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Lehre hinter Gittern

Bäckermeister Heinrich Callies und Lehrerin Jutta Schulz erklären den Häftlingen den Zusammenhang zwischen Backvorgang und Krumenstruktur.  (Quelle: Schwittay)+Zur Fotostrecke
Bäckermeister Heinrich Callies und Lehrerin Jutta Schulz erklären den Häftlingen den Zusammenhang zwischen Backvorgang und Krumenstruktur. (Quelle: Schwittay)

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Gefangenenausbildung

Die Ausbildung in der Gefängnisbäckerei der JVA Bützow ist mehr als nur Zeitvertreib. Momentan bereiten sich sechs Inhaftierte auf ihren Wunschberuf in Freiheit vor.

Von Herbert Schwittay


Es riecht nach frischem Brot. Aus den Backöfen verströmt Hitze im gesamten Raum. Der 28-jährige Heinz B. (alle Namen von der Redaktion geändert) steht an einem großen Tisch und knetet mit kräftigen, tätowierten Armen einen Teig für Mischbrote. Hier wirkt alles wie in der normalen Backstube eines handwerklichen Betriebes, irgendwo in Deutschland. Wenn da nicht die Gitter an den Fenstern wären, die das einfallende Sonnenlicht brechen.

Die Bäckerei befindet sich auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern. Hier werden unter fachkundiger Anleitung im Fachbereich Bildung und Freizeit sechs Häftlinge zum Bäcker ausgebildet. Zwischen dem beruflichen Werdegang „draußen” und der Ausbildung in der Justizvollzugsanstalt gibt es nur einen zeitlichen Unterschied. Während der angehende Bäcker in „Freiheit” seine dreijährige Lehrzeit absolvieren muss, gibt es für die Gefangenen nur einen zweijährigen Bildungsweg. Die konzentrierte Zusammenfassung der Zeitabläufe und die gesamte Ausbildung während der Ausbildung macht diese Verkürzung möglich. Die Lernfunktionen und der vermittelte Wissensstand sind dabei absolut identisch mit denen in der freien Wirtschaft. Alle Prüfungen werden nach zwei Jahren von der Handwerkskammer abgenommen und der Gefangene erhält seinen Gesellenbrief. Während der Ausbildung entstehen den Häftlingen weder Kosten noch Gebühren für die Prüfungen. Der Ausbildungsplatz in der Justizvollzugsanstalt kostet für den gesamten Zeitraum durchschnittlich 6000 Euro.

Heinz B. hat zum ersten Mal in seinem Leben eine Lehre begonnen. „Es ist hier alles super. Ich habe im Gefängnis meine Mittlere Reife gemacht, nun die Bäckerlehre. Ich könnte es fast als Traumkarriere bezeichnen.”

Die Arbeitszeit beträgt pro Tag acht Stunden. Auch an Wochenenden. Regelmäßig finden pro Woche zwei Unterrichtstage statt, wo die Häftlinge von der festangestellten Lehrerin Jutta Schulz betreut werden. Ergänzt wird das Angebot durch zwei externe Lehrer.

Erst Lehre, dann Freiheit

Für eine Lehre hinter Gittern kann sich nicht jeder Häftling bewerben. Gewisse Voraussetzungen sind erforderlich. Dazu gehören ein Hauptschulabschluss und eine Haftstrafe, die zumindest noch die Dauer der Ausbildung umfasst. Die beträgt bei den Ausbildungsanwärtern im Durchschnitt zwischen drei und zehn Jahren. In Verbindung mit einer vom Häftling erarbeiteten Bewerbungsmappe werden in Einzelgesprächen mit der Anstaltsleitung die Modalitäten für den weiteren Weg der Ausbildung festgelegt. Eine hohe Leistungsbereitschaft wird auf jeden Fall vorausgesetzt. Die Häftlinge sind während ihrer Ausbildung zum Bäcker größtenteils in Einzelzellen untergebracht. Heinz B.: „Für uns ist das eine wichtige Begleiterscheinung, weil wir die Freizeit natürlich auch für das Weiterlernen nutzen müssen.“ Wie schwer oder auch leicht er es einmal im Beruf in Freiheit haben wird, darüber will er heute noch nicht nachdenken. „Erst einmal fertig werden und dann hier raus.”

Seit 2001 werden in der größten Anstalt des Landes Bäcker auf ihren späteren Wunschberuf in Freiheit vorbereitet. 27 Inhaftierte haben sich in diesem Zeitraum um einen der begehrten Ausbildungsplätze beworben und ihren Abschluss mit Noten von „Sehr gut“ bis „Befriedigend” gemacht.

„Unsere Ausbildung im Gefängnis ist mehr als nur bloßer Zeitvertreib”, argumentiert Hans-Heinrich Callies. Der 56-jährige Bäckermeister aus Selmsdorf ist seit 1998 in der JVA festangestellt und leitet die Ausbildung. Er hatte sich auf eine Ausschreibung beworben, eine zweijährige Justiz-Ausbildung absolviert und sich dann für diesen Berufsweg entschieden. „Es war für mich eine neue Herausforderung.” Seine in dritter Generation geführte Familienbäckerei in dem mecklenburgischen Ort Selmsdorf leitet heute seine Schwester. Der Arbeitstag in der Gefängnisbäckerei beginnt morgens um 6.30 Uhr. Brot, Brötchen und Gebäck werden zwar jeden Morgen frisch gebacken, die einzelnen Arbeitsschritte für die Zubereitung mit den verschiedenen Teigen erfolgt aber bereits einen Tag vorher. Peter F.: „Hier in der Backstube müssen wir praktisch immer 24 Stunden im Voraus arbeiten und auch denken.” Mit Schwarz-, Misch- und Weißbrot werden drei verschiedene Brotsorten im Standardangebot hergestellt. In zeitlichen Abständen gibt es Spezialitäten wie Toast- oder Mehrkornbrot. Bei Brötchen variiert das Sortiment bis zu 20 verschiedene Sorten.

Von Käse bis Körner und von Schinken bis Frucht reicht die Palette. Im täglichen Standardangebot sind es meist zwei Sorten, die dann allerdings mit den anderen Brötchen im zeitlichen Wechsel entstehen. Ob Brot oder Brötchen, bei der Herstellung müssen auch besondere Dinge beachtet werden. Dazu gehören etwa die medizinische Belange der einzelnen Gefangenen. „Und auch der religiöse Faktor der Häftlinge ist bei den Zutaten wichtig”, so Callies. In Bützow sitzen allein 46 Ausländer aus 23 Staaten ein.

Auf dem Weg zum Arbeitsplatz

Durchschnittlich werden alle 14 Tage drei Tonnen Weizenmehl und 1,5 Tonnen Roggenmehl verarbeitet – für die Selbstversorgung. Der Rohstoff wird von einer Mühle in Mecklenburg-Vorpommern bezogen und im eigenen Silo gelagert. Im täglichen Arbeitsablauf stehen den Auszubildenden moderne Maschinen und Gerätschaften zur Verfügung. Das gilt auch für die gesamte Strecke im Bereich Kuchen, wo von Plunder über Hefeteige bis hin zu Torten alles vorhanden ist. Obwohl der Maschinenpark optimale Bedingungen bietet, wird bei Meister Callies Handarbeit groß geschrieben. „Für das spätere Arbeiten in Freiheit ist das besonders wichtig.”

Die Gefangenen bemühen sich schon vor ihrer Entlassung um eine Arbeitstelle in Freiheit. „Vielfach ist das aber mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden”, so Callies. Die Hemmschwelle in Bäckereien, einen ehemaligen Häftling einzustellen, ist groß. Vom offiziellen Arbeitmarkt bekommen die Einsitzenden während der Haft zudem nicht viel mit. Die, die einen Arbeitsplatz gefunden haben, meistern ihre Zukunft. Bisher gab es keinen Fall, wo von den angehenden Bäckern jemand rückfällig geworden ist. „Nach Verlassen der Anstalt haben wir aber fast so gut wie keinen Kontakt mehr zu unseren ehemaligen Auszubildenden“, erläutert Hans-Heinrich Callies. Was als gutes Zeichen zu werten ist. Sie haben ihre Chancen in der Freiheit offenbar genutzt – mit der Herstellung von Backwaren, die – im Gegensatz zu den Häftlingen – hinter Gitter bleiben.

 

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