Blickpunkte

Sinn einer großen Innungseinheit

Johannes Schultheiß, Obermeister der fusionierten Bäckerinnung Alb-Neckar-Fils, zur häufiger auftretenden Kritik an Großinnungen


Große Innungen, hier am Beispiel der Bäckerinnung Alb-Neckar-Fils mit 212 Innungsbetrieben über fünf Landkreise und drei Kammerbezirke hinweg, stehen bisweilen bei einzelnen Mitgliedern unter Generalverdacht, sich von der Basis der Mitglieder zu entfernen und die Wünsche der Betriebe nicht ausreichend zu berücksichtigen.

Das Wichtigste zuerst: Als Bäckerinnung, das gleiche gilt auch für den Landesinnungsverband, sind wir für alle unsere Mitgliedsbetriebe da. Jedes Innungsmitglied, unabhängig von seiner Betriebsgröße, kann, darf und soll sich aktiv mit Lob oder auch Tadel an die Innung wenden. Dabei kann uns konstruktive Kritik dem gemeinsamen Ziel einer starken Innung nur näher bringen. Unsere Mitglieder können sich jederzeit per E-Mail und Fax an uns wenden. Telefonisch erreichen sie uns von 7:30 Uhr morgens durchgehend bis mindestens 17:00 Uhr abends, meist sogar noch länger.

Unsere Mitglieder haben die Möglichkeit, bei ca. 30 dezentralen öffentlichen Veranstaltungen mit rund 800 Teilnehmer/innen im Jahr Obermeister, Vertreter des Vorstandes oder den Geschäftsführer persönlich anzusprechen. Von denen, die anwesend sind, wird das auch gerne in Anspruch genommen. Diese können sicherlich bestätigen, dass wir ihre Anliegen und Probleme ernst nehmen und uns darum kümmern. Selbstverständlich können wir bei Problemlösungen aus unterschiedlichen Gründen nicht immer erfolgreich sein. Auch wir können keine Gesetze umgehen, keine wirtschaftlichen Mechanismen außer Kraft setzen und nicht jeden Kampf mit der Bürokratie gewinnen. Teilnehmen, engagieren, mitarbeiten und mitgestalten dürfen unsere Mitglieder – je mehr, desto besser. Unsere Seminare und Imagekampagnen sind gerade auch für kleinere und mittlere Betriebe interessant, die nicht den zeitlichen oder finanziellen Hintergrund haben, sich diese selbst anzueignen oder eine Agentur zu beauftragen.

Die relativ niedrige Beteiligung an Mitgliederversammlungen mit ca. 25 Prozent der Mitgliedsbetriebe ist nicht befriedigend, aber mit Sicherheit kein Problem der Innungsgröße oder der Entfernung zum Veranstaltungsort, sonst müssten ja kleine regionale Innungen Quoten erreichen, die deutlich höher sind. Auch sehr gute Referenten wie FIFA Schiedsrichter Dr. Markus Merk können die Teilnehmerzahl nicht wesentlich steigern. Gleichzeitig haben die Teilnehmer einer interessanten und guten Innungsversammlung immer einen Informationsvorsprung, den sie auch betriebsspezifisch umsetzen können.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: „Wie kann sich eine Berufsorganisation, die seit Jahrhunderten besteht, in einer globalisierten, sich stetig verändernden Welt positionieren?“ Das hinzubekommen ist unsere große Herausforderung. Viel unserer Kollegen stehen unweigerlich in einer Konkurrenzsituation zueinander. Die Zahl der „Einzelkämpfer“ steigt. Sie haben an die Innung ganz andere Ansprüche. Ein gemeinsames Innungsleben und der Erfahrungsaustausch mit dem Kollegen am Ort lassen nach. Dieser Austausch findet heute oft mit Kollegen außerhalb des eigenen Reviers statt, z. B. in Erfa-Kreisen.

Der Grad der Zufriedenheit des Mitgliedsbetriebes zeigt sich nicht nur an der Teilnahme bei Veranstaltungen, sondern vielmehr in der Inanspruchnahme der vielen Dienstleistungen, die u. a. die Bäckerinnung an den Landesinnungsverband delegiert hat. Hier entscheidet sich bei vielen, ob sich eine Innungsmitgliedschaft lohnt. Dazu gehören: Juristische Beratung und Vertretung vor dem Arbeitsgericht, betriebswirtschaftliche Beratungen bis hin zu Gesprächen mit Banken und Gläubigern, Standortberatungen, betriebstechnische und hygienetechnische Beratungen und Gespräche mit den Lebensmittelüberwachungsbehörden, Beratungen in backtechnischer Hinsicht, z. B. Ablaufoptimierung in der Backstube, Kreieren neuer Rezeptideen oder Verbesserung bestehender Rezepturen. Selbstverständlich gehören auch die Lobbyarbeit und politische Interessenvertretung in Land und Bund dazu.

Noch ein Wort zu den Innungsrücklagen. Die Rücklagen vieler Bäckerinnungen haben sich seit Generationen aufgebaut. Diese können und dürfen nicht leichtfertig ausgegeben werden. Die Rücklagen der württembergischen Bäckerinnungen, die allesamt Mitglieder des Landesinnungsverbandes sind, dienen letztlich auch zur Absicherung des Dienstleistungsangebotes des Verbandes und der Bäckerfachschule, über die die Mitgliedsbetriebe 95 Prozent ihrer Informationen und Dienstleistungen erhalten.

Johannes Schultheiß, Ostfildern


Artikel vom 16.06.2010
Drucken 

Weitere Nachrichten aus Blickpunkte vom 16.06.2010:

Vorstand und Innung von der Basis entfernt

Kommentare

Aktuelle Meldungen aus Blickpunkte


Abonnenten Bereich



Hilfe




Rezept der Woche

Dinkel-Hirse-Brot
Rezept der Woche Ballaststoffreiches Brot mit langer Frischhaltung mehr ...




ABZ Newsletter

Nutzen Sie als Abonnent kostenlos unseren wöchentlichen Informationsdienst per E-Mail.

Jetzt anmelden!