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„Ich bin als ein anderer zurückgekommen"

Zurück in Joldelund. (Quelle: Privat, Hoenig (1))+
Zurück in Joldelund. (Quelle: Privat, Hoenig (1))

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Bäckermeister Daniel Lorenzen aus Joldelund lernt auf der Walz unterschiedliche Betriebe auf der Welt kennen / Einstellungen verändern sich

Von Dorothee Hoenig

Als Daniel Lorenzen überlegt, nach der Gesellenprüfung und einiger Zeit im Job ein Jahr nach Australien zu gehen, sagt sein Onkel, ein Tischler, zu ihm: „Geh doch als Bäcker auf die Walz.“

In einer Wandergesellenkneipe in Hamburg knüpft der junge Nordfriese die ersten Kontakte, kündigt seinen Job, seine Wohnung und geht für dreieinhalb Jahre hinaus in die weite Welt. Warum? „Einmal geht es darum, sich handwerklich weiter zu entwickeln, aber mehr noch persönlich“, sagt Daniel Lorenzen. „Man kommt als ein anderer zurück, darum geht es.“

Halt macht Daniel Lorenzen zum Beispiel in Bamberg bei der Bäckerei Postler. „Ein sehr guter Bio-Bäcker“, sagt er. Dort habe er handwerklich einiges gelernt, „aber ganz toll war, dass der Bäckermeister mich auch in die Bücher gucken ließ". Hinter die Kulissen zu schauen, verschiedene Geschäftsideen kennenzulernen, das sei das Wertvolle, das man mit nach Hause nimmt.

Als „beste Bäckerei“, in der er gearbeitet hat, bezeichnet Daniel die Vollkornbäckerei Scharrenberg in der Schweiz. „Sie machen alles selbst, auch feines Mehl mahlen sie selbst. Der Bäcker ist ein alter Meister, der weiß, wie es geht, aber auch immer wissbegierig geblieben ist. Er hat mich wie einen eigenen Sohn aufgenommen.“

Deutschland, Europa, Übersee

Schweizer Pralinenmanufaktur, Bio-Bäckerei, Urwald-Bäcker, Toastbrotfabrik und Teiglingsfabrik - der norddeutsche Bäcker bekommt die unterschiedlichsten Jobs.

Es geht kreuz und quer durch Deutschland, die Schweiz, Rumänien, Österreich, Holland, Belgien, Marokko, Polen, Tschechien, Vereinigte arabische Emirate, Australien, Neuseeland und viele Länder mehr hat Daniel Lorenzen auf der Walz kennengelernt – und viele interessante Menschen.

Zum Beispiel einen Schweizer Buchdrucker, der im neuseeländischen Urwald ein Fachwerkhaus bewohnt und sich autodidaktisch zum Bäcker ausgebildet hat. Seine Backkünste waren „nicht überragend" und das Sortiment klein, aber er konnte gut davon leben. „Hier habe ich gelernt, dass man alles machen kann, was man machen will“, sagt Daniel Lorenzen.

Für die Fortbewegung darf ein Wandergeselle kein Geld bezahlen, aber: „Trampen geht sehr gut, denn Wandergesellen haben einen guten Ruf.“ Um nach Australien zu fliegen, lässt er sich einen Teil des Geldes, das er in der Schweizer Toastbrotfabrik verdient, in Form eines Flugtickets ausbezahlen.

Besonders stolz ist „Daniel Fremder Bäcker FBS (Freier Begegnungsschacht)“, wie er während der Walz heißt, auf eine Wanderung zu Dritt: 1000 Kilometer zu Fuß von Konstanz am Bodensee nach Kiel in zwei Monaten. „Die letzten 500 Meter waren einfach unbeschreiblich“, schwärmt er.

Neues für die Familienbäckerei

2000 Rezepte hat Daniel Lorenzen von seinen verschiedenen Arbeitsstellen mitgebracht. „Die Hälfte werde ich wahrscheinlich nie benutzen“, vermutet er. Drei davon hat er aber schon bald in der familieneigenen Joldelunder Bäckerei umgesetzt, die seit den 80er-Jahren eine Bioland-Bäckerei ist: französisches Baguette, Schweizer Stadtbrot und süddeutsches Landbrot. Die Bäckerei der Familie Lorenzen betreibt überwiegend Liefergeschäfte. „Traditionell und innovativ sind wir“, sagt der Junior. Zu viert führen die Lorenzens den Betrieb mit etwa 60 Mitarbeitern: die Eltern und zwei Söhne.

Während der Wanderschaft geht ein Monat im Jahr für ein soziales Projekt drauf. Stolz ist Daniel Lorenzen auf die „Baustelle“ in Leipzig für Kinder, „die durch alle Raster gefallen sind“. In Workshops haben 20 Wandergesellen versucht, den Kindern das Handwerk näher bringen – Holzbildhauer, Schmiede, Zimmerer, Tischler und Bäcker.

Und da war da noch Bine, in die sich Daniel in Bremen verliebt hatte. Eine Liebe, die die ganze Zeit der Wanderschaft und darüber hinaus hielt. „Zwei Monate war Bine mit auf der Walz. Wir waren in Schweden und Australien. Eine schöne Zeit.“ Aber die Beziehung hielt nach der Rückkehr nicht lange, die Lebensvorstellungen der beiden waren zu unterschiedlich: Sie liebt das Leben in der Stadt, er das auf dem Dorf. Hier sind seine Wurzeln.

Wieder in der Heimat

„Zurückkommen ist schwer“, sagt Daniel. „Ich bin eben ein Vagabund. Ich habe es geliebt, unter dem Sternenhimmel zu schlafen und fühlte mich frei.“ Die Leute hier machten sich Sorgen über Dinge, die ihm seit seiner Wanderschaft fern seien. „Ich bin in eine depressive Stimmung verfallen, musste das erst einmal verarbeiten.“

Geholfen hat, mit anderen Wandergesellen zu reden, berichtet er und er hat sich einen Bus gekauft: „Wenn ich einen Rappel kriege, fahre ich ein paar Tage weg.“ Gut war, sagt er, dass seine Eltern ihn zu nichts gezwungen haben. „Schließlich habe ich dann die Meisterschule gemacht. Alles ist wieder gut.“

„Ich bin als ein anderer zurückgekommen“, sagt Daniel Lorenzen am Anfang des Gesprächs. Was ihm jetzt wichtig ist: Seine Leidenschaften ausleben zu können, das sind Musik machen und hören, Konzerte organisieren, ein gutes Buch lesen und tanzen, vor allem Tango.

Wichtig sind auch Menschen – „jemanden zum Kaffeetrinken zu haben“. Deshalb wohnt er in einer Wohngemeinschaft außerhalb eines 400-Seelen-Dorfes: Felder, Wiesen, Wald, nur ein Haus in der Nachbarschaft: „Hier kann ich machen, was ich will.“

Was nicht mehr geht: „Nachdem ich unterwegs Mastställe und Schlachthöfe gesehen habe, esse ich kein Fleisch mehr. Es geht nicht.“ Viele Sachen sind nicht wichtig, hat er gelernt. Einen Fernseher besitzt er zum Beispiel nicht. Was er als Lebensweisheit mitgebracht hat? Daniel Lorenzen lacht und sagt: „Wenn man positiv in den Wald hineinruft, schallt es auch positiv wieder heraus.“

 

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