Termine

Azubis Perspektiven bieten

Talkrunde über Attraktivität der Ausbildung und des Arbeitsplatzes: Meistermarken-Ulmer Spatz mit konstruktivem Beitrag zum Thema


Bingen (wo). Schon jetzt ist es für viele Bäckereien sehr schwer, gute Auszubildende zu bekommen. Denn die Konkurrenz im Kampf um gute Nachwuchskräfte hat sich aufgrund des demografischen Wandels in den letzten Jahren deutlich erhöht. Eine bedauerliche Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren verstärkt fortsetzen wird. Denn die Zahl der Schulabgänger nimmt kontinuierlich ab. Laut Hochrechnungen sind es bis zum Jahr 2025 insgesamt rund 30 Prozent weniger Schulabgänger, die als potenzielle Lehrlinge in Frage kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Image des Bäckerhandwerks nach wie vor nicht besonders gut ist. Eine Ausbildung in der Branche ist folglich in vielen Fällen zweite oder gar erst dritte Wahl. Vor diesem Hintergrund sind Imagekampagnen für die Nachwuchswerbung, wie die des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, enorm wichtig. Aber auch Initiativen wie die von Meistermarken-Ulmer Spatz sind konstruktive Beiträge, um die Attraktivität der Ausbildung und letztlich die Produktivität im Bäckerhandwerk zu erhöhen: Das Unternehmen bietet erstmals einen Fortbildungslehrgang für Azubis (siehe Infokasten und ABZ Nr. 7, Seite 19). In zwei Unterrichtswochen wird neben fachlichen Lerneinheiten die soziale und kommunikative Kompetenz gestärkt.

In einem Roundtable-Gespräch thematisieren die Macher des Projekts zusammen mit einem engagierten Praktiker die Situation des Bäckerhandwerks und Beweggründe sowie die Inhalte des Lehrgangs. Mit von der Partie: Heidi Kahlstorf (PR-Managerin bei Meistermarken-Ulmer Spatz), Hella Brandt (Weiterbildung, Verkaufstraining, Meistermarken-Ulmer Spatz), Heinrich Münsterjohann (Leiter des Kundenzentrum, Meistermarken-Ulmer Spatz), Prof. Ulrich Kroppenberg (Fachhochschule Mainz, im Fachbereich Wirtschaft u. a. zuständig für die Fächer Sozialkompetenz und Organisationslehre) und Bäckermeister Ludger Lüning aus Bingen (54 Filialen, u. a. das berühmte BäckerRant).

ABZ: Wie ist der Stand der Dinge in Sachen Ausbildung im Bäckerhandwerk und was kann man tun, um die Ausbildung attraktiver zu machen?

Lüning: Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Das Bäckerhandwerk ist nicht für jeden Jugendlichen attraktiv. Schon bei mir war die Ausbildung zum Bäcker nicht erste Wahl. Aber mein damaliger Lehrherr hat sich meiner angenommen und ich habe die Chancen genutzt, mich irgendwann selbstständig zu machen. Ich hätte aber auch als Maurer erfolgreicher Unternehmer werden können.

Münsterjohann: Das zeigt doch auch, wie wichtig es ist, Jugendlichen eine Perspektive bieten zu können – auch unabhängig von fachlichen Neigungen. Dazu gehört selbstständiges Arbeiten bis hin zu selbstständigem Unternehmertum wie bei Herrn Lüning.

Lüning: Das mag schon stimmen. Aber wie kann ein Unternehmer, der nicht weiß, ob er in ein paar Jahren noch am Markt ist, Perspektiven bieten? Das gleiche gilt auch, wenn ich Angst habe, Wissen weiterzugeben und Verantwortung zu delegieren. Aber man muss auch sehen, wer sich denn bei uns bewirbt. Das sind häufig die, die aufgrund ihrer schlechten schulischen Leistungen keine andere Wahl haben.

Münsterjohann: Das Eine bedingt vielleicht auch das Andere. Da fehlt es eben auch an Wertschätzung. Denn wer Lehrlinge als billige Arbeitskräfte sieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nur die sogenannten schlechten Lehrlinge hat.

ABZ: Was kann getan werden, um diesem Dilemma zu begegnen?

Münsterjohann: Es sind oft die gleichen Probleme und es wurde an uns herangetragen, dass wir uns um die Dinge kümmern. Deshalb haben wir uns entschlossen, diesen insgesamt zweiwöchigen Fortbildungslehrgang für Azubis anzubieten.

Kroppenberg: Die Idee dabei ist, die im Rahmenlehrplan praktisch nicht vorkommenden Softskills zu schulen. Denn gerade Sozialkompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Körpersprache und souveräner Umgang mit Konflikten sind heute im innerbetrieblichen Umgang und im Kundenkontakt ein wichtiger Produktivitätsfaktor und letztlich auch imageprägend. Außerdem sind Wertschätzung, respektvoller Umgang und Verantwortung mitentscheidend für die Attraktivität eines Arbeitgebers. Deshalb stehen diese Themen neben den fachlichen Impulsen auf dem Programm des neuen Fortbildungslehrganges.

Brandt: Dass eine Schulung in diesen Bereichen wichtig ist, kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung bei Verkaufsschulungen bestätigen. Denn häufig werden die Auszubildenden im Verkauf diesbezüglich doch ins kalte Wasser geschmissen. Es fehlt an Sicherheit und Selbstwertgefühl. Aber schon nach wenigen Seminartagen überzeugen sie mit einem souveränen Auftritt. Solche Fortbildungsangebote bringen die Azubis und Mitarbeiter auch persönlich einen Schritt weiter, was sich privat und beruflich positiv auswirkt. So gesehen erhöht sich dadurch auch die Attraktivität der Arbeitsstelle bzw. der Ausbildung.

Kroppenberg: Hinzu kommt, dass sich derart positive Erfahrungen unter den jungen Leuten per Mundpropaganda schnell herumspricht. Sodass ein solches Ausbildungsengagement auch dazu beitragen kann, dass man als guter Arbeitgeber buchstäblich von sich reden macht. Außerdem ist eine derartige Fortbildung auch ein geeignetes Instrument der Mitarbeiterbindung.

ABZ: Wen würden Sie denn zu einem solchen Lehrgang für Auszubildende schicken?

Lüning: Ich habe für den neuen Lehrgang einen meiner Bäckerlehrlinge angemeldet, der großes Interesse für seine Tätigkeit mitbringt und passable Noten vorzuweisen hat – sprich, der gute Voraussetzungen hat, Vorbildfunktion und Führungsaufgaben zu übernehmen. Solche Leute sollten rechtzeitig gefördert werden. Für mich auch eine zukunftsgerichtete Entscheidung: Wenn ich in meine eigenen Leute investiere, brauche ich demnächst keine teuren Führungskräfte vom Markt holen!

Kroppenberg: Sinnvoll ist aber, nicht nur die Besten, sondern auch die weniger guten Azubis diesbezüglich zu berücksichtigen, um auch deren Potenzial und Engagement zu fördern.

Brandt: Auch hier zeigt die Erfahrung, dass vermeintlich schlechte Kandidaten durch eine solche Schulung regelrecht explodieren.

Lüning: Auf jeden Fall müssen wir sehen, dass die eigenen Mitarbeiter gefördert werden. Denn die Investition in die Ausbildung ist entscheidend für den unternehmerischen Erfolg. Aber da sind offenbar viele Unternehmer überfordert. So gesehen stellt sich eigentlich die Frage, wen ich zuerst schule: Den Ausbilder oder den Auszubildenden? Denn eines ist klar: Die Qualität des Arbeitsplatzes muss sich in vielen Fällen verbessern!


Artikel vom 19.05.2010
Drucken 

Weitere Nachrichten aus Fokus vom 19.05.2010:

Fortbildung für Auszubildende

Kommentare

Aktuelle Meldungen aus Fokus


Abonnenten Bereich



Hilfe




Rezept der Woche

Tomaten-Brötchen
Rezept der Woche Gebäck mit Haferkleie und getrockneten Tomaten mehr ...




ABZ Newsletter

Nutzen Sie als Abonnent kostenlos unseren wöchentlichen Informationsdienst per E-Mail.

Jetzt anmelden!