Blickpunkte

Vom Salz in der Suppe und vom Salz im Brot

Gesunde Ernährung lässt sich nicht per Gesetz verordnen und mündigen Bürgern sollte man nicht den Appetit auf gesundes Brot verderben


Von Werner Kräling

In Brüssel sorgen sich die EU-Parlamentarier und Kommissionäre um die Gesundheit der Europäer, in Berlin sorgt sich der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks um die Vielfalt der Brotkultur in Deutschland: Der Zankapfel besteht aus winzig kleinen weißen Körnchen, die bei vielen Lebensmitteln aber das Salz in der Suppe sind: Und genau das Salz ist es tatsächlich, das die Gemüter erhitzt und ganz nebenbei für Beschäftigung sorgt. Man mag es kaum glauben, dass die EU-Politiker nichts besseres zu tun haben, als der aberwitzigen Idee nachzueifern, den Europäern Gesundheit mit Rezeptvorschriften per Gesetz verschreiben zu wollen. Jetzt ist der zuständige Ausschuss von der Ampelkennzeichnung und den Nährwertprofilen abgerückt. Und das ist gut so, denn zwischen dem Salz in der Suppe und dem Salz im Brot besteht ein gravierender Unterschied: Während sich der mündige Genießer nach eigenem Belieben die Suppe am Tisch noch nachsalzen kann, hat der Brotliebhaber keine Chance, dem Diktat der Brüssler „Geschmackspolizei“ zu entkommen. Ein Brot mit guter Butter und Konfitüre bestrichen, lässt sich nicht mit einer Prise Salz garnieren. Die Müslimacher bekämen einen gesetzlich verordneten Wettbewerbsvorteil im Kampf um die Frühstückstische. – Apropos „Geschmackspolizei“: Den Brüsseler EU-Politikern wurde vom Zentralverband jüngst eine Kostprobe mit Broten zuteil, anhand derer die Bürokraten sich unmittelbar ein Bild darüber machen konnten, wie denn ein Brot mit nur 1,3 Prozent Salz im Vergleich zu einem mit traditionellem Salzgehalt gebacken schmeckt. Probieren geht eben über studieren!

Das geschah rechtzeitig vor der entscheidenden Abstimmung des EU-Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit, so dass der fade Geschmack sicher nicht seine Wirkung verfehlt hat.

Und auch die Pressekonferenz am 22. März in Berlin zeigte Wirkung: Am 23. März titelten die Stuttgarter Nachrichten: „Schwäbisches Laugengebäck darf weiter gesalzen werden“ – besser hätte der Redakteur die schwäbische Seele nicht von den Folgen und der Unsinnigkeit der Brüsseler Vorhaben überzeugen können! Was wären die Schwaben ohne ihre geliebte Brezel, die ihren Siegeszug längst in ganz Deutschland angetreten hat!

Die regionale Vielfalt der Deutschen Brotkultur lebt von der freien Gestaltung der Rezepte und es sollte schlicht jedem mündigem Verbraucher selbst überlassen bleiben, wie er seine gesunde Ernährung gestaltet. – Denn ganz so dumm sind die gar nicht.


Artikel vom 24.03.2010
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