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Eine Liebesgeschichte mit Brot in Istanbul

In Anna‘s Bakery gibt‘s auch hergestellte Kuchen. (Quelle: Treiber)+
In Anna‘s Bakery gibt‘s auch hergestellte Kuchen. (Quelle: Treiber)

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Anna (30) und Christian (35) haben sich ohne Ausbildung in der größten Stadt der Türkei mit „Anna‘s Bakery“ erfolgreich selbstständig gemacht

Von Iris Treiber

Brezeln, Mohn- und Sesambrötchen, Vierkorn-, Roggenvollkorn-, Kürbiskern-, Oberländer Sauerteigbrot – dem Sortiment nach könnte „Anna’s Bakery – Deutsche Backwaren“ irgendwo in Deutschland stehen. Tatsächlich jedoch lautet die Adresse Göktürk, Provinz .

In Göktürk erinnert nichts an das historische Istanbul. Hier stehen Neubauten, viele der etwa 30.000 Bewohner stammen aus dem Ausland und arbeiten bei ausländischen Firmen.

„Sie sind total happy, dass sie deutsches Brot bekommen“, sagt die 30-jährige Anna ?irin Leal de Carvalho Guerreiro (Bayzin), die zusammen mit ihrem Mann Christian (35) „Anna’s Bakery“ führt.

Erster Kontakt auf

der der Freundin

Beide haben deutsche Mütter, Anna einen türkischen, Christian einen brasilianischen Vater. Er ist gelernter Automechaniker, sie studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft. Aufgewachsen ist Anna in Istanbul. Nach Deutschland kam sie zur Hochzeit einer Freundin, die Christians Bruder heiratete. Sie lernte ihren späteren Mann kennen, blieb – und wollte irgendwann wieder zurück.

Bei den Überlegungen, welche Marktlücke sie gemeinsam in Istanbul als Selbstständige würden füllen können, kamen sie schnell auf deutsches Brot. „Die deutsche Brotkultur hat weltweit einen guten Ruf“, sagt Anna.

Gesunde Ernährung

liegt im Trend

In der Türkei wird viel Weißbrot gegessen, aber gerade junge Frauen mit Kindern achten auf gesunde Ernährung. „In diesen Trend passt Roggen- und Körnerbrot“, sagt Anna. Außerdem habe sie selbst deutsche Backwaren vermisst: „Wer in Deutschland war, musste Brot, Brezeln und Rosinenschnecken mitbringen“, erinnert sie sich.

Gebrauchte Ausstattung,

nur der Ofen ist neu

Im April 2012 öffneten Anna und Christian „Anna’s Bakery“ in einem kleinen Ladenlokal einer Wohnanlage. Vorne, am Schaufenster, steht die Theke, daran schließt sich ein Cafébereich mit sieben Tischen an.

Hinten liegt Christians großzügige und mit gebrauchten Maschinen gut ausgestattete Backstube. „Nur der Ofen ist neu – weil er ja auf jeden Fall funktionieren sollte“, sagt Christian.

Um das sicherzustellen, hatten sie sich für einen deutschen Hersteller mit Niederlassung in Istanbul entschieden. „Und dann hat es eineinhalb Jahre gedauert, bis der Ofen richtig ging“, sagt Christian. Zum Glück sei er in einer „Riesenwerkstatt“ aufgewachsen, in der ihm sein Vater alles Mögliche beigebracht habe, und er könne sich um Geräte kümmern.

Der Eifelbäcker

als Lehrmeister

Nun dauert die Ausbildung im Bäckerhandwerk drei Jahre. Anna buchte in Deutschland einen Kurs bei der Handwerkskammer, der sich als Meisterkurs entpuppte und sie überforderte. Also fragte sie Mitschüler, ob einer bereit wäre, ihr und Christian das Backen beizubringen.

So fanden sie den Eifelbäcker Sven, heute Bäckermeister. „Alles, was wir wissen, verdanken wir ihm“, sagen beide übereinstimmend. Drei Monate lang verbrachten sie die Wochenenden bei Sven. Er unterrichtete sie, empfahl Fachbücher. In Göktürk fanden sie geeignete Räume. Zwei Tage vor der Eröffnung flog Sven ein und nahm die Backstube mit den beiden in Betrieb, die in der Türkei ihr Geschäft ohne Ausbildung eröffnen konnten.

„Wir waren voller Vertrauen“, sagen sie. „In der ersten Nacht haben wir Probe gebacken und das, was okay war, verschenkt“, erzählt Christian.

Rohstoffe werden

vor Ort eingekauft

Die Rohstoffe beziehen sie teilweise aus der Türkei, teilweise von einer deutschen Backmittelfirma vor Ort. Inzwischen sind sie bekannt und wissen, dass Göktürk ein gut gewählter Standort ist: „Wir sind froh, dass hier besser verdienende Menschen wohnen“, sagt Anna, „sonst könnten sie unser Brot nicht kaufen.“

Zahlreiche Kunden sind im Laufe der Monate dazu gekommen, darunter das Deutsche Generalkonsulat und das ARD Studio Istanbul. Anna und Christian denken darüber nach, ihren Betrieb zu vergrößern - auch, weil der Backofen zu klein geworden ist.

„Ich bin schneller als der Ofen“, sagt Christian lachend.

annasbakery.de


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