Gefahrtarifs in der gesetzlichen Unfallversicherung erhebliche Beitragserhöhungen ab, bei denen wir nach Wegen suchen, wie wir die Gesamtbelastung in Grenzen halten können.

ABZ: Apropos BGN: Wie steht es um die Unfallversicherung in der Nahrungsmittelbranche? Ist die Zusammenlegung der Gefahrenbereiche Produktion und Vertrieb berechtigt?

Traublinger: Ob die Zusammenlegung gerechtfertigt ist oder nicht, wird jeder aus seinem eigenen Blickwinkel beantworten. Der neue Gefahrtarif ist ja demokratisch auf der Basis nachgewiesener Zahlen von den Selbstverwaltungsgremien beschlossen worden – daran können wir trotz der von uns mobilisierten Ablehnungs-Allianz quer durch das backende Gewerbe im Gesamtkonzert aller in der BGN zusammengefassten Branchen nichts ändern. Viel entscheidender ist für mich die Frage nach der Belastbarkeit unserer Betriebe – und die ist ausgereizt. Wenn man also auf der einen Seite vermeintlich unabdingbare Beschlüsse fasst, die zu einer weiteren Kostensteigerung führen, dann erwarte ich auf der anderen Seite, dass unsere bereits vor Jahren unterbreiteten und seitdem immer wieder in Erinnerung gebrachten konkreten Vorschläge zur Entrümpelung des Leistungskatalogs der Berufsgenossenschaft und zur Erzielung von Kosteneinsparungen aufgriffen und umgesetzt werden. Hier passiert für meine Begriffe noch viel zu wenig, da bin ich enttäuscht.

Ansonsten darf man nicht verkennen, dass das bestehende System der gesetzlichen Unfallversicherung – allein schon über die damit verbundene Haftungsfreistellung für die Unternehmer – zweifelsohne seine Berechtigung hat. Allerdings kann dies nicht bedeuten, dass man bei der Suche nach Kostensenkungsmöglichkeiten nachlässig wird. Auch die BGN selbst ist aufgerufen, immer wieder bestehende Strukturen und Leistungen auf den Prüfstand zu stellen.

ABZ: Wenn wir schon bei den Kosten sind: Was raten Sie den Betrieben, um die Energiekosten zu senken?

Traublinger: In Bayern haben wir unseren Betrieben mit den Rahmenverträgen der Handwerksorganisation konkrete Einsparpotenziale eröffnet. Darüber hinaus sollte jeder Betrieb direkt mit seinem Energielieferanten in Verhandlung treten, um entsprechend seiner Leistungskurve Vergünstigungen auszuhandeln. Längerfristig sind natürlich Grundsatzentscheidungen hinsichtlich Energieart und Investition in energiesparende neue Anlagen und Gerätschaften zu treffen. Die Berater der Verbände können hier Möglichkeiten aufzeigen und die Bäkos dazu die entsprechenden Leistungsdaten und im Entscheidungsfall dann natürlich die Technik liefern.

ABZ: Stichwort Rohstoffe. Glauben Sie, dass der viel zitierte Klimawandel die gegenwärtige Rohstoffknappheit langfristig noch verschärfen wird?

Traublinger: Das wird zwangsläufig der Fall sein! Klimawandel bedeutet ja nicht nur, dass die Wachstums- und Erntebedingungen unserer Kulturpflanzen sich verändern, sondern auch, dass zum Teil massive Flächenumwidmungen stattfinden werden. Der subventionierte Anbau regenerativer Energiepflanzen bindet bereits jetzt Flächen, die dringend zur Produktion von Brotgetreide benötigt werden. Bei globaler Betrachtung werden wir auch den prognostizierten Mehrbedarf und die zu erwartenden klimabedingten Mindererträge in anderen Teilen der Welt ins Kalkül ziehen müssen.

ABZ: Die Preise für Rohstoffe steigen – besonders für Bio-Produkte. Die Discounter entdecken die Bio-Range als lukratives Zukunftsgeschäft. Kann der Umstieg auf Bio-Backwaren in dieser Situation im Handwerk noch ratsam sein?

Traublinger: Das ist eine Frage, die nur jeder einzelne Betrieb in Abhängigkeit von seinem Profil und seiner Kundenstruktur für sich selbst beantworten kann. Glaubt man den Trends, die auf den Bio-Messen und in der einschlägigen Fachliteratur aufgezeigt werden, kann der Bio-Sektor durchaus für viele Betriebe aussichtsreiche Perspektiven eröffnen. Das Bäckerhandwerk darf diesen Bereich jedenfalls nicht an sich vorüberziehen lassen. Um unsere Betriebe bei der Bio-Umstellung zu unterstützen, haben wir im letzten Jahr einen Rahmenvertrag mit einem Bio-Zertifizierer geschlossen. Dieses Angebot wird mittlerweile auch rege genutzt. Andererseits kann Bio kein Allheilmittel sein – dazu ist das Einkaufsbewusstsein der Verbraucher zu heterogen.

Zudem müssen wir aufpassen, dass wir unsere traditionell erzeugten Backwaren nicht diskriminieren – das wäre fatal für das Gesamtgeschäft. Nachdenklich stimmen auch die immer wieder aufkeimenden Meldungen über Missbräuche mit den Bio-Labels. Hier muss –ohne zusätzliche Bürokratie und Kontrollmechanismen zu schaffen – Sicherheit und Transparenz garantierterden.

(Das Interview führte Werner Kräling)


Artikel vom 13.09.2007
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