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Tatkraft für sibirische Torten-Träume

Kasachstan? Taschkent? Wo geht es wohl als nächstes hin? Seit vielen Jahren leistet Dietmar Hansmeier als Bäcker in aller Welt Hilfe zur Selbsthilfe. +Zur Fotostrecke
Kasachstan? Taschkent? Wo geht es wohl als nächstes hin? Seit vielen Jahren leistet Dietmar Hansmeier als Bäcker in aller Welt Hilfe zur Selbsthilfe.

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Dietmar Hansmeier gibt als "Senior-Expert" sein Wissen weiter. In seinem neuen Job kommt der Bäckermeister in der ganzen Welt herum.

Wenn Dietmar Hansmeier auf der Weltkarte alle Orte mit Fähnchen versieht, an denen er bereits seine (Teig-) Spuren hinterlassen hat, sind diese weit abseits üblicher Touristen-Pfade. Manchmal sogar in Gegenden, die hierzulande fast niemand kennt. Wer doch einmal dort landet, wundert sich nicht schlecht, wenn er im Hotel oder Café Sachertorte oder Puddingbrezeln, Kasslerbrot oder Croissants aufgetischt bekommt. Inzwischen über 70 Einsätze absolvierte der gelernte Bäcker- und Konditormeister im Auftrag des Senior Experten der deutschen Wirtschaft.

Als er vor 15 Jahren seine Bäckerei mangels Nachfolger aufgab, hieß es für ihn deshalb lange nicht, Schürze, Schieber und Mütze endgültig an den Nagel zu hängen. Die Chance, sich die Welt anzusehen und dabei auch noch Bäckereien und Konditoreien auf- und auszubauen, kam ihm gerade recht. „Nach dem ersten Einsatz in Varna habe ich erst richtig Geschmack daran gefunden“, blickt er zurück. In dem bulgarischen Ort brachte er das Café Perla in Schwung.

Hahn im Korb

Danach verloren auch entferntere Landstriche ihren Schrecken. Im Gegenteil: Je exotischer, desto mehr übten sie ihren Reiz aus. Das liegt vielleicht auch daran, dass er in den meisten Ländern Osteuropas und Mittelasiens bei seiner Back-Mission immer der Hahn im Korbe ist, denn dort gilt nach wie vor das Backen als reine Frauensache. Dabei ist es egal, ob täglich ein paar Dutzend Torten oder 10.000 Brote die Backstube verlassen.

„Und die Mädels wollen unbedingt Neues lernen“, freut er sich. „In erster Linie wollen sie Gebäcke herstellen, die gut schmecken und sich verkaufen lassen. Damit steigt auch der Marktwert der Bäckerinnen, die sich ihr neu erworbenes Können besser bezahlen lassen.“ Zumindest so gut, dass es reicht, eine Familie zu ernähren. Manche schaffte sogar den Schritt in die Selbstständigkeit.

Denn nicht nur das Vermitteln von Back-Wissen und Rezepten ist die Aufgabe des Senior-Experten, er ist auch gefragt, wenn ein Betrieb in Schwung gebracht werden soll oder beispielweise durch erweitert. Wie er das zuwege bringt, ist mitunter abenteuerlich. „Ohne Improvisationstalent und ein gutes Netzwerk klappt das nicht“, so der Hagener. Dazu gehört der technische Dienst der Lufthansa ebenso wie Niederlassungen von Backmittelfirmen oder Kollegen aus Hagen.

Apfelstrudel an der Seidenstraße

Kein Wunder also, wenn es heute Brötchen an der Schwarzmeerküste aus Ladenbacköfen gibt, die vorher in Filialen der Stadtbäckerei Kamp standen oder Apfelstrudel entlang der Seidenstraße in Zentralasien auf der Karte steht. In Usbekistan kümmerte sich der tatkräftige Westfale gar um die Produktpalette einer Bäckerei, zu der nicht nur ein Café, sondern auch mehrere Restaurants sowie eine Disco gehören. „Jeder Auftrag ist eine Herausforderung“, freut er sich. Allerdings sind die Einblicke, die er in den Ländern hinter den Kulissen der Touristenorte erhält, mitunter ebenso ernüchternd wie überraschend.

Die strengste Lebensmittelkontrolle erlebte er in Weißrussland, wo jedes neue Rezept grammgenau erfasst und zugelassen werden muss. In Usbekistan war Roggenmehl nur mit großen Anstrengungen zu bekommen, vielerorts musste gewöhnliche Margarine zur Herstellung von Blätterteig herhalten oder Quarkersatz für Käsekuchen improvisiert werden. Die Abenteuerlust und der Einsatz, den Reisen jeweils von drei Wochen bis drei Monaten bedeuten, werden genauso oft mit teils herzlichen persönlichen Begegnungen belohnt. Einladungen zu Hochzeiten und Familienfesten gehören dazu. „Flugangst darf man nicht haben, einen allzu empfindlichen Magen auch nicht“, bilanziert Dietmar Hansmeier.

Was heißt Sauerteigführung?

Anpassungsfähig wie er ist, entwickelte er mit den Jahren ein regelrechtes Faible für Schaschliks, gern auch mit Zwiebeln, Lammfleischwürfeln und frischen Südfrüchten garniert. So richtig mulmig sei ihm bei ungewohnter Kost nie gewesen, schon eher bei einem Ausflug über 300 Kilometer Passstrassen von Taschkent nach Vergana. „Zurück bin ich dann doch lieber geflogen, da bleibt die Höhe über den Tälern wenigsten gleichmäßig“, denkt er an die schweißtreibende Tour zurück.

Internationales Prinzip

Lieblingsziele des backenden Vielfliegers sind Kasachstan und Brasilien. Allerdings: Während entlang der legendären Seidenstrasse erstaunlich viele Menschen Deutsch sprechen, ist er in Südamerika immer auf einen Dolmetscher angewiesen. „Das macht das Erklären von Sauerteigführung oder Puddingmassen nicht gerade leichter und bringt nie denselben persönlichen Kontakt“, sagt er. Prinzipiell läuft die ohnehin nach dem bewährten Handwerksprinzip: Der Meister macht es vor, die anderen machen mit – und anschließend alleine weiter.

Der Senior Experten Service (SES) ist eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH. Er ist eine gemeinnützige Gesellschaft. Mehr als 9.000 Fachkräfte sind ehrenamtlich tätig und leisten weltweit zur Selbsthilfe.

www.ses-bonn.de


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