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Ein Dorfbäcker probt den Aufstand

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Ein Dorfbäcker probt den Aufstand

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Bäckermeister Stefan Richter wehrt sich auf ironische Art gegen den Giganten Lidl und „bewirbt“ sich als Produktionshelfer


Von Petra Mewes

Am Anfang sah ich eher zufällig das Werbeplakat von Lidl und dachte nur ‚Frechheit!, die greifen ja direkt das Handwerk an. Doch dann las sich noch eine Mitteilung von Slow Food über diese Lidl-Kampagne und war schockiert über das Ausmaß.“ Stefan Richter, Bäckermeister im kleinen Örtchen Kubschütz bei Bautzen in der Oberlausitz, dachte nach und ersann ein eigenes Schreiben an Lidl als Antwort (siehe unten). Dass er mit seiner ironisch gemeinten „Bewerbung“ um einen Arbeitsplatz als Produktionshelfer bei Lidl einen regelrechten Medien-Hype auslöst, hätte er nie für möglich gehalten.

Lidl-Qualitätsbegriff

Was war geschehen? Eine Werbeoffensive des Discounters erwies sich als eine einziger Angriff gegen das traditionelle Handwerk. Vor allem die einseitige und völlig unsinnige Auslegung des Begriffs Qualität schlug (nicht nur) Meister Richter aufs Gemüt. Schließlich wirbt Lidl unter dem Motto „Woran erkennt man eigentlich gute Qualität?“ für sein Angebot an Brot, Fleisch, Obst und Gemüse, Kaffee, Wein und anderes mehr, in dem ganz offen das Metzger- und Bäckerhandwerk attackiert wird. Besonders fragwürdig schien der Organisation Slow Food, die eine eigene Pressemitteilung zu dem „Fall“ veröffentlichte, dass Lidl den Kunden seine eigene Preis-Dumping-Strategie als Qualitätsmerkmal verkaufen will. Zugleich inszeniert sich der Discounter als grün-faires Umwelt-Unternehmen.

Dabei ist gerade Lidl nicht nur durch die Überwachung seiner eigenen Mitarbeiter aufgefallen, sondern auch durch eine jahrelange aggressive Preispolitik, die auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt geht. Jetzt heißt der Werbeslogan: „Qualität, Fairness und Nachhaltigkeit haben für uns oberste Priorität.“ Dabei lockt Lidl mit Dumpingangeboten, die eng an den Herstellungskosten liegen. Bei Brot erkenne man zum Beispiel dessen Qualität laut Lidl „ ... an wertvollen Zutaten, einer knusprigen Kruste und am köstlichen Duft“. Die Backwaren des Discounters kommen, so die Selbstauskunft, „aus Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und den Niederlanden“. Die Filialen werden zum größten Teil mit tiefgefrorener Ware beliefert.

Slow Food fragte nun Lidl, ob es nachhaltig ist, wenn Brot, Brötchen und andere Backwaren aus aller Herren Länder angekarrt werden? Ist es Qualität, wenn tiefgefrorene Massenware aufgetaut und in den Ofen geschoben wird? Und was ist mit den Zusatzstoffen in Brot und Brötchen? Hat Qualität bei Backwaren nicht doch mit echter Frische zu tun, mit selbst angesetzten Teigen, die lange Geh- und Standzeiten haben? Bedeutet Qualität womöglich richtiges Backen und nicht nur Teiglinge im Ofen hochheizen?

„Die neue Kampagne von Lidl ist eine Diskriminierung guter, ehrlicher und sauberer Handwerksbetriebe, die tatsächlich Qualität liefern. Sie streut den Kunden Sand in die Augen und vernebelt den Qualitätsbegriff“, bilanziert Ursula Hudson, die Vorsitzende von Slow Food Deutschland. Qualität, so Hudson, habe auch mit den inneren Werten eines Produkts zu tun. Qualität erfordere eine faire Bezahlung aller Beteiligten und anspruchsvolle Sozial- und Umwelt-Standards. Slow Food Deutschland forderte Anfang März Lidl dazu auf, die Kampagne einzustellen und seine Sortiments- und Preispolitik von unabhängigen Sachverständigen auf tatsächliche Fairness, auf Nachhaltigkeit und Qualität überprüfen zu lassen.

Stefan Richter fand das gut. Doch sein Ärger über die Verdrehung des Qualitätsbegriffs und die Diskriminierung seiner Zunft war damit aber nicht besänftigt: „Bisher lief es doch so, dass vor allem Leute mit wenig Geld bei den Discountbäckern gekauft haben. Aber so wie Lidl argumentiert, scheint es ja generell von Vorteil zu sein, deren Billiggebäcke zu essen.“ Also beschloss er eine eigene Aktion mit der „Bewerbung“. Dafür erntete er viel Zuspruch und vor allem Aufmerksamkeit, sowohl von Kollegen als auch von Kunden. „Es kamen sogar von überregionalen Bäckern E-Mails, auch ganz private Nachrichten. Die Innung hat es selbst auch in den sozialen Netzwerken und in den eigenen Medien verbreitet“, resümiert er. Was ausblieb war eine Antwort von Lidl. Der Discounter gibt zwar weiter Geld für Anzeigen in der Tagespresse aus, hat aber seine Homepage geändert: Zum Beispiel wurde die Stelle mit der Aussage, dass Fachverkäuferinnen, die die Ware einpacken und über den Tresen reichen überflüssig seien, gestrichen. Richter hat selbst neben drei Gesellen auch einen Azubi, eine Putzkraft, einen gering beschäftigten Hausmeister und eine Fachverkäuferin angestellt. Es ist undenkbar, dass seine Bäckerei ohne dieses Fachpersonal überleben könnte.

Kunden halten die Treue

Und wie haben seine Kunden reagiert? „Die waren deutlich begeistert. Die Argumente von Lidl haben mich jedenfalls keine Kunden gekostet“, sagt Richter, befürchtet aber trotzdem eine Langzeitwirkung. Gerade deshalb will er gegensteuern und den Menschen weiter bewusst machen, was ein Handwerksbetrieb für sie leistet. Nach Umsatzeinbußen befragt, hat der agile 34-Jährige nur ein schmal wirkendes Lächeln übrig: „Es sind die gleichen Rückgänge, die das Handwerk seit Jahren treffen. Die Leute sparen am Alltag. Wir Bäcker müssen uns also weiter profilieren mit dem, was wir gut können und anspruchsvolle, sich sehr bewusst ernährende Kunden ansprechen!“

 

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