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Aus Konkurrenten werden Freunde

Seit 50 Jahren messen sich die Bäcker. Immer am Jahresende wird der beste Kegler von ihnen geehrt. (Quelle: Schild)+
Seit 50 Jahren messen sich die Bäcker. Immer am Jahresende wird der beste Kegler von ihnen geehrt. (Quelle: Schild)

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Deister-Luffen beginnen mit dem Kegeln, weil sie den Austausch mit Kollegen suchen. Ihre Freundschaft besteht seit Langem und ist eine Stütze auch im Alter

Von Gerd Schild

Ein regnerischer Mittwoch in Wennigsen am Deister. Ein Dutzend älterer Männer nimmt den Hintereingang der Gaststätte Möllerburg. Sie gehen vorbei an den Toilettenräumen, am Klubraum und der Küche, hinein in den mit Holz vertäfelten Raum. Das machen sie so seit Jahrzehnten, die kegelnden Bäcker der Deister-Luffen.

Alles beginnt mit einer Idee eines Bäckermeisters aus Gehrden. Willi Pook hat den Vorsitz des Bezirks Deister der Bäckerinnung Hannover übernommen. 54 Bäckereien zählen damals zum Bezirk, bei vielen steht ein Generationenwechsel an. Der junge Bäckermeister sucht eine Möglichkeit, zu den Kollegen eine Vertrauensbasis aufzubauen. „Wie kriegst du die Kollegen an einen Tisch“, fragt sich Pook. Die Antwort: durchs Kegeln.

Humor gehört dazu

Bäckermeister und Hobbykegler Kurt Fichtner hilft bei der Umsetzung. Zum ersten Kegeln im Frühjahr 1965 kommen insgesamt zehn Bäcker. Der Name der Kegeltruppe ist schnell gefunden. Luffen, so heißen die Bäcker im Plattdeutschen. Und da sie alle vom Deister kommen, sind sie eben die Deister-Luffen.

Der Anfang ist noch kein großer Sport. „Es wurden viele Pumpen geworfen“, sagt Pook heute mit Blick auf die ersten Treffen und lacht. Später dann läuft es besser. Die Deister-Luffen gewinnen auch Pokale gegen andere Bäckerkegelrunden – davon gab es früher alleine im Raum Hannover einige. Der Sport, die Treffen, die Fahrten – das schweißt die Menschen zusammen, die doch nach anderer Lesart auch Wettbewerber sind. „Aus Konkurrenten wurden Kollegen“, so beschreibt Pook die Entwicklung seiner Idee. Die Deister-Luffen sind seit mehr als 30 Jahren aktiv. Gekegelt wird immer am Nachmittag – das ist seit dem ersten Treffen so, das hat sich in 50 Jahren nicht geändert. Heute steht auch mal eine Apfelschorle auf den roten Bierdeckeln im Kegelraum. Das rituelle Rundentrinken leidet nicht darunter. „Heute streiten wir uns, wer eine Runde ausgeben darf“, sagt Willi Pook. Der Kegelvater Camprad, der dieses Amt vor einigen Jahren von Pook übernommen hat, sagt dann an, wer die Runde gegeben hat. Es folgt ein dreifaches „Gut Holz“ und ein Dank an den ausgebenden Kegelbruder.

Ohne Humor bleibt man nicht lange Kegler. Immer mal wieder fällt ein Spruch, über die Kegelkunst, die Getränkebestellungen. Derb wird es aber nicht. Etwa zur Kegelhalbzeit an diesem Mittwoch bringt die Wirtin das Essen. Das macht sie seit dem ersten Tag der Deister-Luffen in der Möllerburg – seit dem Frühjahr 1978. Currywurst mit Pommes, Strammer Max, Toast Hawaii – das Essen ist so bodenständig wie die Einrichtung.

Alfred Lüerßen ist seit 1969 Schriftführer der Deister-Luffen. Er notiert in akkurater Handschrift die Kegelergebnisse. Denn, bei aller Freund- und Kameradschaft haben die Männer natürlich auch einen Blick auf die Ergebnisse, die auf den beiden Anzeigetafeln über den Bahnen zu sehen sind.

Bei den Deister-Luffen treten immer zwei Männer auf die mit Glastüren abgetrennte Kegelbahn. Zehn Würfe für jeden mit den grünen und roten Kugeln, dann wird die Bahn getauscht. Und dann ist das nächste Paar dran. Die anderen sitzen am langen Tisch, klönen, schauen aber auch mal rüber zur Bahn und verfolgen, wie viele der neun Kegel die Kollegen denn abgeräumt haben. Für jedes Kegeltreffen werden Punkte vergeben – am Jahresende wird dann der beste Kegler geehrt.

Die zwölf Männer der Deister-Luffen sind alle über 70. Willi Pook, inzwischen 87 Jahre alt, ist als Gründungsmitglied immer noch dabei. Pook hat gerade seine Lebenserinnerungen in einem schönen Buch zusammengetragen. Die Kegelrunden und auch die Fahrten mit den Freunden nehmen dabei einen großen Teil ein. Pook glaubt, dass gerade der Austausch den Bäckern heute manchmal fehlt. Gerade das Ungezwungene, der Plausch zwischen zwei Kegelrunden, das kriege man so eben beim Innungstreffen nicht hin. „Das Geschäft ist ja nicht leichter geworden“, sagt Fritz Camprad, der seine Bäckerei in Ronneberg längst an den Sohn weitergegeben hat. Die Ansprüche der Kunde seien gestiegen, das Sortiment muss größer sein, und Discounter beliefern den Markt mit „1000-Kilometer-Brötchen“, wie sie bei Camprads heißen. Backwaren also, die einen langen Weg hinter sich haben.

Die Gesprächsthemen ändern sich

Das Diskutieren rund ums Backen, das gehört immer mit dazu. In der Präambel der Satzung der Deister-Luffen ist bis heute festgeschrieben, dass neben Kegeln, Geselligkeit und Freundschaft auch der Austausch unter den Kollegen gepflegt werden soll. „Heute backen wir weniger“, sagt Camprad. Mit diesem Backen, damit meint er die Gespräche rund ums Bäckerhandwerk. Aus den kegelnden Bäckern von einst sind längst Kegler geworden, die mal als Bäcker gearbeitet haben. Fritz Camprads Bäckerei ist die einzige, die heute noch in Familienhand ist. So entsteht natürlich auch Abstand zum Beruf.

Die Themen sind heute andere. Über die Jahre hat das Kegeln aus den Kollegen Freunde gemacht. Die Frauen der Bäcker gründeten ihren eigenen Verein – die „Süßen Schnecken“. Gekegelt wird getrennt, das war wohl beiden Gruppen wichtig. Aber die Ausflüge, die machen sie seit vielen Jahren gemeinsam. Im Frühjahr erst gab es die Jubiläumsfahrt nach Bad Zwischenahn, aber auch nach Amsterdam hat es die Truppe schon geführt.

Der jüngste Deister-Luffe ist 73. Nachwuchs-Kegler wird es für die Truppe nicht mehr geben. „Die Themen sind bei jungen Menschen ja doch andere“, sagt Camprad. Pook beschreibt es in einer kleinen Festschrift zum 50-jährigen Bestehen wie folgt: „Und so sind wir dazu aufgefordert, alle bis zum Schluss durchzuhalten.“ Was als Austausch unter Konkurrenten begann, wurde zum Spaß unter Kollegen, immer auch mit den Gesprächen über das Bäckerhandwerk. Heute ist es, wie es Gründervater Willi Pook nennt: „Eine große Stütze im Alter sind ein Leben lang gepflegte Freundschaften.“

 

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