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Arbeitsloser Bäcker hilft in Vesper-Kirche

Bäckermeister Werner Mayr +
Bäckermeister Werner Mayr

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In Meister Werner Mayrs Jobsuche spiegelt sich schwierige Lage der Branche wider

Göppingen (p). „Ich brauche eine sinnvolle Beschäftigung und Umgang mit anderen“, begründet Werner Mayr sein ehrenamtliches Engagement in der Stuttgarter Vesperkirche. Seit Mitte Dezember hilft der arbeitslose Göppinger dort, bei Firmen schweres Küchengerät abzuholen und im Gemeindehaus der Stuttgarter Brennpunkt-Pfarrei zu installieren. Ab 16. Januar werden in der Kirche wieder bis zu 1000 Mahlzeiten täglich für Arme zubereitet.

Der Kontakt zur Stuttgarter Vesperkirche rührt von Mayrs Zeit als Bäckermeister in der Landeshauptstadt her. Der Liebe wegen war der geschiedene Vater einer 14-jährigen Tochter, die bei der Mutter lebt, nach Göppingen gezogen – und hatte den Job gewechselt. Die Bäckerei im Filstal, bei der der 40-Jährige im Februar 2004 begonnen hatte, überwies nur den ersten Lohn pünktlich. Wegen Liquiditätsproblemen zahlte der Arbeitgeber immer nur verzögert und in Raten. „Mit meiner Hausbank bekam ich Probleme wegen des überzogenen Kontos und dann mit dem Jugendamt wegen ausbleibender Unterhaltszahlungen“, gibt Mayr Einblick in die Mechanismen der Armutsspirale. Die Folge: Die Führungskraft orientierte sich neu und fand im September im Raum Pforzheim eine neue Stelle als Produktionsleiter. Doch bereits drei Wochen später musste der 80-Mann-Betrieb Insolvenz anmelden und Mayr erhielt die Kündigung auf Mitte November.

Und wieder war der „Bäcker aus Leidenschaft“, wie Mayr sich sieht, auf Jobsuche. Mittlerweile hat er die Branchenfernsprechbücher von 15 Landkreisen gewälzt, rund 120 Bäckereien im Umkreis von gut 100 Kilometern mit mindestens zwei Filialen abtelefoniert, 30 schriftliche Bewerbungen verschickt, dreimal unentgeltlich teils bis zu drei Tage zur Probe gearbeitet und sechs Vorstellungsgespräche geführt. Außerdem recherchiert Mayr zweimal wöchentlich freie Stellen in der Bundesagentur für Arbeit und wertet Lokalzeitungen aus. Knapp 20 Stunden investiert der 40-Jährige pro Woche in seine Jobsuche.

Seine Erfahrung: Manche Arbeitgeber versuchen die aktuelle Notlage auszunutzen. Mit seinen 25 Jahren Berufserfahrung und Meisterqualifikation liegt seine Schmerzgrenze bei 14 Euro brutto je Stunde bei 75 Kilometern Wohnortentfernung, sonst könne er seine Verbindlichkeiten nicht bedienen. Geboten wurden Mayr aber auch schon einmal zehn oder sogar nur acht Euro. Mayr: „Die suchen einen Bäcker mit Berufserfahrung, bezahlen für einen Gehilfen und argumentieren, man solle froh sein, überhaupt Arbeit zu finden.“ In gewisser Weise versteht Mayr die Arbeitgeber, die seit Jahren einem steigenden Konkurrenz- und Preisdruck ausgesetzt sind und deren Hausbanken gleichfalls immer knausriger in der Kreditgewährung werden. Rationalisierung und Filialisierung fielen eben vermehrt auch Meisterstellen zum Opfer. Umso mehr wünscht er sich Arbeitgeber, die mit offenen Karten spielen. „Wenn ich einem mit 14 Euro eh zu teuer bin, dann braucht er mich nicht 100 Kilometer zum Vorstellungsgespräch anreisen lassen“, ärgert er sich über vereinzelte Unarten.

Mayr erlebt auch viel Positives: Etliche mögliche Arbeitgeber seien von seinem Engagement beeindruckt und bedauerten, aktuell niemanden zu brauchen. Er solle sich aber wieder melden. Rund 20 solcher Aussagen nähren die Zuversicht des Bäckermeisters, schon bald wieder berufstätig zu sein.

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