Anzeige
Interview
Karl-Heinz Hoffmann ist neuer Landesinnungsmeister in Bayern. Welche Ziele verfolgt er im Amt? Wir sprachen mit dem Münchner Bäcker- und Konditormeister.
ABZ: Herr Hoffmann, wie groß ist der Schritt vom Stellvertreter zum Landesinnungsmeister jetzt in Bayern?
Karl-Heinz Hoffmann: Er ist eine große Ehre für mich. Wenn mir einer in der Lehrzeit prophezeit hätte, dass ich mal Landesinnungsmeister werde, dem hätte ich gesagt: Das glaubst du selber nicht. Ich habe gleich nach der Lehre, 1979, begonnen, mich im Fachverein zu engagieren und bin mit der Zeit in Ehrenämter hineingewachsen. Die Arbeit fürs Handwerk bedeutet mir viel. Ich freue mich auf die neue Aufgabe.
ABZ: Was steht auf Ihrer Agenda ganz oben?
Hoffmann: Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, den Verbrauchern klar zu machen, wofür das Handwerk steht. Nur so können wir den Strukturwandel bremsen. Ich sage immer: Jeder hat Schuhe an, keiner kennt mehr den Schuster, alle tragen Kleider, keiner kennt mehr den Schneider. Ich will nicht, dass es mal heißt: Wir essen alle Brot, aber wir haben keinen Bäcker mehr. Der Bäcker muss stärker ins Bewusstsein der Verbraucher rücken. Und er darf sich nicht unter Wert verkaufen.
ABZ: Was meinen Sie konkret?
Hoffmann: Energie, Rohstoffe, Personal, Hygiene, Instandhaltung – der Kostendruck wird weiter steigen. Wir müssen sicherstellen, dass wir das, was wir verkaufen, zu den Preisen verkaufen, die wir brauchen. Viele Bäcker kalkulieren nicht konsequent. Neben der handwerklichen Kompetenz wird betriebswirtschaftliches Wissen immer wichtiger. Das bedeutet konkret auch: Die Organisationen im Handwerk sind als Dienstleister gefordert. Ein Chef muss anrufen und fragen können: Das Problem habe ich, was tun? Es muss ihm schnell geholfen werden, das geht nur mit Betriebsberatern, die fit sind in allen Belangen. Bäcker brauchen kompetente Ansprechpartner, das ist eine zentrale Aufgabe der Innungen und des Verbandes. Das möchte ich weiter voranbringen.
ABZ: Was unternehmerische Fragen angeht, haben sich viele Bäcker Erfa-Kreisen angeschlossen.
Hoffmann: Es gibt Erfa-Kreise in allen Betriebsgrößen, die auch sehr erfolgreich seit vielen Jahren laufen. Keine Frage, man braucht auch Kollegen, mit denen man sich austauschen kann. In meinem Fall sind es Kollegen aus dem Richemont-Club. Ich wollte da schon als Lehrling dazugehören und durfte als Gast dabei sein, als ich noch gar kein Geschäft hatte. Im Laufe der Jahre sind Freundschaften entstanden. Diese Freude rufe ich an, wen ich etwas wissen möchte und umgekehrt.
"Die Schere öffnet sich weiter"
ABZ: Wie, denken Sie, wird sich der Strukturwandel im bayerischen Handwerk fortsetzen?
Hoffmann: Es werden leider noch wesentlich weniger Betriebe. Ich denke, die Schere öffnet sich weiter: Halten werden sich vor allem ganz große Bäckereien und ganz kleine. Jene dazwischen, also Betriebe mit etwa fünf bis zehn Filialen, werden es sehr schwierig haben. Das bayerische Bäckerhandwerk ist traditionell geprägt von kleinen Betrieben. Knapp 3000 sind in die Handwerksrolle eingetragen, hinzu kommen 5000 Verkaufsstellen. Im Schnitt also haben die Betriebe zwei, drei Filialen.
ABZ: Die Zahl der Betriebe sinkt, die Handwerksorganisationen müssen ihre Strukturen anpassen. Wie geht es damit weiter?
Hoffmann: Die Organisationen anzupassen, das braucht einfach seine Zeit. Eine Fusion zwischen Innungen oder auch regionalen Bäko-Genossenschaften gelingt nur, wenn die Kollegen vor Ort sie auch wirklich wollen. Auf Verbandsebene haben wir gerade unsere Gremienstruktur gestrafft, damit tragen wir dem Rückgang der Betriebs- und Innungszahlen der vergangenen Jahrzehnte Rechnung. Statt eines ,Landesvorstands’ und ,geschäftsführenden Vorstands’ gibt jetzt noch einen ,Vorstand’. Außerdem stellen Innungen nun für zehn Mitgliedsbetriebe einen Delegierten in der Versammlung – bisher hatten wir einen Schlüsselwert von 15.
ABZ: Welche politischen Schwerpunkte wollen Sie setzen?
Hoffmann: In meinem Gewerk, da bin ich zu Hause. In der Politik muss ich sehen, wie ich mich zurechtfinde, im Moment ist das noch so. Wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen. Ich habe von meinem Vorgänger viel gelernt. Er hat immer langfristig gedacht für das Bäckerhandwerk. Durch seine langjährige politische Erfahrung konnte er Themen früh aufgreifen und in die Verbandsarbeit tragen. Ich werde mein Möglichstes tun. Mein Eindruck ist, dass es durch die europäische Rechtsprechung schwieriger wird, als Landesverband Einfluss zu nehmen.
ABZ: Woran zeigt sich das?
Hoffmann: Wir bekommen immer mehr Regelungen einfach vorgesetzt und hören dann nur noch: ,So ist es’. Freilich haben wir einiges erreicht. Aber, um nur das Beispiel Salz zu nehmen: Das Thema ist nicht vom Tisch, sondern nur verschoben. Wir werden auf allen Ebenen weiter an dem Gesetz arbeiten. So verhält es sich mit vielen heiklen Gesetzesvorhaben.
"Freiraum" im ersten Lehrjahr
ABZ: Besonders schwer wird für das Handwerk das Nachwuchsproblem. Wie erleben Sie das?
Hoffmann: Ich besuche jedes Jahr in München Berufschulklassen. Ich weiß, eine ganze Reihe junger Menschen sind mit ihrer Ausbildungssituation unzufrieden, sie fühlen sich nicht gut betreut. Das spiegelt sich ja auch in Zwischenzeugnissen wider. Für mich gibt es keinen schöneren als unseren Beruf. Und ich versuche, das meinen Lehrlingen zu vermitteln. Wenn einer etwa die Nacht am Ofen gearbeitet hat, dann gehe ich morgens mit ihm in den Laden und sage: Alles, was da liegt, hast du heute gebacken. ,Gutes Gefühl', hat mir neulich einer geantwortet. Im ersten Lehrjahr lasse ich meinen jungen Leuten Freiraum, um sich an das Bäckerleben zu gewöhnen. Im zweiten und dritten Jahr entwickeln sie dafür umso mehr Engagement. Eine gute Ausbildung ist das A und O, ohne sie haben wir keine Zukunft. Dafür setze ich mich in Berufsbildungsausschüssen ein.
ABZ: Was genau tun Sie da?
Hoffmann: Zum Beispiel erarbeite ich die Prüfungsfragen mit. Vergangenes Jahr haben wir in Bayern zum ersten Mal landesweit die Gesellenprüfung einheitlich durchgeführt. Das zu etablieren, was sehr viel Arbeit. Das ist im Prinzip wie beim Abitur an Gymnasien: Überall muss am gleichen Tag geprüft werden. Wenn eine Innung das nicht hinbekommt, haben wir das Problem, dass Lehrlinge die Prüfungsfragen kennen. Denn die tauchen noch am Stichtag im Internet auf.
ABZ: Wie beurteilen Sie das Leistungsniveau des Berufsnachwuchses?
Hoffmann: Es gibt große Unterschiede. Es ist unsere Aufgabe, die Jugendlichen, die wir bekommen, zu entwickeln und aus einem guten Bäcker einen besseren zu machen. Bei allen Problemen darf man nicht übersehen: Wir haben auch hervorragenden Nachwuchs. Ich bin Prüfer bei der Deutschen Meisterschaft der Bäckerjugend. Wenn ich sehe, wie motiviert die jungen Leute sind und was sie können – das macht richtig Freude.
ABZ: Bleibt Ihnen künftig noch genug Zeit für den Betrieb?
Hoffmann: In erster Linie habe ich eine Familie, dann kommt das Geschäft, dann das Ehrenamt. Dass ich Familie und Geschäft manchmal zurückstelle – das ist keine Frage.
