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Peter Denk pilgert 2606 Kilometer in 111 Tagen

Nicht nur die Schuhe tragen Spuren, auch Peter Denk hat die Pilgerreise verändert.+
Nicht nur die Schuhe tragen Spuren, auch Peter Denk hat die Pilgerreise verändert.

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Bäckermeister wandert auf dem Jakobsweg von Dachau nach Santiago de Compostela / 48-Jähriger übergibt Bäckerei an Nachfolgerin

Von Nelli Nickel

Es gibt viele Dinge, auf die Peter Denk stolz sein kann. 19 Jahre führte der Bäckermeister die gleichnamige Bäckerei und Konditorei in Dachau. So erfolgreich, dass der 48-Jährige es sich leistete, sein Geschäft im Jahr 2013 an die Nachfolgerin zu übergeben, um sich privaten Interessen zu widmen (ABZ Nr. 8, 20. 4. 2013, Seite 21). Er stand dem Bäckerhandwerk in Dachau als Obermeister vor. Er war zwölf Jahre Stadtrat und hat sich für das Handwerk und die Landwirtschaft eingesetzt. Doch stolz ist das falsche Wort, um Peter Denk zu beschreiben. Das Wort „reflektiert“ passt besser zu ihm. Er hat es geschafft, seinen Blick auf das Wesentliche zu richten. Nicht zuletzt liegt das an seiner im vergangenen Jahr.

Umwege gehören dazu

111 Tage ist Denk den Weg in voller Länge bis ins spanische Santiago de Compostela in Galicien gegangen. Gestartet ist er vor der Haustür an der Pfarrkirche St. Jakob. Ausgerechnet in Deutschland hat er sich mehrmals verlaufen. „Das hat mich sehr geärgert“, erzählt er. Im Gegensatz zum spanischen Jakobsweg ist der Teil in Deutschland schlecht ausgeschildert. Inzwischen weiß Denk: Auch Umwege gehören zur Pilgerreise. „Der Jakobsweg ist analog zum Lebensweg zu sehen. Ab und zu braucht man einen Umweg, um festzustellen, wie wichtig es ist, aufzupassen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren“, sagt er.

Die Pilgerreise, die am 22. August begann und am 11. Dezember endete, hat ihm körperlich einiges abverlangt. Die Füße machten Probleme. Der Regen, der irgendwann in die Wanderstiefel lief. Trotz der Widrigkeiten hat die Reise sein Leben geprägt. „Man merkt, was wichtig ist“, erzählt er. Nicht nur beim Packen des Rucksacks, bei dem jedes Gramm zählt. Wer sieben Stunden am Tag durchschnittlich 25 Kilometer läuft, denkt viel nach. „Es schießen einem viele Gedanken durch den Kopf“, sagt Denk. Über eine Sache grübelte er nicht. „Dass ich die Bäckerei verkauft habe, war die richtige Entscheidung. Es ist ein Lebenstraum, den ich mir erfüllt habe“, sagt Denk und meint weiter: „Nur weil ich mein Geschäft erfolgreich geführt habe, war ich in der Lage, aufzuhören.“ Seine Arbeit vermisst er nicht.

Er möchte sich aber weiterhin in der Branche engagieren. In Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer München und Oberbayern schult er zum Beispiel seit vielen Jahren brasilianische Bäckergruppen in ihrer Heimat oder in Deutschland. Dieses Jahr kommt wieder eine Gruppe nach Dachau. Als Fachmann gibt er Nachwuchskräften nicht nur Tipps für die Backstube sondern auch, wie man ein Geschäft führt. Aktuell denkt der Bäckermeister außerdem darüber nach, einen Auftrag anzunehmen und in Dubai eine Bäckerei aufzubauen. „Ich bleibe dem Backhandwerk verbunden“, betont er. Seine Freiheit möchte er aber nicht einbüßen.

Während seiner Reise musste der Dachauer auf frische Backwaren nicht verzichten. Für ein Baguette war in seinem 9,6 Kilogramm schweren Rucksack immer Platz. Und auch die ein oder andere süße Leckerei wurde am Wegesrand entdeckt – etwa bei einem Chocolatier in Frankreich. „Das war eine Hammerqualität“, schwärmt er. Da hat er sein Handy gezückt, ein Foto gemacht und an seine Nachfolgerin in die Bäckerei geschickt. Leider waren solche Entdeckungen rar gesät. Zwischen Genf und Le Puy sei vieles brach gelegen. „Wunderschöne alte Dörfer waren verlassen, oder es lebten nur noch wenige Menschen dort“, erinnert sich der 48-Jährige. Das habe gezeigt, wie die Industrialisierung den Menschen in den Dörfern die Lebensgrundlagen entzogen habe. „Wo Menschen nicht mehr von der Landwirtschaft leben können, gibt es keine Kaufkraft mehr, und dementsprechend auch keine Bäcker, Metzger oder Gaststätten“, so Denk. Ein Szenario, das auch auf Deutschland zu kommen könnte, ist sich der Bäckermeister sicher. Hier werde das Handwerk durch die Politik zu Gunsten der Industrie immer mehr benachteiligt. „1982 wurden 85 Prozent der Backwaren im Bäckerhandwerk hergestellt. Jetzt hat das Backhandwerk gerade mal einen Marktanteil von 45 Prozent. Das ist sehr traurig“, sagt der Dachauer. Er wird nicht müde, die Zustände zu kritisieren und ermuntert seine Kollegen, sich aufzulehnen.

Bäckernachwuchs losschicken

Gleichzeitig würde er seinen Kollegen und auch jedem anderen ans Herz legen, den Gang in die Ferne zu wagen. „Der Weg ist eine Riesenchance“, sagt er. Und wer keine Zeit oder Angst vor der Fremde hat, könne auch probeweise zwei Wochen laufen. „Jeder Mensch hat Angst vor Veränderung. Aber man sollte sich nicht auf das Negative fokussieren. Ich habe auch 111 Mal einen Schlafplatz gefunden. Das klappt alles, wenn man Vertrauen in sich selbst hat.“ Wer sich traut, stellt fest, dass die Leute Pilgern gegenüber aufgeschlossen und freundlich sind.

Diese Begegnungen waren für Denk prägend und lehrreich. An einer Gabelung ist er zum Beispiel mit einem älteren Mann ins Gespräch gekommen. Der hat dem Reisenden den Tipp geben, den Weg etwas anders zu gehen, so würde er zwei Kilometer sparen. „Da muss man zuhören, das annehmen und nicht arrogant sein“, erzählt der Bäckermeister. Am liebsten würde Denk den Bäckernachwuchs auf Pilgerreise schicken. „Man hat eine andere persönliche Reife, wenn man wieder kommt. Das ist genauso wichtig, wie das Fachliche.“ Vielleicht lobt er einen Preis aus, bei dem der Bäcker mit dem besten Abschluss auf Denks Kosten auf den Weg geschickt wird. Diese Idee beschäftigt den 48-Jährigen. Genauso wie viele weitere. Er nimmt sich die Zeit, sie anzugehen und sagt: „Wenn wir nicht jetzt etwas machen, dann können wir auch für die Zukunft nichts verändern.“

 

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