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Auf Augenhöhe

Begeistert von ihrem Ausbildungsbetrieb: Kerar Al-Hakim und Katrin Knopp neben Geschäftsgründer Antonius Beumer.+Zur Fotostrecke
Begeistert von ihrem Ausbildungsbetrieb: Kerar Al-Hakim und Katrin Knopp neben Geschäftsgründer Antonius Beumer.

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Nominiert für den BakerMaker-Award: die Bäckerei „Beumer & Lutum“. Ihr Nachwuchs kommt aus aller Welt.

Immer das gleiche Wort. Auf drei Metern. Mal in weißen, mal in roten Lettern. Die Aufschrift auf der Markise über dem Laden sagt schon fast alles. Ekmek, Kenyér, Leipä, Chleb steht da. Brot. Noch in mehr als einem halben Dutzend anderer Sprachen ist das zu lesen. Und gleich daneben, über dem Bistro reihen sich bunt Kahvi, Kahve und die anderen Übersetzungen für „Kaffee“. „Wir sind ein weltoffener Betrieb“, sagt Antonius Beumer lakonisch. Weltoffen. Um ganz zu verstehen, wie Beumer das meint, muss man mit jungen Menschen sprechen, die bei ihm den Weg ins Berufsleben gefunden haben.

Berlin, Bezirk Kreuzberg. Vor 20 Jahren übernehmen er und an der Curvystraße einen kleinen Betrieb. Es ist die Zeit, in der sich der Stadtteil, zu verändern beginnt. Berlins sozialer Brennpunkt , in dem ein Drittel der Anwohner einen Migrationshintergrund hat, wandelt sich ganz langsam zum In-Viertel. Manche Familien in Kreuzberg schaffen den sozialen Aufstieg, junge Akademiker und Leute mit Geld drängen in den Stadtteil. Geschäfte blühen auf, Geschäfte, die das Lebensgefühl dieser Klientel ansprechen. Nirgends in Berlin gibt es heute so viele Bioläden wie hier, sagen Anwohner. Fragt man nach einer Biobäckerei hört man als Antwort immer wieder den Namen „Beumer & Lutum“.

„Dass wir mal 15 Auszubildende haben, hätte ich mir nicht träumen lassen – so klein, wie wir angefangen haben“, sagt Antonius Beumer. Er ist Ende 50, eine drahtige Erscheinung, jemand, der sich kaum anmerken lässt, wie sehr er sich freuen kann. Darüber, dass es gelungen ist, das „nachhaltige Unternehmenskonzept“ so weit zu entwickeln; und dass dies weitergeht. „Das ist ein offener Prozess“, sagt er und grinst kurz. Vier Geschäfte haben er und Christa Lutum inzwischen, 100 Menschen sind beschäftigt. Brot und Brötchen werden nicht mehr in der winzigen Backstube an der Curvystraße gebacken, sondern in einem modernen Betrieb im Nachbarbezirk Neukölln. Alles, was die Bäckerei produziert ist zu hundert Prozent biologisch, ohne künstliche Backmittel, ohne Vormischungen.

Kreuzberg, – wie übersetzt der Betrieb dies im Ausbildungsalltag? Aus eigener Erfahrung beschreiben kann es zum Beispiel Kerar Al-Hakim. Er ist 14, als er aus dem Irak nach Berlin kommt, spricht er nur ein paar Brocken Deutsch. Mit 17 bewirbt er sich bei Beumer und Lutum um eine Lehrstelle, die Adresse hat er vom Arbeitsamt. Zum Vorstellungstermin kommt er zu spät, die Chefin ist schon weg. Lutum gibt ihm eine zweite Chance, lässt ihn zur Probe arbeiten. Er wird Bäcker und übernimmt mit der Zeit mehr und mehr Verantwortung.

Diesen Sommer hat der 29-Jährige die Meisterprüfung abgelegt. „Die ersten Monate waren hart“, erinnert er sich an den Einstieg ins Bäckerleben. Geschafft habe er es nur, weil er viel Unterstützung in der Firma erfahren habe. „Anfangs hat Frau Lutum mit mir oft in der Backstube gearbeitet. Sie nimmt es sehr genau, ist aber auch geduldig“, erzählt er. Kerar Al-Hakim will im Betrieb bleiben. Was ihn besonders motiviert, ist die „ökologische Ausrichtung“. „Das hat Zukunft, unser Betrieb wird weiter wachsen.“

So sieht das auch Katrin Knopp. Sie ist ein anderes Beispiel dafür, wie offen Beumer und Lutum für junge Menschen sind, die nicht das Klischee des begeisterten Bäckers erfüllen. Knopp studiert nach dem Abitur zuerst Theologie und Germanistik. Nach ein paar Semestern verbringt sie ein Jahr in Usbekistan und vermisst dort, wie sie sagt, vor allem eines: deutsches Brot. Zurück zu Hause schließt sie nach eineinhalb Jahren in dem Kreuzberger Betrieb die Lehre zur Bäckerin ab – als Jahrgangsbeste der Stadt. Heute arbeitet sie als Assistentin der Geschäftsführung. Der Job in der „Multikulti-Bäckerei“ macht ihr „richtig Spaß“, zum Unternehmenskonzept steht sie voll und ganz. „Ökologische Lebensmittel und Genuss, das ist kein Widerspruch. Bei uns gibt es auch den Frankfurter Kranz oder die Sahnetorte, aber alles eben nur in Bioqualität“, betont sie.

Abiturienten, Hauptschüler, junge Menschen, die die Schule oder eine abgebrochen haben, junge Menschen mit Migrationshintergrund – bei Beumer und Lutum kreuzen sich die unterschiedlichsten Lebenswege. Wichtiger als jedes Zeugnis und jeder Pass sei, dass die Jugendlichen „wirklich interessiert am Handwerk sind“, sagt Antonius Beumer. Beim Probearbeiten zeige sich schnell, ob einer „offene Augen in der Backstube hat“. Die Abbrecherquote gibt ihm Recht. Seit Langem hat kein Lehrling aufgegeben. Das liegt auch am Führungsstil, der im Unternehmen gepflegt wird. „Entscheidend ist es, sich auf Augenhöhe zu begegnen“, betont Beumer. Regelmäßig finden Personalgespräche statt, ab und an kommt eine Personaltrainerin und schult Mitarbeiter, die ausbilden. „Wir legen hier Wert auf gefestigte Leute mit Horizont.“ Auch der Berufsnachwuchs wird über das Fachliche hinaus geschult.

Lehrlinge für die Bäckerei und Konditorei zu finden, fällt Beumer und seiner Geschäftspartnerin leicht. „Die Stellen haben wir dieses Jahr wieder schnell besetzt“. Nicht so die im Verkauf. „In Berlin sind 70 bis 80 Prozent aller Verkaufsstellen für Lebensmittel Billig-Verkaufsstellen“ berichtet Beumer. Verkäuferinnen hätten dort keine Perspektive, das Image des Berufs leide unter dieser systemischen Entwicklung. Vor allem was die Bezahlung im Verkauf angeht, „sollten wir Bäcker uns bewegen“, sagt er. Die Bäckerei „Beumer & Lutum“ bewegt sich – mit der „gleichen Selbstverständlichkeit“, mit der sie sich jungen Menschen aus aller Welt als Ausbildungsbetrieb öffnet.


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Betriebsinhaberin
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