ABZ - Das Fachportal für Bäcker

„Top-Betriebe stehen bei Lehrlingen hoch im Kurs“

Ekrem Gezen, Inhaber des
Bäcker-Cafés Wieslau in Berlin. Foto: Schlag+
Ekrem Gezen, Inhaber des Bäcker-Cafés Wieslau in Berlin. Foto: Schlag

Weitere Artikel zu


Anzeige

Ausbildung

Ein erfolgreicher Unternehmer im Bäckerhandwerk setzt auf gute Ausbildung.

Um Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut zu bringen, stieg Ekrem Gezen als studierter Quereinsteiger zusammen mit seiner Frau 2008 in die Branche ein. Unter den inzwischen 31 Mitarbeitern in Voll- und Teilzeit im Café und der Bäckerei Wieslau sind auch fünf Bäcker-Azubis. Mit großem Einsatz kümmert sich Ekrem Gezen um den Zunftnachwuchs. Ein in demographischen Umbruchzeiten schwieriges Kapitel.

ABZ: Herr Gezen, Sie sind kein gelernter Bäcker und betreiben dennoch das Geschäft mit Engagement und Leidenschaft. Was faszinierte Sie am Backhandwerk?

Ekrem Gezen: Zunächst war es tatsächlich eher ein Zufall, dass wir aus familiären Gründen das Backgewerbe für uns entdeckten. Inzwischen sind wir mit Leib und Seele dabei. Ich sage immer, Bäcker ist eigentlich kein Beruf, sondern eine Berufung, denn diese Arbeit verlangt auch in Zeiten moderner Maschinen einen gewissen körperlichen Einsatz, viel Kreativität, Disziplin und vor allem Verantwortung. Wir arbeiten schließlich mit Lebensmitteln.

Obwohl der Betrieb erst seit 2008 besteht, bilden Sie momentan vier Bäckerlehrlinge und einen Konditorenazubi aus. Welche Ansprüche stellen Sie an die Bewerber?

Gezen: Das wichtigste in diesem Beruf ist Zuverlässigkeit. In einem so kleinen Unternehmen wie wir es sind, müssen alle Hand in Hand arbeiten. Unsere Azubis sind keine Hilfsarbeiter, die nur Bleche putzen oder die Backstube sauber machen müssen, sondern sie sind von Anfang fest in den Produktionsablauf mit verantwortungsvollen Tätigkeiten eingebunden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Berufseinstellung und der Motivation der Auszubildenden gemacht?

Gezen: Wie wohl jeder, der sich um den Berufsnachwuchs kümmert, habe ich gute und weniger gute Erfahrungen gemacht. Viele junge Leute haben offenbar völlig falsche Vorstellungen vom Berufsalltag im allgemeinen und der Bäckerarbeit im besonderen. Wenn man wie wir sehr zeitig aufstehen muss, hat das Konsequenzen für das Privatleben mit Freunden und Familie. Das ist vielen vorher nicht klar und die fangen nach drei Monaten Lehrzeit an, darüber nachzudenken, ob dieser Beruf der richtige ist. Von einigen haben wir uns deshalb auch trennen müssen. Zurzeit habe ich das große Glück, fünf motivierte Azubis auszubilden.

Was machen Sie anders bei der Ausbildung als andere Betriebe? Bieten Sie Ihren Lehrlingen mehr als im Ausbildungsrahmenvertrag steht?

Gezen: Ich habe schon Verschiedenes ausprobiert und meinen Azubis sogar etwas mehr Entgelt bezahlt. Der finanzielle Anreiz hat sich aber nicht durchgängig bewährt. Wenn die jungen Leute nicht von dem Beruf überzeugt sind, bringt auch Geld nichts. Besser ist es, wenn man als Unternehmen punkten kann, denn Top-Betriebe mit guter Ausbildung stehen bei Lehrlingen hoch im Kurs.

In Berlin ist die Anzahl der Schulabgänger stark rückläufig. Haben Sie ebenfalls Schwierigkeiten, geeigneten Branchennachwuchs zu finden? Welche Bedingungen stellen Sie an mögliche Bewerber?

Gezen: In Sachen Ausbildung hat das Bäckerhandwerk ein Imageproblem und das Interesse hält sich in Grenzen. Deshalb beschäftige ich mich intensiv mit jeder Bewerbung. Neben dem Zeugnis ist vor allem der persönliche Einsatz gefragt. Bewährt haben sich vor allem Schnupperkurse im Betrieb.

In der Spreemetropole leben immer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund ohne Berufsabschluss. Ist Integration ein Thema in Ihrem Ausbildungskonzept?

Gezen: Integration ist für mich ein Thema, aber kein Problem. Ich bin schließlich selbst Türke. Bei mir bekommt jeder Jugendliche eine Chance, egal welcher Herkunft er ist, ob er aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammt oder schlechte Schulnoten hat. Gemeinsam kann man viele Probleme, welcher Art auch immer, lösen. Voraussetzung ist allerdings der Wille, Schwierigkeiten zu meistern. Leider geben heutzutage viele junge Leute viel zu schnell auf, was aus meiner Sicht aber kein berufsspezifisches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist. Mehr zum Thema Ausbildung, Integration und BakerMaker-Award siehe auch Seite 22.

Weitere Artikel aus Fokus vom 13.07.2012:

Anzeige