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Kalte Kunst

Handwerk, mal heiß, mal kalt: Als Bäcker wie als Eisbildhauer ist Kurt Wüst gut im Geschäft. Mit der beleuchteten Weihnachtskrippe vor dem Geschäft hat er sich einen Herzenswunsch erfüllt.  (Quelle: privat)+Zur Fotostrecke
Handwerk, mal heiß, mal kalt: Als Bäcker wie als Eisbildhauer ist Kurt Wüst gut im Geschäft. Mit der beleuchteten Weihnachtskrippe vor dem Geschäft hat er sich einen Herzenswunsch erfüllt. (Quelle: privat)

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Ein Schweizer Bäcker hat sich ein zweites berufliches Standbein geschaffen: Er schnitzt Eisskulpturen, und das mit großem Erfolg.

Von Iris Schaper


Wenn Kurt Wüst in der Backstube steht, ist es mollig warm, und wie alle Berufskollegen lebt er sein künstlerisches Talent dort an weichen und knetbaren Materialien aus. Doch an seinem zweiten Arbeitsplatz ist alles anders: Sein Werkstoff ist steinhart und sein Arbeitsplatz klirrt vor Kälte, meist erfüllt das ratternde Sirren einer Elektrosäge sein zehn Quadratmeter großes Atelier. Kurt Wüst schnitzt Eisskulpturen.

„Fast 80 Prozent des Objekts kann ich mit der Kettensäge gestalten“, erzählt Wüst. „Wenn Sie mit Hammer und Meißel da rangehen, dann zersplittert das Eis wie Glas.“ Den Feinschliff verleiht er seinen Arbeiten mit einem japanischen Eismesser: Kristallene Engel, Drachen, Rentiere, Steinadler oder auch das Matterhorn entstehen unter seinen geschickten Händen.

Das Matterhorn ist übrigens gleich um die Ecke. Und wer im Wallis seinen Blick über die schneebedeckten Berge schweifen lässt, über das Weisshorn, den Dom, hier, wo die zehn höchsten Wipfel der Schweiz in den Himmel ragen, der fragt sich: Liegt es daran, dass ein Bäcker auf ein so ungewöhnliches Steckenpferd kommt? Kurt Wüst hat eine ganz pragmatische Erklärung: „Ich suchte nach etwas, mit dem ich mich von anderen abheben kann, etwas Besonderes.“ Und dies sollte auch nicht für jeden Bäcker oder Partyservice leicht zu imitieren sein: „Wenn man etwas Einfaches kreiert, das Erfolg hat, wird das in kurzer Zeit von sämtlichen, fantasielosen Mitbewerbern kopiert“, erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Mit Eisfiguren wollte er zunächst nur seine Buffets und die im Wallis typischen „Apéros“ schöner gestalten und aufwerten. Denn auch in der Schweiz müssen Bäcker sich durch die zunehmende Billigkonkurrenz wie etwa Tankstellenshops aus der Masse herausheben. Wüst hat eine Bäckerei in Gampel, betreibt keine weiteren Filialen. Trotzdem arbeiten heute 13 Angestellte für ihn, in der Produktion und im Verkauf. „Wir sind schon eine aussterbende Berufsgattung. Für mich läuft es zum Glück zusammen mit Backen, Catering, Partyservice und Eisskulpturen ganz gut.“

Ohne künstlerisches Talent hätte Kurt Wüst allerdings kaum Eisbildhauer werden können. Schon lange malt er in seiner Freizeit Aquarelle, und natürlich hilft ihm auch seine Ausbildung zum Konditor. Schließlich muss er auch beim Ausdekorieren von Torten und Marzipanfiguren dreidimensional arbeiten. Aber das macht noch keinen Meister im Eisschnitzen. Seit seinen Anfangsversuchen vor über 15 Jahren hat er seine Kunst verbessert – und sich einen guten Ruf erarbeitet. Das kam nicht über Nacht, besonders Großprojekte haben seinen Bekanntheitsgrad erhöht.

„Ausschlaggebend war dabei die Gestaltung des kleinen Matterhorns“, erzählt er. Über zwei Jahre hinweg schnitzte Kurt Wüst auf 3800 Metern Höhe das Innenleben eines Eispavillons. Weil die Temperatur dort ganzjährig unter drei Grad Celsius blieb, konnte man seine Figuren über lange Zeit bewundern.

Auch ein Herzenswunsch von Kurt Wüst sorgte für Aufsehen: „Nach zwei, drei Jahren Eisschnitzen habe ich mir selbst ein Weihnachtsgeschenk gemacht.“ Vor seinem Geschäft in Gampel schnitzte er eine riesige Weihnachtskrippe aus Eis. Nachts waren die Figuren beleuchtet und boten jedem Passanten ein beeindruckendes Bild. Durch Gampel führt zudem eine wichtige Autozug-Reisestrecke, der Autoverlad Lötschberg. „Da kamen natürlich im Winter die Leute vorbei, die in die Skigebiete von Sas Fe, Zermatt oder Montana gefahren sind, also ein riesiger Kreis von Menschen, die das gesehen haben.“ Dann trudelten sie wie von selbst ein, die größeren Aufträge: Schweizer Banken, der weltgrößte Champagnerhersteller, Pharmaunternehmen und Spirituosenhersteller. Sie alle geben bei Kurt Wüst Skulpturen in Auftrag. Werbung muss der Bäcker nicht mehr machen, heute kommt eine Eventagentur regelmäßig mit Kundenwünschen auf ihn zu.

Doch die kleinen Kunden und die Eisfiguren für Apéros hat er nicht vergessen. Besonders im Sommer sind seine Buffets mit den eisigen Schönheiten ein Renner: Zum Beispiel Eisbrunnen, an denen Getränke herunterlaufen, die die Gäste dann kühl genießen können. So hat er sommers wie winters als Eisbildhauer reichlich zu tun. „Im Sommer sind meine Skulpturen nur ein Tagesprodukt, entweder sie werden gegessen oder sie schmilzen“, sagt er augenzwinkernd. Im Winter hingegen sind die Projekte größer und die Figuren halten länger, je nach Wetterlage bis zu vier Wochen.

Ein wichtiges Großprojekt in diesem Winter wird das chinesische Neujahrsfest in Gstaad sein, für das er mit Elektrosäge und Eismesser riesige Drachen formen wird. Vielleicht kann doch nur hier oben in den winterlichen Schweizer Bergen ein Bäcker auf die Idee kommen, freiwillig die warme Backstube gegen ein eiskaltes Atelier zu tauschen.

 

www.eis-skulpturen.ch

 

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