Gefangenenausbildung
Lehre hinter Gittern
Die Ausbildung in der Gefängnisbäckerei der JVA Bützow ist mehr als nur Zeitvertreib. Momentan bereiten sich sechs Inhaftierte auf ihren Wunschberuf in Freiheit vor.
Von Herbert Schwittay

Die Ausbildung zum Bäcker bietet Perspektiven nach der Haftstrafe – jenseits von Gittern und geschlossenen Türen. Foto: Imago
Die Bäckerei befindet sich auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern. Hier werden unter fachkundiger Anleitung im Fachbereich Bildung und Freizeit sechs Häftlinge zum Bäcker ausgebildet. Zwischen dem beruflichen Werdegang „draußen” und der Ausbildung in der Justizvollzugsanstalt gibt es nur einen zeitlichen Unterschied. Während der angehende Bäcker in „Freiheit” seine dreijährige Lehrzeit absolvieren muss, gibt es für die Gefangenen nur einen zweijährigen Bildungsweg. Die konzentrierte Zusammenfassung der Zeitabläufe und die gesamte Ausbildung während der Ausbildung macht diese Verkürzung möglich. Die Lernfunktionen und der vermittelte Wissensstand sind dabei absolut identisch mit denen in der freien Wirtschaft. Alle Prüfungen werden nach zwei Jahren von der Handwerkskammer abgenommen und der Gefangene erhält seinen Gesellenbrief. Während der Ausbildung entstehen den Häftlingen weder Kosten noch Gebühren für die Prüfungen. Der Ausbildungsplatz in der Justizvollzugsanstalt kostet für den gesamten Zeitraum durchschnittlich 6000 Euro.
Heinz B. hat zum ersten Mal in seinem Leben eine Lehre begonnen. „Es ist hier alles super. Ich habe im Gefängnis meine Mittlere Reife gemacht, nun die Bäckerlehre. Ich könnte es fast als Traumkarriere bezeichnen.”
Die Arbeitszeit beträgt pro Tag acht Stunden. Auch an Wochenenden. Regelmäßig finden pro Woche zwei Unterrichtstage statt, wo die Häftlinge von der festangestellten Lehrerin Jutta Schulz betreut werden. Ergänzt wird das Angebot durch zwei externe Lehrer.
Erst Lehre, dann Freiheit
Für eine Lehre hinter Gittern kann sich nicht jeder Häftling bewerben. Gewisse Voraussetzungen sind erforderlich. Dazu gehören ein Hauptschulabschluss und eine Haftstrafe, die zumindest noch die Dauer der Ausbildung umfasst. Die beträgt bei den Ausbildungsanwärtern im Durchschnitt zwischen drei und zehn Jahren. In Verbindung mit einer vom Häftling erarbeiteten Bewerbungsmappe werden in Einzelgesprächen mit der Anstaltsleitung die Modalitäten für den weiteren Weg der Ausbildung festgelegt. Eine hohe Leistungsbereitschaft wird auf jeden Fall vorausgesetzt. Die Häftlinge sind während ihrer Ausbildung zum Bäcker größtenteils in Einzelzellen untergebracht. Heinz B.: „Für uns ist das eine wichtige Begleiterscheinung, weil wir die Freizeit natürlich auch für das Weiterlernen nutzen müssen.“ Wie schwer oder auch leicht er es einmal im Beruf in Freiheit haben wird, darüber will er heute noch nicht nachdenken. „Erst einmal fertig werden und dann hier raus.”
Seit 2001 werden in der größten Anstalt des Landes Bäcker auf ihren späteren Wunschberuf in Freiheit vorbereitet. 27 Inhaftierte haben sich in diesem Zeitraum um einen der begehrten Ausbildungsplätze beworben und ihren Abschluss mit Noten von „Sehr gut“ bis „Befriedigend” gemacht.

Bäckermeister Heinrich Callies und Lehrerin Jutta Schulz erklären den Häftlingen den Zusammenhang zwischen Backvorgang und Krumenstruktur. Fotos: Schwittay
Von Käse bis Körner und von Schinken bis Frucht reicht die Palette. Im täglichen Standardangebot sind es meist zwei Sorten, die dann allerdings mit den anderen Brötchen im zeitlichen Wechsel entstehen. Ob Brot oder Brötchen, bei der Herstellung müssen auch besondere Dinge beachtet werden. Dazu gehören etwa die medizinische Belange der einzelnen Gefangenen. „Und auch der religiöse Faktor der Häftlinge ist bei den Zutaten wichtig”, so Callies. In Bützow sitzen allein 46 Ausländer aus 23 Staaten ein.
Auf dem Weg zum Arbeitsplatz
Durchschnittlich werden alle 14 Tage drei Tonnen Weizenmehl und 1,5 Tonnen Roggenmehl verarbeitet – für die Selbstversorgung. Der Rohstoff wird von einer Mühle in Mecklenburg-Vorpommern bezogen und im eigenen Silo gelagert. Im täglichen Arbeitsablauf stehen den Auszubildenden moderne Maschinen und Gerätschaften zur Verfügung. Das gilt auch für die gesamte Strecke im Bereich Kuchen, wo von Plunder über Hefeteige bis hin zu Torten alles vorhanden ist. Obwohl der Maschinenpark optimale Bedingungen bietet, wird bei Meister Callies Handarbeit groß geschrieben. „Für das spätere Arbeiten in Freiheit ist das besonders wichtig.”
Die Gefangenen bemühen sich schon vor ihrer Entlassung um eine Arbeitstelle in Freiheit. „Vielfach ist das aber mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden”, so Callies. Die Hemmschwelle in Bäckereien, einen ehemaligen Häftling einzustellen, ist groß. Vom offiziellen Arbeitmarkt bekommen die Einsitzenden während der Haft zudem nicht viel mit. Die, die einen Arbeitsplatz gefunden haben, meistern ihre Zukunft. Bisher gab es keinen Fall, wo von den angehenden Bäckern jemand rückfällig geworden ist. „Nach Verlassen der Anstalt haben wir aber fast so gut wie keinen Kontakt mehr zu unseren ehemaligen Auszubildenden“, erläutert Hans-Heinrich Callies. Was als gutes Zeichen zu werten ist. Sie haben ihre Chancen in der Freiheit offenbar genutzt – mit der Herstellung von Backwaren, die – im Gegensatz zu den Häftlingen – hinter Gitter bleiben.

RSS

Zur Bildergalerie "Backkongress 2011"