Flutwelle

Mit dem Mut der Verzweiflung

Nach dem Hochwasser kämpfen ostsächsische Betriebe ums Überleben. Wie kritisch die Lage ist, zeigt sich am Beispiel zweier Bäckereien


Von Peter Salden


Es ist wie die sprichwörtliche Ironie des Schicksals: Kaum zehn Meter von Jörg Geißlers Backstube in Ostritz steht jene Hochwasserschutzanlage, die vor drei Jahren für rund 13 Millionen Euro errichtet worden war. „Viel zu lang, viel zu hoch und viel zu teuer“, meinten damals viele Anwohner.

Doch jetzt reichte sogar diese „viel zu hohe Mauer“ nicht aus, um den Backbetrieb vor den Fluten der Neiße zu schützen. „Wir haben gemeinsam mit den Mitarbeitern bis zum Schluss gekämpft, um das Wasser abzuhalten: Sandsäcke wurden aufgeschichtet, die Maschinen auf Palettenstapel höher gestellt, die Außentüren mit Holzplatten und Bauschaum versiegelt“, erinnert sich der Firmenchef an die Abendstunden jenes 7. August.

Starkregen und der Dammbruch eines Stausees im benachbarten Polen hatten für eine bis dahin unvorstellbare Flutwelle in Ostsachsen gesorgt. „Am Ende stand das Wasser dennoch bis zu 1,50 Meter hoch in der Backstube: Die Wassermassen hatten solch eine Kraft, dass die bis oben randvolle Kühlzelle samt Inhalt aufgeschwemmt und von der Wand in die Backstube abgerückt wurde“, erzählte der 50-Jährige und kämpft während unseres Gesprächs nicht zum letzten Mal mit den Tränen.

Regelrecht abgesoffen

Auch das Mehlsilo ist regelrecht abgesoffen, sämtliche Maschinen waren nicht mehr funktionstüchtig und werden derzeit vom technischen Kundendienst der Bäko Ost nach und nach aufbereitet. Nur der Backofen kam relativ glimpflich davon. Aus der Backstube mussten vier Container mit verdorbenen Lebensmitteln, darunter mehrere tausend Eier, sowie neun Container mit nicht mehr benutzbaren Gerätschaften und Gegenständen entsorgt werden. Im Hauptgeschäft an der Klosterstraße sah es nicht besser aus.

Bei den Aufräumarbeiten packten bis zu 60 Helfer – Verwandte und Freunde, Mitarbeiter, Handwerker und Lieferanten – kräftig mit an. „Das hat uns Kraft gegeben und ermutigt, wieder von vorne anzufangen“, sagt Ehefrau Anett Geißler. Nach zehn Tagen konnte die Produktion zumindest teilweise wieder anlaufen, was bei den Kunden gut angekommen ist. „Die Leute haben Verständnis für unsere Situation und sich gefreut, dass es weitergeht – die Backwaren sind oftmals ausverkauft.“ Doch jetzt stehen Geißlers am Scheidepunkt. Finanzielle Mittel werden umgehend gebraucht.

Völlig entkernt

Auch Arndt Lehmann weiß momentan nicht recht, wie es weitergehen soll. Statt aromatisch-warmem Brötchenduft strömt aus der Niedermühle von Sebnitz der Lärm mehrerer Presslufthämmer: Lehmanns Bäckerei wird völlig entkernt. „Endlich“, sagt der 56-Jährige, „denn die Zeit, in der seit der Flut gar nichts passiert ist, zog sich zäh hin und war äußerst deprimierend.“ Das mittelalterliche Gebäude, zugleich Lehmanns Wohnhaus, wurde völlig überflutet. Die tiefer gelegene Backstube stand bis zu 1,50 Meter unter Wasser, alle Maschinen sind unbrauchbar, das Mehlsilo ist abgesoffen.

Mit Schaufel und Schiebern hat Ehefrau Birgit über zwei Tonnen Mehl entnommen und eingesackt, die in anderen Bäckereien der Stadt noch verwendet werden konnten. Das Fundament aus Felsen und Sandsteinen hat sich, wie auch das Mauerwerk, mit Wasser vollgesogen. Trockenbauwände, Putz und Fußböden müssen komplett entfernt werden.
„Vor dem Nichts“

„Während das Gebäude versichert war, stehe ich mit meinem Maschinenpark vor dem Nichts“, erklärt der 56-jährige Bäckermeister. „Zahlreiche Maschinen sind bereits mehrere Jahre alt, und einige werden wohl kaum zu reparieren sein. Neue kann er sich in der jetzigen Situation nicht leisten. Lehmanns Gesamtschaden beläuft sich auf 460.000 Euro. „Für uns besonders bitter ist, dass wir sowohl das diesjährige Touristengeschäft wie auch die Stollensaison verpassen, denn ans Backen ist frühestens wieder ab Dezember zu denken.“

Den Mitarbeitern musste der Bäckermeister kündigen, seine Auszubildende ist vorübergehend in einem anderen Betrieb untergekommen. Birgit und Arndt Lehmann wollen durchhalten – auch für den Nachwuchs, der den Betrieb eines Tages übernehmen soll.


Artikel vom 30.08.2010
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