ABZ - Das Fachportal für Bäcker

In Sri Lanka arbeitet der König der Löwen als Bäcker

Vor der Bäckerei von Heinz Hausotter parken Tuk-Tuks, deren Fahrer Brotbestellungen abholen. (Quelle: Iris Treiber)+
Vor der Bäckerei von Heinz Hausotter parken Tuk-Tuks, deren Fahrer Brotbestellungen abholen. (Quelle: Iris Treiber)

Weitere Artikel zu


Heinz Hausotter (68) aus Unterfranken betreibt in der Stadt Aluthgama eine kleine Bäckerei mit angeschlossenem Restaurant

Von Iris Treiber

Der „König der Löwen“ arbeitet, „…und zwar noch mit voller Kraft“, sagt . Immerhin ist er 68 Jahre alt und nach deutschen Maßstäben reif für den Ruhestand. Aber deutsche Maßstäbe gelten in nicht.

Denn Heinz Hausotter, geboren in Unterfranken, betreibt die kleine „Singharaja“ mit Restaurant in Aluthgama, einem Küstenort, etwa 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Colombo und 70 Kilometer nördlich der Großstadt Galle gelegen. „Singharaja“ bedeutet „König der Löwen“ auf Singhalesisch, der meistgesprochenen Sprache Sri Lankas.

Heute arbeitet Heinz Hausotter in der Küche. Verschiedene Suppen stehen auf der Karte, gebratene Nudeln, gebratener Reis und gebratene Brotfladen-Streifen, außerdem deutsche Gerichte wie Currywurst oder Schnitzel sowie Rohkostplatten und Säfte aus Obst oder Gemüse. Zwar seien vor allem Ausländer an der gesunden Kost interessiert, aber Einheimische bestellten sie ebenfalls.

Das gilt auch für das kleine europäische Brotsortiment, das Heinz Hausotter backt: Weißbrot, Baguette, Roggenmischbrot, Körnerbrot und Pumpernickel. Letzteres sei sein absoluter Verkaufshit, sagt er.

Eine deutsche Kundin, die leer ausgegangen ist, will morgen wiederkommen, da sie, wie viele Deutsche und Engländer, in Sri Lanka überwintert und auf deutsches Brot nicht verzichten möchte.

Hausotter backt seine Brote auf Vorrat, die frischen Laibe friert er ein. Weizenmehl, Roggenmehl, Zutaten für das Körnerbrot und verschiedene andere Rohstoffe bezieht er über einen Importfirma. Zuckerkulör ist dort nicht zu bekommen, und so karamellisiert er den Zucker für den Pumpernickel selbst.

Die Baguettes belegt er in der Regel mit Fisch, Ei oder Geflügelwürstchen. „Wir backen jeden Tag 20 Weißbrote für unsere Frühstücksgäste“, sagt er. „In den freien Verkauf kommen nur die, die übrig bleiben.“

Bekannt ist Heinz Hausotter für seine bunten Torten. „Die Leute hier wollen Farbe“, berichtet er und zeigt Kreationen in Rosa und Türkis. Die Basis der Torten ist ein Rührkuchen, in runder oder eckiger Form gebacken, aus „Buttercake“-, also „Butterkuchen“- oder Schokoladenkuchenteig.

Hausotter: „Es heißt hier halt Buttercake - aber wir verwenden nur Margarine.“ Der Buttercake wird mit Fondant, hergestellt aus Puderzucker, Margarine und Gelatine, überzogen, mit Margarine-Icing zur Torte ausgarniert oder in großen Stücken nach Gewicht verkauft.

40 Kilogramm Kuchen

kosten ein Monatsgehalt

800 Rupien, etwa 6 Euro, kostet ein Kilogramm Kuchen. Zum Verhältnis: Ein Kellner gehört zu den Besserverdienenden mit 25.000 Rupien Monatsgehalt.

Kommt eine Marmeladenschicht in den Buttercake, heißt er „Linz Tarte“. „George Cake“, benannt nach dem dritten Vornamen von Heinz Ludwig Georg Hausotter, ist aus Buttercake, Schokoladen- und Kaffeekuchen zusammengesetzt. „Tigercake“ wird der klassische Marmorkuchen genannt.

Verwendet werden die Rührkuchen insbesondere für dreistöckige Hochzeitstorten. Die allerdings sind hauptsächlich Dekoration: Nur die obere Torte ist essbar, der Mitteilteil besteht aus Styropor. In den unteren Teil wird ein kleines Kuchenstückchen in einen Styropor-Rohling eingesetzt und durch zwei Blümchen gekennzeichnet. So kann das Brautpaar die Torte passgenau anschneiden und sich das Stückchen gegenseitig zum Essen reichen mit dem Versprechen, füreinander zu sorgen.

Außerdem gibt’s Dauergebäck wie Erdnuss-, Kokos-Grieß- oder Schwarzweiß-Kekse, Hefeteilchen, gefüllt mit Fisch, Hähnchen, Ei oder Rosinen, Blätterteig mit Käse und Zwiebeln oder Fisch, in Teig eingeschlagene, typisch sri-lankische, frittierte Mischungen aus Zwiebeln und Gewürzen.

„Hänsel und Gretel“

wird mit Kautschukholz befeuert

Gebacken wird zweimal täglich in einem klassischen, etwa 17 Quadratmeter großen Holz-backofen. „Hänsel und Gretel“ nennt Heinz Hausotter ihn fast zärtlich. 22 große Bleche passen hinein. Erhitzt wird der Backraum mit Kautschukholz. „Durch den Milchsaft ist das Holz so feucht, dass ich keinen Dampf brauche“, sagt er.

Was den Ansprüchen

nicht genügt, wird verschenkt

Der Bau des Ofens sei ein Abenteuer gewesen. Der Ofenbauer habe Natursteine, Zement, Glasscherben, Speisesalz, Natursteine und Pflastersteine aufeinander geschichtet und alles eingemauert.

Aber „Hänsel und Gretel“ funktioniere ganz wunderbar. Der Ofen liefere die Qualität, die er sich vorstelle. Liege das Produkt unter 80 Prozent seiner Ansprüche, werde es nicht verkauft, sondern verschenkt.

Glück im Unglück hatten der Betrieb und seine Menschen beim Tsunami im Dezember 2004. Das Zentrum von Aluthgama wird durch eine Landzunge geschützt, die parallel zur Küste verläuft. „Wir hatten keine Verluste“, sagt Hausotter. Danach hätten sie die Hälfte der täglich produzierten Backwaren an die obdachlosen Menschen in den Lagern verteilt. „Sie hatten ja überhaupt nichts mehr.“

Weniger Glück brachte der 28. November 2011. An diesem Tag wurde die Autobahn von Galle nach Colombo eröffnet. Sie führt zehn Kilometer an Aluthgama und damit an der Singharaja-Bäckerei vorbei. Innerhalb weniger Wochen brach das Geschäft ein. Von 85 Beschäftigten mussten 63 gehen.

Neuorientierung mit

Kleidung und Palmen

Hausotter, seine Frau und die drei Töchter mussten sich neu orientieren, nahmen Kleidung ins Sortiment auf, bewirtschafteten Kokospalmen und Mahagonibäume. Nun ist alles wieder „in geordneten Bahnen“, wie Hausotter sagt, und er wartet darauf, eine der begehrten Bierlizenzen zu bekommen. Dann möchte er den Betrieb abgeben, damit sich der König der Löwen zur Ruhe setzen kann.

abz@matthaes.de


Lesen Sie hierzu folgende Bücher


  • Brot
    Werner Kräling | Meinolf Kräling

    Brot

    Ein mediterranes Weizenbrot mit Rucola und Feta gebacken, das softe Dinkel-Hafer-Quark-Brot, ein Vollkornschrotbrot mit Cranberries und das super saftige Roggenmischbrot - es gibt sie: ausgewählte bekannte und neue Brotsorten, die den Käuferwünschen unserer modernen Gesellschaft entsprechen.

    mehr...

  • Frühstück - Chancen für die Bäckerei
    Werner Kräling | Pierre Nierhaus | Bernd Kütscher | Rainer Veith

    Frühstück - Chancen für die Bäckerei

    Das Buch „Frühstück – Chancen für die Bäckerei“ bietet alles Wissenswerte rund um das Frühstücksgeschäft.

    mehr...

  • Der neue clevere Bäcker
    Bernd Kütscher

    Der neue clevere Bäcker

    Dieses Buch, das mittlerweile in der 4. und stark erweiterten Neuauflage erscheint, ist ohne Übertreibung zum echten Standardwerk geworden, das in keiner Bäckerei fehlen darf!

    mehr...

  • Service und Verkauf in der Bäckerei
    Ursula Ahland

    Service und Verkauf in der Bäckerei

    Besser verkaufen in der Bäckerei mit Spaß an der Arbeit, glücklichen Kunden und zufriedenen Chefs.

    mehr...

  • Flecht- und Schaugebäcke
    Helmut Mühlhäuser

    Flecht- und Schaugebäcke

    Das komplette Repertoire: von einfachen Knoten, Korb- und Gitterflechtungen über zahlreiche Mehrfachstrangzöpfe bis hin zum anspruchsvollen Schaustück.

    mehr...

  • Prüfung und Praxis Fachverkäufer/-in in Bäckerei/Konditorei
    Wolfgang Mößner

    Prüfung und Praxis Fachverkäufer/-in in Bäckerei/Konditorei

    Über 400 Fragen sowie ausführliche Antworten und Erläuterungen erleichtern eine optimale Vorbereitung für die Prüfung.

    mehr...

  • Snacks
    Werner Kräling | Jürgen Rieber

    Snacks

    Das Spektrum der Snacks ist riesig: Belegte Brötchen, Brote, Sandwiches, Bagels, Seelen, Waffeln, Muffins, Fladenbrote, gebackene Snacks, Panini, Pizza, Strudel, Zwiebelkuchen, Quiches, Flammkuchen und kleine Gerichte.

    mehr...

Wer immer schon mal wissen wollte, wie der Name einer bayerischen Bierbrauerei auf chinesisch aussieht, ist bei „Andy‘s German Bakery“ richtig.
Auch interessant

Andy macht Chinesen Appetit auf deutsches Brot

Von Martin Blath Nach einer Walz der etwas anderen Art ist Andreas Weih 2007 sesshaft geworden – in Peking. Dorthin hatte es den Bäcker- und Konditormeister als Produktionsleiter der mehr...

Lesen Sie hierzu auch folgende Artikel:

 

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel