Blickpunkte

Sind Innungsfusionen sinnvoll?

Die Zahl der Innungsmitglieder sinkt Jahr um Jahr.


Es wird immer schwieriger, die Selbstverwaltung aufrecht zu halten. Der finanzielle Aufwand wird immer größer, die Zahl der Beitragszahler immer kleiner. Eine Innung mit 10 bis 15 Mitgliedern kann sich doch keine Geschäftsführung mehr leisten. Und selbst wenn das funktioniert, durch Teilzeitregelung oder gemeinsame Geschäftsführung – effektiv ist das nicht. Da ist es eigentlich logisch und unumgänglich, größere und somit schlagkräftigere Einheiten zu bilden. Schon weil sich die Anforderungen an eine moderne Berufsorganisation geändert haben.

Die jüngeren Betriebsinhaber haben heute andere Bedürfnisse. Der Konkurrenzdruck hat sich deutlich erhöht und die steigenden Rohstoffpreise tragen auch nicht gerade zur Entspannung der Marktlage bei. Und außerdem wollen wir auch größeren Betrieben etwas bieten, um sie bei der Stange zu halten. Das kollegiale Miteinander bleibt dabei ein wichtiger Aspekt. Die Grundidee stimmt. Identitätsstiftende Maßnahmen sind wichtig. Schließlich hat man die selben Mitbewerber: Die Industrie, den Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter. Und da darf man nicht vergessen: Einigkeit macht stark.

Aber das Gären im eigenen Saft reicht heute nicht mehr aus. Wichtiger ist, dass Fachinformationen und Service geboten werden. Da kann sich eine kleine Innung leicht übernehmen. Schon weil die Zahl der Beratungsfälle seit Jahren im Steigen ist. Zentral organisiert, können Betriebsberatung, Seminare und Vorträge effektiver gewährleistet werden. Das Angebot kann durch die Bündelung der Kräfte in Form von Innungsfusionen deutlich erhöht werden – auch qualitativ.

Außerdem: Kollegialität kann auch im größeren Verbund vor Ort weiter gelebt werden. Die Kollegen können ja auf lokaler Ebene ihre gemeinsamen Aktivitäten weiterhin durchführen, wie einige Bezirksinnungen von fusionierten Innungseinheiten zeigen.

Zum Schluss ein nicht unerhebliches Argument für die Innungsfusionen: Es wird immer schwerer, Ehrenamtsträger für die Innungsspitze zu finden. Es mag ja unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll sein, zu fusionieren, aber meiner Ansicht nach überwiegen die Nachteile. Und die Erfahrung hat gezeigt, viele Kollegen, die den Schritt mit ihrer Innung gegangen sind, bereuen ihn im Nachhinein. Denn häufig ist schon nach einigen Monaten festzustellen, dass die gemeinsamen Aktivitäten nachlassen. Außerdem kommen nach dem Zusammenschluss prozentual weniger Kollegen auf die Innungsversammlungen, die nicht nur bezüglich der Strecke weiter entfernt sind. Häufig fehlt der Bezug und die Kollegen fühlen sich nicht mehr so angesprochen und betreut wie von der ehemaligen Innung vor Ort. Dadurch geht eindeutig der Zusammenhalt verloren. Wirklich bedenklich ist aber, dass manche Kollegen aus oben genannten Gründen schließlich ganz weg bleiben. Die Konsequenz ist der Austritt aus der Innung. So wird zum Beispiel geschätzt, dass mehr Innungsaustritte wegen Fusionen als wegen Betriebsaufgaben erfolgen. Ich befürchte, dass so die Handwerksorganisation empfindlich geschwächt wird. Auch weil die Kollegialität nach einer Fusion häufig leidet.

Denn gerade der Zusammenhalt und die Kontakte vor Ort sind die Basis für effektive Zusammenarbeit. Aktivitäten können eben auf lokaler Ebene besser und zielgerichteter organisiert werden. Als kleine Interessensvertretung kann man so einen direkten Werbeeffekt erzielen. Gemeinsam sind wir stark. Und das kollegiale Miteinander fördert Gemeinschaftsgefühl, das gerade in heutiger Zeit in Konkurrenz mit dem Lebensmitteleinzelhandel und den Discountern nötig ist. Es spricht also Vieles dafür, auch kleinere Einheiten zu erhalten. Wobei durch Innungskooperationen durchaus Synergieeffekte erzielt werden können, um etwa durch gemeinsame Veranstaltungen fachliche Impulse zu geben. Außerdem: Fachliche Unterstützung kann auch der jeweilige Landesinnungsverband oder aber die Handwerkskammer bieten.


Artikel vom 22.07.2008
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