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Das wird schon alles klappen

Täglicher Kraftakt: Ulrike Sailer-Keil hat zwei kleine Kinder und leitet den Verkauf in den Filialen des Familienbetriebs.+Zur Fotostrecke
Täglicher Kraftakt: Ulrike Sailer-Keil hat zwei kleine Kinder und leitet den Verkauf in den Filialen des Familienbetriebs.

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Arbeitspensum

Kleine Kinder, Arbeit, Ehepartner – wie schaffen Bäckerfamilien dieses Pensum? Das Protokoll eines "ganz normalen" Tages.

Von Ulrike Sailer-Keil

Es ist kurz nach 1 Uhr. Und ich kann den Gedanken nicht verhindern: Werde ich das heute alles schaffen? Thomas ist wach, er hat Hunger, kriegt sein Fläschchen. Weiterschlafen.

2 Uhr. Annika weint. Da ich schneller wach werde als mein Mann und auch schneller wieder einschlafe, haben wir vereinbart, dass ich nachts nach den Kindern sehe. Ich husche in Annikas Zimmer. Sie sagt, da seien Mäuse gewesen. Wo, frage ich. Da, sagt sie, da, und da auch. Sie zeigt nach oben.

3 Uhr. Alle Mäuse ausgeflogen. Der Kleinen fallen die Augen zu.

7.30 Uhr. Nach dem Frühstück bringe ich Annika in die Krippe. Für Thomas haben wir noch keinen Krippenplatz, dafür seit Kurzem eine Tagesmutter. Es kostet mich Überwindung, ihn in andere Hände zu geben, er ist sechs Monate alt. Aber es geht nicht anders.

8.10 Uhr. In der Bäckerei drängt wie immer die Zeit: Angebote schreiben, Personaleinsatzplanung machen, Arbeitszeiten-Check, Vergleich von Verkauf- und Umsatzzahlen aus den Filialen, Vor-Ort-Gespräche mit den Filialleiterinnen. Meine Mutter bringt mir einen Kaffee. Ich stelle mir vor, wie schwer es für sie und meine Schwester in der Zeit war, als ich nicht da war.

8.20 Uhr. Eine Verkäuferin meldet sich krank. Ich frage unsere Aushilfen an, wer aushelfen könnte. Der dritte Anruf ist erfolgreich. Ich ändere den Einsatzplan.

10 Uhr. Es läuft gut. Mein Blick fällt auf die Mappe mit den Ideen für unsere neue Warenpräsentation. Vielleicht bleibt nachher sogar ein bisschen Zeit für Kreativität. Ich sehe mir die Umsätze an, die wir über Amazon erwirtschaften. Nicht schlecht dafür, dass wir erst im Dezember begonnen haben, hier Backwaren zu verkaufen. Den Online-Vertrieb während des Weihnachtsgeschäfts aufzubauen, war hart – so kurz nach Thomas’ Geburt. Damals bin ich an meine Belastungsgrenze gestoßen. Drei Monate konnte ich nur wenig arbeiten.

10.40 Uhr. Anruf meines Vaters. Das verflixte E-Mail-Programm funktioniert wieder nicht richtig. Routine. Ich berichte ihm, dass unsere neuen Erdbeerspezialitäten nur so über die Theke wandern. Er erkundigt sich nach den Enkelkindern.

10.45 Uhr. Die Leiterin der Kinderkrippe ruft an. Annika hat Temperatur. Wahrscheinlich wieder nur ganz leicht erhöht wie neulich, denke ich, eigentlich kein Grund ... „Jaja, ich hole sie sofort ab.“

11.15 Uhr. Annika sitzt im Gruppenraum und strahlt mich an. „Könnte ja ansteckend sein“, sagt die Erzieherin.

12 Uhr. Zurück im Büro. Annika knabbert an einer Brezel und schaut auf meinen Bildschirm. Ich muss mich konzentrieren. In den Arbeitszeitdaten aus einer steckt ein Fehler. Die Abweichung, die die Software anzeigt, kann nicht stimmen.

12.15 Uhr. Enrico, mein Mann, meldet sich über Skype. Als Annika sein Gesicht auf dem Bildschirm sieht, streckt sie den Arm mit der Brezel aus. Er tut so, als würde er abbeißen und winkt. Es wird heute Abend später, sagt er. Er ist selbstständig, in der IT-Branche. Der Erfolg hat seinen Preis.

12.20 Uhr. Der Papa ist wieder weg, Annika heult. Ich sage ihr, dass ich jetzt arbeiten muss und wir nachher auf den Spielplatz gehen. Sie schreit. Kind und Geschäft – das beißt sich immer, je angespannter man ist, desto mehr schreit das Kind. Ich gebe Annika mein iPad. Erst mit einer Hand, dann mit beiden wischt sie Fotos übers Display, immer schneller. Sie lacht wieder.

12.30 Uhr. Ab nach Hause, Annika macht Mittagsschlaf, ich mache das Nötigste im Haushalt und esse nebenher.

14.10 Uhr. Wieder im Büro. Die Angebote sind ausgedruckt. Aber die To-do-Liste ist noch lang. Jetzt merke ich die unruhige Nacht. Der Entschluss, wieder ins Geschäft zu gehen, war richtig. Ich bin keine Hausfrau, die Arbeit in Bäckerei der Familie bedeutet mir viel und erfüllt mich. Ich wimmle einen Telefonvertreter ab.

15 Uhr. Termin in einer Filiale. Ich beobachte den Ablauf an der Theke und sehe mir die Warenpräsentation an. Die Filialleiterin meint, dass sich die Verkaufszahlen noch steigern lassen. Sie fragt, ob sie eine weitere in den Stoßzeiten haben könnte. Wir überlegen, wie wir eine "Neue" am besten einsetzen könnten. Annika hat keine Lust mehr.

16.15 Uhr. Wir holen Thomas bei der Tagesmutter ab. Ich weiß nicht, ob er sich in diesem Augenblick mehr freut oder ich. Er ist wie aufgedreht. Wir fahren zum Spielplatz. Annika will schaukeln. Während ich sie an schubse, kreischt Thomas vor Vergnügen. Es scheint fast, als wolle er uns anfeuern, Annika ich stimmen in seine "Rufe" ein. Die Entscheidung für war die beste Entscheidung überhaupt.

17.30 Uhr. Schnell noch was einkaufen. Das Handy klingelt, Enrico. Sein Abendtermin ist verschoben, er kommt wie immer nach Hause. Das wird knapp.

18.15 Uhr. Kinder wickeln, umziehen und Abendessen vorbereiten. Thomas und Annika sind unruhig, haben Hunger. Essenszeit für die Beiden.

19 Uhr. Der Papa kommt nach Hause, die Kinder sind mit einem Schlag wieder putzmunter. Jetzt gehört er ihnen. Unser Abendessen muss warten.

19.50 Uhr. Mein Mann schaltet noch einmal sein Notebook ein und arbeitet. Ich bringe die Kinder ins Bett. Danach ziehe ich mich in mein Home Office zurück. Es ist einiges liegen geblieben heute.

21.30 Uhr. Wir klappen unsere Rechner zu. Ich freue mich auf die Stunde auf dem Sofa und unser Abendessen. Wie ich mit meinem Arbeitspensum zurechtkomme, will Enrico wissen. Das wird schon alles klappen, antworte ich.

Die Autorin, Ulrike Sailer-Keil (30), leitet den Verkauf der Bäckerei Sailer in . Zum Betrieb gehören zehn Fachgeschäfte, 100 Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot. Die Sailers sind seit drei Generationen im Bäckerhandwerk tätig.

Thomas Kruse hat seinen Betrieb seit der Wende kontinuierlich aufgebaut.
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