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Unterricht mit Stammgästen

Lernen unter Praxisbedingungen: In der Backstube des Kolping-Berufsbildungswerks Brakel werden Bäckereiartikel unter realen Bedingungen produziert.
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Lernen unter Praxisbedingungen: In der Backstube des Kolping-Berufsbildungswerks Brakel werden Bäckereiartikel unter realen Bedingungen produziert. Fotos (2): Kolping

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Das Kolping-Berufsbildungswerk in Brakel führt Schulabgänger mit Lernproblemen an das Berufsleben im Bäckerhandwerk heran.

Von Thorsten Keller


Wenn Bäckermeister Jörg Ricken morgens um drei Uhr seine Schützlinge in der Backstube begrüßt, ist klar, was der Tag bringen wird. „Jeden Tag haben wir etwa 1000 Einzelartikel und zusätzlich 15 bis 20 Torten, die wir hier produzieren. Geliefert wird in Krankenhäuser, an Schulen, in unser Hauscafé und in unser Ausbildungscafé in Bad Driburg“, erzählt der Ausbilder. Doch Jörg Ricken ist kein Bäckermeister in einer Traditionsbackstube, kein Ausbilder im herkömmlichen Sinne. Gemeinsam mit zwei Kollegen führt Ricken im Kolping-Berufsbildungswerk Brakel in Ostwestfalen Jugendliche mit Lernproblemen an den Beruf des Bäckers und des Bäckerfachwerkers heran. In drei Ausbildungsjahren erlernen die oft abschlusslosen Schulabgänger hier den Beruf, den sie im weiteren Leben ausüben werden.


Ganzheitliche Förderung

Geduld ist für Jörg Ricken und seine Kollegen oberste Maxime. „Natürlich können wir mit unseren Auszubildenden nicht vom ersten Tag an den Backstubenalltag mit all seinen Facetten voll durchziehen. Wir müssen häufig Dinge mehrmals erklären und viel stärker auf die Jugendlichen und ihre Probleme eingehen, wie das in einer herkömmlichen Bäckerausbildung der Fall wäre.“ Auch Verhaltensauffälligkeiten bei den Jugendlichen müssen die Ausbilder kompensieren. Wo im Kleinbetrieb irgendwann der Geduldsfaden reißt und gezwungenermaßen die Reißleine gezogen würde, wird hier weitergearbeitet: „Es ist jeden Tag unser Ziel, unsere Auszubildenden ganzheitlich zu fördern, dass sie nach ihrem Berufsabschluss auf dem regulären Arbeitsmarkt eine reelle Chance erhalten“, erklärt Ingrid Lücking, die berufspädagogische Leiterin des Bildungswerkes.

91 Auszubildende – 18 Bäcker und 73 Bäckerfachwerker haben das Kolping-Bildungswerk seit dem Start des Ausbildungsgangs 1996 mit einem Berufsabschluss verlassen. Ein Teil der Abgänger kam im Bäckerhandwerk unter, für andere führte der Weg zu Großbäckereien. Die Vermittlungsquote bei den Bäckern liegt bei 63 Prozent.

Gerade die großen Bäckereiketten sind auch die, die sich für die im Brakeler Bildungswerk ausgebildeten Fachverkäufer und Fachverkäuferinnen interessieren. Momentan werden zehn Teilnehmerinnen in den Berufsbildern Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk und Fachgehilfe/-in im Nahrungsmittelverkauf ausgebildet.

Das Bad Driburger Lerncafé ist hierbei eine Besonderheit. In der Fußgängerzone gelegen, bietet das 2004 eröffnete Caféhaus mit 50 Sitzplätzen den Auszubildenden einen optimalen Praxisbezug.

Anfangs eher kritisch beäugt, hat sich das Ausbildungscafé nicht zur Konkurrenz für die bereits in der Kurstadt etablierten Bäckereien und Caféhäuser entwickelt, sondern ergänzt das Angebot. „Es war ja damals und heute nicht die Absicht, in Konkurrenz mit den einheimischen Betrieben zu treten, sondern vielmehr, unseren Auszubildenden eine Möglichkeit zu geben, ihr Können in der Praxis auch zu beweisen“, betont Ingrid Lücking.


Beliebt bei Stammgästen

Der Verkauf der Backwaren am Tresen, aber auch das Bedienen der Gäste im Café stehen im Bad Driburger Ausbildungscafé im Lehrplan. Viele ältere Menschen, die im Café in größerer Runde ihre runden Geburtstage feiern, sind für Ausbilder und Auszubildende willkommene Gäste. „Stammgäste kommen gerne in unser Café, weil sie neben unseren Backwaren auch den sozialen Hintergedanken kennen und schätzen“, bemerkt Ausbilderin Anne Reinhard, die sich hier mit drei weiteren Ausbilderinnen die Arbeit mit den Jugendlichen teilt.

„Es ist klar, dass die Berufsschule manchmal für Engpässe sorgt. Aber selbst wenn viele Gäste im Café sind, stellt die rehapädagogische Ausbildung unsere erste Priorität dar“, stellt die Ausbilderin klar. Vermittelt wird den Auszubildenden neben dem für das Café notwendigen Teamworkgedanken auch Eigenständigkeit. Die Zugfahrt am frühen Morgen vom Internat im etwa 15 Kilometer entfernten Brakel nach Bad Driburg ist ein erster Schritt.

Trotz der Arbeit, die das Kolping-Berufsbildungswerk in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat – was die Zukunft für die Ausbildung in Brakel und in Bad Driburg bringen wird, weiß berufspädagogische Leiterin Ingrid Lücking heute noch nicht: „Inklusion und die gemeinsame Ausbildung junger Menschen unabhängig von deren Bildungsstand, eventuellen Lernschwächen und sonstigen Beeinträchtigungen ist momentan das, worauf die Ideen hinauslaufen“, hat Lücking festgestellt.


Ziel: Übernahme

Für sie und die Ausbilderteams in Brakel und in Bad Driburg gilt jedoch weiterhin die Arbeit zum Wohl ihrer Auszubildenden mit besonderem Förderbedarf – und die anschließende Übernahme der Azubis in reguläre Beschäftigungsverhältnisse. „Wenn wir in den drei Jahren, in denen wir unsere Auszubildende langsam, fortwährend und ausgerichtet an ihren individuellen Bedürfnissen an den beruflichen Alltag heranführen und dann erreichen, dass sie ihren Weg ins Berufsleben finden, haben wir alles richtig gemacht“, sagt Ingrid Lücking. Vom Auftrag des Berufsbildungswerkes ist sie fest überzeugt.

 

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