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Bäcker Bethke höchstpersönlich

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Auf Verkaufstour mit Bäckermeister Herbert Bethke: Die Fahrten über Land bringen zwei Drittel des Gesamtumsatzes. Vor allem ältere Kunden schätzen das Angebot inklusive des Kontakts

Von Herbert Schwittay

Herbert Bethke spendiert noch schnell einen Kaffee, gönnt sich selbst einen kräftigen Schluck aus der Cheftasse und macht einen (vorerst) letzten Zug an seiner Zigarette. Dann ist es Zeit zum Aufbruch. Es ist kurz vor elf am Vormittag, der Bäcker- und Konditormeister dreht den Zündschlüssel um, die Verkaufsfahrt über die Dörfer geht los.

Der 63-Jährige fährt jetzt sozusagen seine zweite Schicht. Seit 2 Uhr ist Bethke auf den Beinen, steht in der Backstube, knetet, formt und schiebt Brot und Brötchen in den Ofen. Zusammen mit Ehefrau Doris und Tochter Daniela führt er die Traditionsbäckerei Bethke im kleinen Altmarkort Iden im Norden von Sachsen-Anhalt.

Eine Stunde vor Abfahrt haben Vater und Tochter den komplett bestückt: 20 Mischbrote (je ein Kilogramm), acht Exemplare von doppelter Größe, zehn Weißbrote, acht Körnervarianten, sechs Roggenbrote, ein Dinkel und ein Kürbiskernbrot. Das alles wird heute an die Kunden geliefert. Weiterhin liegen 250 Brötchen in den Verkaufskörben. Die meisten davon als echte Ostbrötchen, „die bei uns mit Hefestück ohne Backmittel unverkennbar gut schmecken und immer noch sehr beliebt sind“.

Wenige Vorbestellungen

Während Mutter Doris die letzten Vorbereitungen in der Küche trifft, stellt Tochter Daniela die Blechkuchen zusammen. Heute sind das Pflaume, Kirsche, Quark, Zucker und Mohn. Schon fertig portioniert und in Augenhöhe für die Kunden im Wagen präsentiert. Verschiedene „Kleinteile“, aber auch einige Sahnestücke gehen mit auf die etwa 30 Kilometer lange Reise.

Da der Verkaufswagen keine Kühlung besitzt, kommen bei hohen Außentemperaturen einige Produkte in eine Kühlbox mit Eis. „Bei uns wird garantiert nichts schlecht“, verspricht Bethke. Einen Verkaufswert von etwa 350 Euro haben die Backwaren. Zudem gibt es ein kleines Angebot verschiedener Mischwaren. Nur selten gibt es Vorbestellungen. „Meine Kunden wissen, wann ich zu ihnen komme und richten sich darauf ein.“

Fünf Tage in der Woche ist der Bäckermeister „on tour“. Stets nach der Produktion. Dienstags mit einem mittleren „Rundkurs“ zu vier Orten, am Mittwoch ein Kurzprogramm in zwei Gemeinden. Donnerstag und Freitag wird ein „normales“ Programm abgefahren. Zum Wochenende laufen am Samstag die Räder noch einmal richtig heiß. Um 8.30 Uhr wird vom Hof gefahren, die Rückkehr sieben Stunden später. „Dann kommt fast doppelt so viel in den Wagen wie heute.“

Nach wenigen Minuten Fahrzeit legt Bethle den ersten Stopp ein. Er drückt die Hupe, steigt aus, klingelt an einer Haustür und ruft „der Bäcker ist da“ in den Hausflur. „Heute brauche ich nichts“, erschallt der „Rückruf“. Dann biegt doch noch jemand um die Hausecke. Mandy Kießmehl möchte ein Brot „Weil es bei ihm einfach so gut schmeckt“, sagt sie. Mobil sei sie schon und könnte woanders einkaufen. „Aber hier sind die Backwaren einfach besser als beim Discounter.“

Wer es nicht weiß, der hat den Eindruck, Herbert Bethke besitzt für viele Wohnungen einen Hausschlüssel. In einem Friseursalon braucht er gar nicht erst zu fragen, „hier verkaufe ich meistens ein Brot und Zuckerkuchen“. Den Schritt vor die Tür kann sich die Chefin des Ladens sparen, denn der Bethke-Service reicht bis an den Friseursessel, wo sich gerade eine Kundin eine wellige Haarpracht machen lässt. Rasch bezahlen, ein Scherz und eine herzliche Umarmung zum Abschied und weiter geht’s.

Beim nächsten Halt ist einer Kundin ein halbes Brot einfach zu viel. Bekommt sie ein Stück zu einem Euro? Selbstverständlich. Im Schnitt kauft jeder Kunde für 3 bis 6 Euro ein. Unter dem Strich fährt Bethke mit dem Verkaufswagen gut zwei Drittel vom Gesamtumsatz ein. Der liegt in der Bäckerei im Jahr bei etwa 120.000 Euro.

Die überwiegende Mehrheit seiner Kunden auf der gehört zur Generation 60 plus. „Das wird unserem Handwerk für die Zukunft Probleme bringen“, meint Bethke. Es gibt wenige junge Leute. „Wenn die ältere Generation stirbt, sterben auch die Ortschaften.“

Inzwischen steuert Herbert Bethke die 23. Haltestation an. Niemand ist zu sehen. Herbert Bethke verschwindet in einem Hauseingang und kommt Arm in Arm mit Gertrud Nestler zurück. „Das ist nicht nur ein Bäcker, das ist auch ein sehr lieber Mann. Mein Bäckerlein“, sagt die 94-jährige Stammkundin. Ein halbes Sechskornbrot, vier Brötchen, zwei Mehrkorn, ein Viertel Obsttorte, etwas Butter und Milch wandern in ihren Einkaufskorb. Herbert Bethke bringt die Seniorin zurück - Arm in Arm.

Wie viele andere Kunden hat auch Gertrud Nestler dem Bäcker ihre Geldbörse zum Bezahlen übergeben. Der rechnet, zählt das Geld ab und entnimmt den Betrag. Bethke schmunzelt: „Das ist unser Landleben. Vertrauen gegen Qualität.“ Verstärkt ist bei der Kundschaft auch ein Umweltbewusstsein erkennbar. „Sie bringen fast immer ihre Beutel oder Tragetaschen aus Stoff mit. Plastik wird bei uns sehr wenig eingesetzt.“

Neuigkeiten aus dem Dorf

Nach etwa zwei Stunden, so etwa zur Halbzeit, wird der Motor für einige Minuten ausgestellt. Zigarettenpause. Bei Erna. Dort gibt es die neuesten Nachrichten aus dem Dorf. Sie hat zwei Gehhilfen, will sich aber beim Tragen von Brot und Brötchen nicht helfen lassen. „Die paar Dinge schaffe ich schon noch“, winkt sie ab.

Mittlerweile ziehen am Horizont dicke schwarze Wolken auf, die Sonne verschwindet. „Da wird wohl gleich was runterkommen. Dann wollen wir mal lieber weiter.“ Der Himmel öffnet seine Schleusen. Der Bäcker- und Konditormeister muss raus in den Platzregen. Bethke beugt sich weit in den Wagen hinein, um aus der hintersten Ecke die gewünschten Backwaren einzutüten. Tür zu und schnell ins Haus zum Kunden. Nach einer Minute wieder zurück, noch einmal Tür auf. „Da fehlte noch was.“

Gegen halb vier am Nachmittag rollt der Verkaufswagen auf den heimischen Hof. „Ich bringe nur selten etwas in den Körben wieder zurück.“ Dann erst einmal unter die Dusche, kleinere Vorbereitungen für den nächsten Arbeitstag treffen und ab 19 Uhr die Beine hoch auf der Couch. Gut zwei Stunden später kommt der „Befehl“ von Ehefrau Doris: „Ab ins Bett.“ Denn in knapp fünf Stunden klingelt wieder der Wecker.


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