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Wirtschaftsboss backt die Brötchen für Helgoland

Vielfalt trifft Tradition: Dieses Konzept geht auf. (Quelle: Schild)+
Vielfalt trifft Tradition: Dieses Konzept geht auf. (Quelle: Schild)

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Die Wirtschaftskrise machte Holger Hamann (55), einen Experten für Mega-Yachten, zum Chef der Inselbäckerei

Von Gerd Schild

Als Wilfried Meier 1932 auf Helgoland geboren wird, gibt es sieben Backstuben auf der Insel. Ab 1969 führt er die elterliche Inselbäckerei. Die soll an den Sohn übergehen – doch der entwickelt eine Mehlstauballergie. Also sucht Meier einen anderen Nachfolger - sucht und sucht, bis er auf die 80 zugeht. Dann findet er einen Kandidaten, der eigentlich gar nicht geht – einen vom Festland, ein „Europäer“, der dazu nicht backen kann.

Holger Hamann ist kein Bäcker. Und ist heute dennoch Chef vom Inselbäcker, der einzig verbliebenen Bäckerei auf Helgoland, die den Großteil der Hotel- und sonstigen Gäste versorgt. „Management, das kann ich“, sagt der 55-Jährige.

Gute Mitarbeiter zu sehr guten Leistungen führen, Prozesse analysieren, verbessern, das liegt dem Mann, der schon mehrere Unternehmen gegründet hat.

Bis 2006 war Hamann Chef der familieneigenene Hamann AG. In besten Zeiten sorgten mehr als 80 Mitarbeiter mit Umweltanlagen für Schiffe für einen zweistelligen Millionen-Umsatz. 2007 gründete Hamann eine Beratungsfirma. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Mega-Yachten. Nach der Finanzkrise 2008 brach der Markt ein. Hamann: „Ich merkte, dass ich mir ein weiteres Standbein suchen musste.“

Also durchstöberte er die Seiten des Internetportals „nexxt-change“, auf dem Inhaber Nachfolger suchen. Hamann schaute in alle Richtungen. „Eine Tankstelle in Lübeck hätte es auch werden können“, sagt er .

Ein Inserat, ein Bäcker,

eine Yacht und eine Idee

Dann sieht er die Anzeige, in der die Bäckerei auf Helgoland zum Verkauf angeboten wird. Hamann erinnert sich an einen Bäcker aus Norddeutschland, den er wegen dessen Yacht beraten hat. Grundsätzlich muss sich doch mit Brötchen Geld verdienen lassen, denkt Hamann, und macht sich auf den Weg nach Helgoland.

Dort trifft er Bäckermeister Meier. Der zeigt Hamann die Backstube im kleinen Industriegebiet am Hafen und die zwei Verkaufsstellen, erzählt ihm, wen er so beliefert, wo die Waren herkommen. Als Hamann die Insel verlässt, ist er unsicher, ob es was werden wird mit ihm und dieser Bäckerei auf Helgoland.

Er ist noch nicht lange zurück in der Nähe von Hamburg, da kommt auch schon der Brief von der Insel. Meier sagt ab. Er mag sein Lebenswerk nicht in Hände geben, die noch kein Brot gebacken haben und erst recht nicht an jemanden, der nicht fest auf der Insel leben möchte.

Eine Absage - das mag

Hamann nicht akzeptieren

„In der Schifffahrt akzeptiert man keine Absagen“, sagt Hamann. Er schreibt zurück, will den Bäckermeister überzeugen. Er schreibt also, was er kann – ein Team mit guten Leuten gut führen. Und er schreibt ihm, dass der Bäckermeister Meier ja offensichtlich ein talentiertes und engagiertes Team um sich habe.

Die Männer bleiben im Gespräch. Hamanns Beharrlichkeit zeigt langsam Wirkung. Ein Jahr nach dem ersten Kontakt einigen sich der Bäcker und sein Nachfolger. Hamann soll im Frühjahr 2011 übernehmen, Meier ihn im ersten Jahr beraten. Die schlechten Wintermonate übernimmt noch Meier. „Das zeigt, was für ein anständiger Mensch und Unternehmer er war“, sagt Hamann.

Vergangenheitsform, denn Wilfried Meier lebt nicht mehr. Er ist im Sommer 2013 gestorben, wurde vor der Küste seiner Insel auf See bestattet.

Die ersten Monate auf Helgoland sind nicht einfach für Holger Hamann. Das Übergangsjahr mit dem beratenden Seniorchef im Hintergrund muss ausfallen – Wilfried Meier schafft das gesundheitlich nicht.

Überzeugung mit Mischung

aus Witz und Zurückhaltung

Er führt Hamann aber in die Inselgesellschaft ein. In den Pony-Club etwa, in dem viele Geschäftsleute sitzen. Der Unternehmer versucht, hanseatisch zurückhaltend und doch mit gewissem Witz den Einwohnern näherzukommen.

In die Verkaufsstellen hängt er ein Bild von sich und schreibt dazu „Ich bin der Europäer.“ Seine Ankunft und die Sorge um Brot und Brötchen hatten auf der Insel für viel Gesprächsstoff gesorgt. Mit dem Zettel, das weiß Holger Hamann heute, hatte er sie geknackt.

Der alte Bäckermeister Meier konnte richtig ärgerlich werden, wenn man ihn auf seine Monopol-Stellung ansprach und andeutete, dass die Leute ihm ja eh alles abkaufen würden. Gerne erzählte er dann, dass die Galloway-Rinder, die den Grünbereich des Oberlandes kurz halten, die Chemiebrötchen aus den Backfabriken verschmähten.

Wilfried Meier hat nicht nur ein handgeschriebenes Rezeptbuch an den Nachfolger Hamann weitergegeben. Er erteilte ihm auch den guten Rat, die Qualität zu wahren und das Sortiment groß zu halten. Hamann hat es deswegen nur moderat verändert. Im Logo hat er den Fisch durch ein Boot ersetzt. Das Sortiment hat er leicht angepasst, ein Brot raus, ein neues rein.

Und so gibt es weiter das beliebte Vollkornbrot und zahlreiche andere Brotsorten sowie ein großes Angebot an Süßwaren. Die sind der Hauptverantwortungsbereich von Konditorin Marita Beitz, die Hamanns rechte Hand ist. „Auf sie kann ich mich verlassen“, sagt Hamann, der in der Nebensaison jede zweite Woche auf der Insel ist.

Bei schlechtem Wetter kommt

die Ware eine Woche später

Die Insellage bedeutet besondere Planung. Freitags kommt das Transportschiff. Ist das Wetter schlecht, kommt es eine Woche später – eine gute Vorratshaltung ist also wichtig.

Hamann arbeitet zwar dort, wo andere Urlaub machen. Seine zwei Unternehmen lassen aber wenig Zeit für Ausflüge. Den Sonnenuntergang über dem roten Felsen „habe ich vielleicht dreimal gesehen in den letzten Jahren“, schätzt er.

Einen Lieblingsplatz hat er trotzdem. Er steht gerne am Berliner Bären, diesem 85 Zentimeter hohen Symbol für die Hauptstadt, die von hier 456 Kilometer entfernt ist. Von dort aus kann Hamann nicht nur seine Bäckerei im Industriegebiet sehen, sondern vor allem die mächtigen Wellen, die unten bei ordentlich Wind brechen.

abz@matthaes.de

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