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Der Herr der "Narren"

Zum Programm der Prunksitzungen des Handwerker-Carneval-Vereins Weimar gehören neben Büttenreden, Prinzenpaar und Männerballett auch musikalische Einlagen mit Weimars legendärer Rockröhre Bernhard „Kani“ Kanhold, der einst in den Bands von Nina Hagen+Zur Fotostrecke
Zum Programm der Prunksitzungen des Handwerker-Carneval-Vereins Weimar gehören neben Büttenreden, Prinzenpaar und Männerballett auch musikalische Einlagen mit Weimars legendärer Rockröhre Bernhard „Kani“ Kanhold, der einst in den Bands von Nina Hagen

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5. Jahreszeit

Bäckermeister Bernd Rost ist seit dem 11.11.11 um 11 Uhr 11 heimlicher Chef von Weimar – als Präsident des Handwerker-Carneval-Vereins.

Das war denkbar knapp! Als mögliche Träger des „Faust-Ordens“, den der Handwerker-Carneval-Verein seit 2006 verleiht, hatte Präsident Bernd Rost für diese Saison unter anderem bei Schlagerbarde Heino, ein gelernter Bäcker, und Comedian Olaf Schubert aus Dresden angefragt – doch zum Glück haben sie aus Termingründen abgesagt. Denn Bäckermeister Rosts Ehefrau Heike wollte keinesfalls zwischen diesen beiden Gästen sitzen und ständig die Gefühle wechseln müssen. Für den „Fall der Fälle“ hatte sie ihrem „Narren“ bereits mit der Zwangseinweisung in die Irrenanstalt gedroht, die sie persönlich unterschrieben hätte.

Doch auch so können sich die jeweils bis zu 600 Gäste, die zu den Prunksitzungen am 11., 17. und 18. Februar 2012 in die neue Weimarhalle strömen werden, neben dem närrischen Treiben der Karnevalisten auf prominente Gäste freuen:

Mit Promis auf Du und Du

Ihr Kommen haben die Wildecker Herzbuben, Baumann und Clausen sowie Tom Pauls alias „Ilse Bähnert“ verbindlich zugesagt. Sie werden als Höhepunkte der mehr als dreistündigen Veranstaltungen auftreten und mit dem Faust-Orden ausgezeichnet.

Diese hohe närrische Ehre wurde in der Vergangenheit unter anderem Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, Olympiasieger Hartwig Gauder, Schauspieler Peter Sodann, Wolfgang Lippert sowie in diesem Jahr Gregor Gysi, den Randfichten und der aus Weimar stammenden Miss-Germany Anne-Kathrin Kosch zuteil.

Doch die närrische Saison hat für die 160 Mitglieder des Vereins, der vor über vier Jahrzehnten aus dem Handwerkerchor hervorgegangen war, längst begonnen. „Das Programm für die neue Saison muss bis spätestens Oktober stehen, danach beginnt bei zahlreichen Proben der Feinschliff“, erklärte der 47-jährige Rost, der dem Vereinsvorstand seit 1990 angehört und seit 2009 als Präsident „regiert“. Während dieser Zeit hatte der Sohn seinen Vater Roland Rost als Vizepräsidenten abgelöst und ist in Betrieb und Familie nach eigener Aussage „sowieso der Oberclown“, der jedoch in der Backstube eine „richtige“ Kopfbedeckung trägt.

„Die Narrenkappe ist aber sozusagen virtuell immer dabei“, lacht der Narr, der bereits am 11.11.11 um 11.11 Uhr einen unvergesslichen Höhepunkt seiner karnevalistischen Laufbahn erlebte: Gemeinsam mit dem aktuellen Stadtprinzenpaar Marcus III. und Rebecca I. sowie weiteren rund drei Dutzend Narren hat er zu diesem einmaligen närrischen Datum mit Musik, Büttenreden und Tanz das Weimarer Rathaus belagert und nach langwierigen Verhandlungen schließlich von Oberbürgermeister Stefan Wolf den symbolischen Rathausschlüssel erhalten. Bei dieser Gelegenheit wurden bereits einige Kostproben aus dem neuen Programm aufgeführt und anschließend die Übernahme der kommunalen Staatsgewalt im Vereinslokal gefeiert.

„Gerade in unserer Klassiker- und Kulturstadt sind die Erwartungen des Publikums auch an das Karnevalsprogramm sehr hoch, denn unsere 90 aktiven Mitstreiter in Elferrat, Männerballett und Prinzengarde sowie die Büttenredner und Musiker werden stets an der Hochkultur gemessen, die für uns Karnevalisten zugleich ein Fluch ist“, weiß Ober-Narr Rost. „Deshalb wollen wir den Besuchern stets niveauvolle Prunksitzungen bieten, in denen das Männerballett richtig tanzen kann und sich nicht ausziehen muss, damit der Saal auf den Tischen steht – denn wenn wir nichts Vernünftiges bieten, können das auch die Stargäste nicht mehr herausreißen.“ Seit vielen Jahren steuert Bernd Rost Büttenreden aus eigener Feder bei und war schon in die verschiedensten Rollen geschlüpft: Er strandete als Robinson auf einer einsamen Insel und traf auf eine Inselschönheit (Johanna Schmidt) oder trat mit ihr gemeinsam als Indiana Jones und Lara Croft auf. Dieses Mal gehört die junge Mutter jedoch nicht zu den Akteuren, woran der Bäckermeister jedoch „keinerlei Schuld“ habe – selbst wenn sein heimisches Schlafzimmer nicht nur hinter vorgehaltener Hand „Präsidenten-Suite“ genannt wird.

Auch deshalb wird Bernd Rost 2012 unter dem Motto „Nur die Frauen regieren die Welt“ unter anderem als Frauenversteher auftreten. Aber natürlich kommen auch die Dichter Goethe und Schiller zum Zuge und wollen dabei das Liszt-Jahr so richtig „durch den Kakao“ ziehen und aufzeigen, was sie als Klassiker aus solch einem Festjahr gemacht hätten, wofür Bernd Rost den Schlagern „Ein bisschen Frieden“, „Goethe war gut“ und „An der Nordseeküste“ zu neuen Texten verholfen hat.

Backen und texten

In Backstube, Wohnung und Auto liegen immer Zettel und Stift bereit, damit der Bäckermeister bei der Arbeit und in seiner Freizeit seine Ideen und Einfälle für das Programm und seine Büttenreden festhalten kann.

Doch neben den Proben und der Erstürmung des Rathauses standen im Herbst noch zwei andere wichtige Termine auf dem Kalender: Bei einem traditionellen Treffen in der Villa Haar dankten die Narren während des Weimarer Zwiebelmarktes – das größte Volksfest in Thüringen – ihren rund vier Dutzend Sponsoren mit Zwiebel- und Speckkuchen sowie ersten Einblicken ins neue Programm für deren Unterstützung, ohne die der fünfstellige Etat der Saison nicht zu stemmen wäre. Und am 26. November halten die Karnevalisten mit Dia-Shows und Videos eine vereinsinterne Rückschau auf ihre 4x11-jährige Vergangenheit, zu der rund 250 Gäste, darunter zahlreiche ehemalige Narren, eingeladen wurden. Dann wird einmal mehr das Vereinslied „Das schönste Fest in jedem Jahr“ vom inzwischen über 80-jährigen Ehren-Büttenredner und Mitglied im Handwerkerchor Weimar, Gerhard Steinhauf, erklingen.

Doch bei allem närrischen Treiben mit Proben, Auftritten im mdr-Fernsehen, den Prunksitzungen sowie Kinder- und Seniorenfasching kommt bei Bernd Rost der „Ernst des Lebens“ keineswegs zu kurz:

Obwohl auch der Verein inzwischen wie ein kleines Unternehmen solide und straff geführt werden muss, ist dessen Präsident im „Hauptberuf“ Bäckermeister: Bernd Rost führt den 1924 gegründeten kleinen, feinen und leistungsstarken Familienbetrieb im Zentrum der Klassikerstadt in dritter Generation, in dem insgesamt fünf Leute tätig sind – darunter auch Ehefrau Heike, eine gelernte Lebensmittelchemikerin! Allein dieser Fakt hat schon für so manchen Lacher gesorgt – auch ohne Narrenkappe.

 

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