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Mehr als eine Frage der Ähre

Im Erdgeschoss begrüßt eine rekonstruierte Backstube von 1900 die Besucher des Museums. Daneben das Gemälde
„Arm und Reich oder Krieg und Frieden“ eines Flämischen Meisters des 17. Jahrhunderts. +Zur Fotostrecke
Im Erdgeschoss begrüßt eine rekonstruierte Backstube von 1900 die Besucher des Museums. Daneben das Gemälde „Arm und Reich oder Krieg und Frieden“ eines Flämischen Meisters des 17. Jahrhunderts.

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Ausstellung

6000 Jahre auf drei Etagen: Im Ulmer Museum der Brotkultur erfährt das älteste Grundnahrungsmittel der Welt eine einzigartige Wertschätzung.

Von Hendrikje Höpner-Kessel


Die Uhr an der Wand zeigt Punkt vier. Immer. Der Himmel hinter dem Fenster ist noch in tiefstes Dunkel getaucht. Doch in der Ulmer Backstube ist man bereits hellwach. Rund um die Uhr. Während der Geselle die letzte Ladung Brote in den Ofen befördert, formt sein Meister bereits Brötchenteiglinge. Regungslos. Vieles scheint hier stehen geblieben: Die Arbeitsweise, die Einrichtung, die Geräte –alles genauso wie vor 200 Jahren. Ob das auch der Schülerschar auffällt, die gerade ins Gebäude stürmt? Übersehen können sie die Backstube nicht: Als lebensgroße Nachbildung von 1900 empfängt sie ihre Besucher direkt im Eingangsbereich des Ulmer Salzstadels – dem Sitz des Museums der Brotkultur.

Mehr als nur ein Brotmuseum
  „So hat man also früher gebacken“, scheinen die Blicke der Schüler zu sagen. So oder so ähnlich bäckt man zum Teil auch heute noch, wissen jedoch die Wenigsten. Die Mitarbeiter des Museums überrascht das nicht. Das Anliegen der Betreiber -das Ansehen der brotschaffenden Berufsstände in der Öffentlichkeit zu fördern- kommt schließlich nicht von ungefähr. Zum Nachdenken über den Wert der Nahrung und der damit verbundenen Handwerke anregen, das ist ihr Ziel. Aussicht auf Erfolg derartiger Anregungen verspricht auch hier die jüngere Generation: Wie sonst erklärt sich das breite Spektrum an Führungen für Kinder und Jugendliche aller Altersklassen?

„Vom Korn zum Brot“ lautet das Thema am heutigen Nachmittag. Brot – Was ist das eigentlich? Welche Getreidearten gibt es und aus welchen bäckt man Brot? Und wie wird das Korn zu Mehl und das Mehl zu Brot? In nur 45 Minuten möchte Museumsbegleiterin Astrid Journeault 17 erwartungsvoll dreinschauenden Sechstklässlern all diese Fragen beantworten - spielerisch und anschaulich.

„Wer von euch kann mir denn den genauen Namen des Museums verraten?“, fragt sie in die Runde. Mit der Antwort „Brotmuseum“ gibt sie sich nicht zufrieden. Denn um ein reines Brot- und Bäckereimuseum handelt es sich nicht; dazu wird die Thematik zu umfassend aufgearbeitet. Das „Museum der Brotkultur“, wie es seit 2002 heißt, möchte mehr sein als eine Stätte reiner Objektpräsentation. So erschöpft sich die Sammlung auch nicht im Blick in die Vergangenheit, sondern thematisiert ebenso das Heute. Unter anderem weist die umfassende Kunstsammlung auf die gegenwärtige Welternährungslage hin und erinnert daran, dass Mangel an Brot von jeher gleichbedeutend ist mit Hunger. Verteilt auf drei Etagen, offenbart jedes der etwa 18.000 Exponate einen eigenen brotkulturellen Aspekt. Nur einen Bruchteil davon werden die Schüler heute sehen, anfassen und ausprobieren.

„Hau drauf!“ – „Schlag zu!“

In der Abteilung „Getreide“ im ersten Stock hat Astrid Journeault auf dem Fußboden Platz genommen; die Gruppe verteilt sich im Halbkreis um sie herum. Anhand von mitgebrachten Ähren lässt sie die Schüler die Getreidesorten raten. Dass aus Weizen Brot entsteht, ist allen bekannt. Aber auch die heißgeliebten Cornflakes? Da erntet Astrid Journeault so manches Staunen. Und sie hat noch mehr dabei: Nudeln, Haferflocken und –Popcorn. Spätestens da erkennen die Schüler die Vielfalt der Getreideverarbeitung. Und auf selbst entdeckendes Lernen legt Astrid Journeault großen Wert. Anstelle einseitiger Monologe findet sich der ständige Dialog mit den Schülern; bevorzugt im Halbkreis auf dem Boden sitzend.

„Ach, deshalb sagt man ,Wie ein Scheunendrescher fressen’“, bemerkt ein Schüler, als die Museumsführerin anhand des Gemäldes „Drescherinnen in der Tenne“ auf die Schwere dieser Arbeit verweist. Wie diese ablief, können sie selbst ausprobieren: Zu zweit gegenüber, mit Mini-Dreschflegeln, Weizenähren in Plastiktüten und immer im Wechsel: „Hau drauf!“ hört man den einen sagen, „Schlag zu!“ erwidert sein Gegenüber. Mit der Zeit ergibt sich ein fester Rhythmus. „Das mag für uns heute lustig sein“, wendet sich Astrid Journeault an die Gruppe, „bei den Dreschern sorgten die Sprüche jedoch für eine feste Reihenfolge“, klärt sie die Schüler auf. Warum diese notwendig war, muss sie nicht dazu sagen. Wie sich ein Schlag eines Dreschflegels „außer der Reihe“ anfühlen musste, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Da erscheint das Ausprobieren des Reibsteins schon wesentlich sicherer. Und spätestens mit der Betätigung von Dreh- und Handmühle gerät auch der Lernprozess buchstäblich zum Selbstläufer – zumindest scheinbar. Denn für den Außenstehenden bleibt das museumspädagogische Konzept stets erkennbar. Ein Konzept, dass aufzugehen scheint: Selbst nachdem die angesetzte Zeit längst überschritten ist, hören die Schüler noch immer aufmerksam zu, fragen noch immer neugierig nach.

Neben den Hunger nach mehr Wissen verspüren sie inzwischen jedoch auch Appetit auf frische Brezeln. Den hat vor allem die rekonstruierte Bäckerei von 1900 geweckt, die letzte Station der Führung. Auch wenn der Verkaufsraum täuschend echt und einladend wirkt, muss Astrid Journeault ihre jungen Besucher enttäuschen: Frisch sind die dort ausgelegten Brötchen schon lange nicht mehr. Ein Glück für die Bäckerei, die sich in Sichtweite des Museums befindet. Dort, wo sich in Kürze manch eine Angestellte wundern wird, warum gerade heute so viele wissen wollen, ob sie auch schon seit vier Uhr wach ist.

 

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