INTERVIEW der woche

Akademie Weinheim mit neuer Struktur?


Die ABZ besuchte Bernd Kütscher, Direktor Akademie Deutsches Bäckerhandwerk, in Weinheim und sprach über die Strukturen, Kompetenzen und Ziele der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk (ADB).

Keine leichte Aufgabe hat Bernd Kütscher als Koordinator des ADB-Verbunds zu stemmen, die Landesverbände mit unterschiedlichsten Interessen unter einem Dach zu vereinen.

ABZ: Wie und wann kam es zu der Idee, die Akademie zu gründen?

Bernd Kütscher: Die Verbände des Bäckerhandwerks haben erkannt, dass eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich Fortbildung und Betriebsberatung notwendig und sinnvoll ist. Im Zuge dessen wurde die Akademie Deutsches Bäckerhandwerk (ADB) als Verbund aller entsprechenden Angebote des Bäckerhandwerks geschaffen. Das heißt, die Landesverbände und auch der Zentralverband haben alle Fachschulen und alle Betriebsberater in den ADB-Verbund eingebracht. Innerhalb des Verbunds wird intensiv zusammen gearbeitet. Weil die Bundesfachschule den ADB-Verbund koordiniert, wurde diese umbenannt in Akademie Deutsches Bäckerhandwerk Weinheim.

ABZ: Bei vielen Bäckern ist die ADB als Institution des Bäckerhandwerks noch nicht angekommen. Man spricht noch von der „Bundesfachschule in Weinheim“.

Bernd Kütscher: Die Akademie in Weinheim ist weiterhin eine eigenständige Bildungseinrichtung. Darüber hinaus koordinieren wir den ADB-Verbund. Die gewollte Namensgleichheit zwischen Bundesfachschule und Verbund führt leider häufig zu Verwechslungen. Doch auch so dürfte bei den Betrieben angekommen sein, dass der ADB-Verbund mit seinen Fachschulen und den Betriebsberatern kompetente Hilfe und Fachwissen bieten, die man nutzen sollte. Dies gilt auch für die Bundesfachschule, die jetzt Akademie Weinheim heißt.

ABZ: Warum hat es so lange gedauert, bis erste Konturen der Akademie an der Basis erkennbar werden?

Bernd Kütscher: Da ich erst seit einem guten Jahr Verantwortung trage, kann ich die Frage leider nicht beantworten. Fakt ist: Derzeit brummt der Laden. Dies gilt sowohl für den ADB-Verbund als auch für die Akademie Weinheim. So wurde in Weinheim die Fortbildung zum Ernährungsberater im Bäckerhandwerk entwickelt, getestet und dann an die übrigen Fachschulen des ADB-Verbunds heraus gegeben. Sie können den Studiengang heute in Hannover, Berlin, Dresden, Olpe, Lochham und Weinheim belegen. Und überall findet er rege Nachfrage.

ABZ: Was sind ihre Ziele für die Akademie?

Bernd Kütscher: Es kann nur ein Ziel geben: Den Betrieben ein Höchstmaß an Hilfe und Unterstützung zu bieten. Und dies erfolgt – im Gegensatz zu anderen Anbietern – absolut neutral. Alle unsere Fachschulen sind gemeinnützig. Wir müssen weder Geld mit Fortbildung verdienen noch nebenbei irgendwelche Produkte anpreisen.

ABZ: Können Sie die Interessen der einzelnen Schulen und deren Eigenständigkeit mit dem Konzept der Akademie vereinen?

Bernd Kütscher: Natürlich steht für jeden Landesverband die eigene Fachschule an erster Stelle. Doch immer mehr Betriebe wachsen über die Grenzen der Landesverbände hinaus. Alleine die Bäckerei Lohner, bei der ich zuletzt als Leiter für Marketing und Expansion tätig war, hat Filialen in drei Bundesländern. Hinzu kommt, dass immer mehr Spezialwissen gefordert wird. Zudem verlieren wir jedes Jahr Betriebe. Deshalb war die Entscheidung, einen leistungsstarken Verbund zu gründen, absolut richtig. Denn bei allem Verständnis für eigene Interessen einzelner Verbände: Es geht hier um die Interessen der Betriebe. Ich gehe davon aus, dass dieses Ziel bei den Entscheidungsträgern weiterhin im Bewusstsein bleibt.

ABZ: Welche Rolle spielt Weinheim in Zukunft unter den Fachschulen?

Bernd Kütscher: Die Akademie Weinheim gehört als Bundesfachschule allen 16 Landesverbänden. Sie ist Koordinator des ADB-Verbunds. Die Entscheidungshoheit für den Verbund liegt jedoch nach wie vor bei den Landesverbänden. Die Entscheidungswege sind somit leider recht lang. Deshalb wird gerade eine neue Struktur für die ADB diskutiert.

ABZ: Haben wir in Deutschland zu viele Fachschulen?

Bernd Kütscher: Nein. Deutschland ist nicht die Schweiz. Und nicht jeder kann und will für ein Seminar weite An- und Rückreisen in Kauf nehmen. Die Streuung der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk auf die Schulstandorte Berlin, Hannover, Dresden, Olpe, Lochham, Karlsruhe, Stuttgart und Weinheim macht daher Sinn. Es muss aber zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit kommen. Daran arbeiten wir.

ABZ: Könnten unter dem Dach der Akademie die Spezialisierung der Schulen auf bestimmte Aus- und Weiterbildungsinhalte sinnvoll sein?

Bernd Kütscher: Dies ist eine der Möglichkeiten, die derzeit diskutiert werden. Ich persönlich würde dies befürworten.

ABZ: Wie können Leistungs- und Ausbildungsstandards effektiv gesichert werden?

Bernd Kütscher: Die ADB hat gemeinsame Qualitätsstandards erarbeitet. An deren Umsetzung arbeiten wir. Im Zuge dessen wird eine Zertifizierung aller ADB-Fachschulen kommen.

ABZ: Wünschen Sie sich Änderungen in der Ausbildung der Meisterschüler an den Fachschulen, zum Beispiel neue Inhalte?

Bernd Kütscher: Der Berufsbildungsausschuss wirkt gerade an einer neuen Meisterprüfungs-Verordnung mit. Auf deren Basis werden Meisterprüfungen anschließend durchgeführt. Die Fachschulen bereiten auf die Meisterprüfung vor, von daher prägt der Inhalt der VO unseren Unterricht. Ich persönlich würde mir in der Meisterprüfung weniger Allgemeintheorie wünschen. Als neue Inhalte empfehlen sich so genannte Softskills wie zum Beispiel Persönlichkeitsbildung. Denn was nützt das beste Fachwissen, wenn man dieses nicht an das Team und die Kunden vermitteln kann? Diese Themen unterrichten wir in Weinheim bislang als Kür. In der Prüfung werden einzelne Softskills lediglich im Rahmen einer simulierten Lehrlingsunterweisung geprüft.

ABZ: Bei den Gesellenprüfungen sind ein Stück weit wichtige Parameter in der Herstellung vorgegeben (z. B. Temperatur des Schüttwassers) – müssten die Anforderungen nicht höher liegen? Wegen organisatorischer Schwierigkeiten soll sogar an einer Schule auch mit Fertigsauer gearbeitet werden – kann das zutreffen?

Bernd Kütscher: Wir haben keinen Einblick, wie die Gesellenprüfungen in den Innungen vor Ort durchgeführt werden. Ich gehe aber davon aus, dass ein selbst gemachter Sauerteig als wichtiger Bestandteil des bäckerischen Grundwissens überall verlangt wird.

ABZ: Gut ein Jahr leiten Sie nun die Geschicke der Bundesfachschule. Wo lagen Ihre Arbeitsschwerpunkte, worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Bernd Kütscher: Die Schwerpunkte in Weinheim lagen in der kompletten Erneuerung des Seminarangebots. Wir haben dieses verstärkt an die betriebliche Wirklichkeit angepasst. Dabei spielen traditionelle Backverfahren ebenso eine Rolle wie der Bereich Snacks und das Thema Ernährung. Hierzu wurden zahlreiche neue Angebote geschaffen. Mit sehr gutem Erfolg. Wir haben doppelt so viele Teilnehmer wie noch vor einem Jahr. Viele Kurse sind ausgebucht und die Teilnehmerbewertung liegt bei der Note 1,7. Als Herausforderungen sehe ich neben der für das Jahr 2008 geplanten Modernisierung unseres Gebäudes vor allem die anstehenden Aufgaben innerhalb des ADB-Verbunds. In allen Punkten sind wir jedoch auf einem guten Weg. Darüber hinaus habe ich mir zum Ziel gesetzt, an der Imageverbesserung unseres Berufs mitzuwirken. Motivierte junge Leute machen um das Bäckerhandwerk oft einen Bogen. Sie werden aber mit Begeisterung Koch, obwohl Köche schlechtere Arbeitszeiten und Bezahlungen haben. Doch sie haben ein besseres Image. Deshalb muss das Bild unseres Berufes in den Köpfen korrigiert werden. Denn die Lehrlinge von heute sind das Bäckerhandwerk von morgen!

Herr Kütscher, vielen Dank für das Gespräch. (wkr)


Artikel vom 19.07.2007
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