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Das Glück schmeckt nach Vanille und Zitrone

Ralph Schäfer ist in seinem Element – in den Werbeglückskeksen, die er im bayerischen Bad Abbach herstellt. (Quelle: Unternehmen)+
Ralph Schäfer ist in seinem Element – in den Werbeglückskeksen, die er im bayerischen Bad Abbach herstellt. (Quelle: Unternehmen)

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Ralph Schäfer hat den Glückskeks neu erfunden. Das Besondere an seiner Variante: Sie ist ein Werbeträger, der mundet. Zehn Millionen Stück produziert der 59-Jährige davon pro Jahr.

Von Gerd Schild

Ein pappiges Wegwerfgeschenk im China-Restaurant, das kann doch nicht alles sein, dachte Ralph Schäfer – und schuf den Bavarian Lucky Keks. Ein Besuch in der größten Glückskeksfabrik Europas.

Ralph Schäfer (59) rückt seine rote Schlägermütze zurecht und überlegt nur kurz. „Unsere Glückskekse haben einen vanillig-zitronigen Abgang“, sagt er. Er steht neben einer Backstraße in einer kleinen Produktionshalle im Industriegebiet von Bad Abbach. In der Luft liegt ein süßlicher Geruch von erkaltetem Teig, , Zucker. Bad Abbach, eine kleine Stadt in Bayern, die Donau in Sichtweite – beheimatet die größte Glückskeksfabrik Europas.

Das Herzstück der Glückskeksproduktion ist eine kleine Backstraße. Hier laufen 204 kleine Pfannen durch die mit Gas beheizte Maschine. In den Pfannen werden die Kekse bei 145Grad Celcius zwei Minuten lang gebacken. Am Ende der Backstraße dann finden Keks und Botschaft zusammen.

Ein Keks ist zwei Millimeter

dick und sieben Gramm schwer

Die Zettel werden per Luftdruck angesaugt und mit dem Keks durch eine kleine Öffnung gedrückt. Mit etwa 75 Grad Celcius verlässt der fertige Keks die Maschine und wird in die jeweilige Werbefolie verpackt. Zwei Millimeter dick ist ein Keks, sieben Gramm schwer.

Schäfer bewirbt den Glückskeks, den viele als am Gaumen klebende Pappe aus frühkindlichen Besuchen im örtlichen China-Restaurant kennen. Trotz dieses Image-Problems glaubte der Unternehmer stets an den Erfolg: „Ich liefere keine Kekse an China-Restaurants.“

Schäfer spricht von

messbarer Werbung

Auf der Süßwarenmesse in Köln hat Schäfer den Glückskeks für sich entdeckt. „Ich habe ein Riesepotenzial gesehen“, sagt er heute. Die Verpackung biete eine große Werbefläche. Der Keks sei, richtig hergestellt, ein leckerer Snack. Aber vor allem der Zettel mit all seinen Möglichkeiten faszinierte den Werbeexperten. Denn während bei der verpönten Verwandtschaft nur mäßig geistreiche Sprüche enthalten sind, die mit dem oft nicht gegessenen Keks weggeworfen werden, kann der Zettel ein „messbares Werbemittel“ sein, wie es Schäfer nennt.

Unternehmen können Gutscheincodes auf die lebensmittelechten Zettel drucken lassen, Rabattaktionen, Links, Einladungen an einen Messestand und vieles mehr. Bei all diesen Varianten ist messbar - anders als bei einem Kugelschreiber oder anderen Give-aways – ob die Werbebotschaft tatsächlich den Kunden erreicht hat.

Ein Anfang mit

Supermodel Naomi Campbell

So richtig los ging es mit Naomi Campbell. Die warb in den neunziger Jahren für BHs von Triumph. Die Firma will mit dem Slogan „Be happy“ werben – und hatte eine Idee: Glückskekse. Schäfer bekam den Auftrag, er sollte 1,3 Millionen Glückskekse liefern. Zu dieser Zeit kümmerte er sich nur um Verpackung und Vertrieb, die Kekse kaufte er zu. Der Großauftrag zeigte dem Unternehmer: Da geht noch was. Schäfer kaufte in den USA eine Spezialmaschine. Und machte sich an den Geschmack des Kekses.

Das lange Tüfteln am

optimalen Geschmack

Mit einem Bäcker- und Konditormeister aus der Region tüftelte der Werbemann, immer wieder bekamen Freunde und Verwandte Probierstücke. Das Ziel war klar definiert und ist heute einer der Unternehmensslogans: Glückskekse, die schmecken. Zehn Millionen produziert Schäfer pro.

Der Weg zum Glückskeks war nicht vorgezeichnet. Ralph Schäfer verließ seine Heimat Bayern als er Mitte Zwanzig war. Er hatte gerade den Abschluss in Betriebswirtschaftslehre gemacht. Ein Schwerpunkt war Steuerrecht, doch es zog ihn in eine andere Richtung. Für eine große Baufirma ging er den Nahen Osten. Er baute Straßen und Wohnungen in Bagdad, machte Karriere.

Nach sieben Jahren auf Reisen zieht es Schäfer zurück in die Heimat. Er hat gut verdient, will sich etwas aufbauen. Er notiert drei Ideen: Wüstentrüffel, Süßigkeiten, Salz aus dem Toten Meer. Das sind seine Geschäftsideen. Der Import von Wüstentrüffeln scheitert, bevor das Geschäft richtig startet. Sie schmecken einfach nicht.

Sonderanfertigung mit

Platz für den Verlobungsring

Gramm schwere Sonderanfertigung bestellen – da passt dann etwa ein Verlobungsring rein.

Bei einer kleinen Probefahrt in seinem Mercedes Oldtimer mit Faltdach, Baujahr 1954, erzählt Schäfer von den Highways, die es in Bagdad schon in den 1980-er Jahren gab. Oder von seinem Diktiergerät, das er auch in den Whirlpool mitnimmt, um jederzeit Sprüche für die Glückskekse sammeln zu können.

Noch in diesem Jahr wird sich Schäfer aus dem Geschäft zurückziehen. Er wird bald 60 und will den Betrieb in die Hände seines Sohnes Raphael legen. Er selbst will einen Teil des Jahres auf Sardinien leben, sich Hobbys wie dem Motorradfahren und seinen Freunden widmen.

„Ich bin der

Telefonjoker“

Sein Sohn sei dann gut eingearbeitet. „Ein paar eigene Fehler solle er dann ruhig schon selbst machen“, sagt Schäfer und lacht. Er halte nichts davon, als Seniorchef durch den Betrieb zu trotten. Schäfer definiert seine Aufgabe etwas anders: „Ich bin der Telefonjoker für den Notfall.“

Die Frage nach dem Glück, die wird Schäfer oft gestellt: „Es kommt eben immer auf die Perspektive an“, sagt er. Schäfer hat nach dem frühen Tod seiner Frau die beiden Söhne alleine großgezogen. „Dass einer meiner Söhne den Betrieb übernimmt, das ist für mich ein wahnsinnsgroßes Glück.“

abz@matthaes.de


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