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Zwischen Backstube und Waldbühne

Birgit Jenner zeigt stolz ihre geliebte Waldbühne, auf der sie schon in vielen Rollen geglänzt hat.  (Quelle: Liebig-Braunholz)+Zur Fotostrecke
Birgit Jenner zeigt stolz ihre geliebte Waldbühne, auf der sie schon in vielen Rollen geglänzt hat. (Quelle: Liebig-Braunholz)

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Birgit Jenner ist eine gute und engagierte Bäckerin – und auch als Schauspielerin hat sie ihr Talent schon oft bewiesen.

Von Silke Liebig-Braunholz

schlüpft gern in eine andere Rolle: „Es ist ein Geschenk“, sagt sie lächelnd. Die stellvertretende Obermeisterin der Bäckerinnung Kassel tauscht die Schürze aus der Backstube öfter in ein hübsches Kostüm ein. Auf der Waldbühne im nordhessischen Niederelsungen gab sie für ihr Hobby sogar schon die Roxane in einem der wohl anspruchsvollsten Stücke der Theaterliteratur, dem Cyrano de Bergerac.

Stolz auf die backende Eliza

Ihr Ehemann Fritz, der die familiäre Bäckerei in der 3. Generation leitet, ist begeistert vom seiner Frau, mit der er 28 Jahre verheiratet ist: „Als Eliza in „My Fair Lady“ hat sie mir auch sehr gut gefallen“, schwärmt er und gibt unumwunden zu, dass er ihr Hobby stets unterstützt hat. Da stört es auch nicht, dass sich seine schauspielende Bäckerin auch mal in der Backstube auf die Aufführungen vorbereitet. Irgendwo muss man ja seine Texte lernen, um auch auf der Bühne seine Talente erfolgreich ausleben zu können.

Die Waldbühne ist so etwas wie Heimat in Niederelsungen. Jeder Haushalt ist Mitglied in dem gemeinnützigen Verein, der sich 1950 gegründet hat. „Aus der Idee heraus, die tiefe Kluft unter den Dorfbewohnern, die nach dem Krieg als Flüchtlinge oder Vertriebene hier her kamen, zu überwinden, entstand dieses Amateurtheater“, erzählt Birgit Jenner.

Sie sei gerührt von dem Zusammenhalt, der sich daraus entwickelt habe. „Ist es nicht schön, dass die Enkel heute das gleiche Hobby haben wie ihre Großeltern?“, fragt die Bäckerin.

Mit schon mit 16 auf der Bühne

Deshalb habe auch sie als 16-Jährige nicht lange überlegt und in der kleinen Schwester der Waldbühne, der Jungen Bühne, mit dem Theaterspiel begonnen.

„Sie war ein großer Star und hat so gut gesungen“, erzählt Ingrid Lehmann. Die 87-Jährige ist Gründungsmitglied der Spielgemeinschaft Waldbühne „Erich Oberlist“ Niederelsungen e.V. und leitet heute noch den Fundus mitten im Ort im Gemeindehaus „De Paare“. Birgit Jenner mag aber lieber gar nicht so sehr gelobt werden. Dafür hat sie zu viel Respekt vor ihren Mitstreitern, sieht sich gern als ein Teil des großen Ganzen. Rund 400 Mitglieder zählt der Verein, etliche von ihnen arbeiten allein im Fundus und stellen die Kostüme her, im vergangenen Jahr etwa 150 für das spektakuläre Stück Ben Hur. Bei den rund 20 Aufführungen pro Saison – alle zwei Jahre von Juni bis August – packen Hunderte von Helfern mit an und für den Verein entstehen pro Stück rund 100.000 Euro Kosten. „Die Technik ist mittlerweile hoch professionalisiert. Wir arbeiten mit Headsets. Für Stücke, in denen wir singen, nehmen wir sogar Gesangsunterricht. Das geht schon weit hinaus über das Amateurschauspiel“, erzählt Jenner aus dem Alltag.

Backstube, Verkaufstour, Bühne

Wenn sie heute auch keine großen Rollen im „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare oder in „Die Räuber“ von Friedrich Schiller spielt, übernimmt sie doch immer noch Gastrollen wie die der Maria Stuart außerhalb der Waldbühne und zu privaten Anlässen. „Bei ihr gab es in ihrer aktivsten Zeit immer Standing Ovations. Viele der rund 1500 Zuschauer pro Vorstellung haben uns sogar gefragt, ob die Hauptdarsteller Schauspieler vom Staatstheater Kassel sind“, erinnert sich Brigitte Pillardy, die ebenfalls im Fundus der Waldbühne ehrenamtlich tätig ist. Vielleicht ist Birgit Jenner aber auch besonders talentiert für dieses Hobby. Schließlich ist ihr Bruder Kirchenmusikdirektor. Birgit hat schon als Kind im Chor gesungen.

„Ich liebe es einfach, in andere Rollen zu schlüpfen. Für mich ist es wie im Urlaub, weil ich in der Rolle alles um mich herum vergesse“, beschreibt sie ihr Gefühl. Deshalb fiel es ihr beispielsweise beim Lernen der Rolle Eliza für das Stück My Fair Lady auch nicht schwer, ihren Text in der Backstube zu üben oder beim Ausfahren der Brötchen im Transporter eine CD einzulegen und mitzusingen. „Die großen Rollen auf der Waldbühne und das Spiel in dieser Gemeinschaft waren immer eine intensive Erfahrung“, sagt Birgit Jenner. Während der Vorbereitungen und bei den Proben ist sie dennoch um 3 Uhr aufgestanden, hat die Brötchen ausgefahren, in der Backstube geholfen, anschließend wieder Touren gefahren und nach einem Mittagsschlaf ab 18 Uhr in der Maske gesessen, die Stimme trainiert und ab 20 Uhr auf der Bühne gestanden.

„Det war einfach scheene“

„Ach Birgit, deine Eliza war absolute Spitze. Det war einfach scheene“, schwärmt Ingrid Lehmann noch heute in Textpassagen aus dem Musical. Kein Wunder, denn rund 25.000 Zuschauer hat Birgit Jenner 1999 als Eliza begeistert – einschließlich ihrem Mann Fritz, der richtig stolz darauf ist, dass er zusammen mit einer derart guten Schauspielerin in der Backstube steht. Und dass sie außerdem als Bäckerin Talent hat, davon können sich auch die Kunden täglich überzeugen.

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