Blickpunkte
Hygiene wichtiger als Geschmack?
Produktdesign kennt keine Grenzen: „Die Milch macht's“ – aber wie frisch müssen Frischeprodukte wie Milch denn sein?
Von Werner Kräling
Mit welcher Logik Brüssel bei den Verordnungen des Lebensmittelrechts vorgeht, lässt sich nicht einfach erschließen. Bei der Flut an Deklarationspflichten, durchaus ja auch recht unsinnigen, verwundert die Entwicklungen bei Milch und Käse:
Seit gut einem Jahr schon nehmen Lebensmittelkontrolleure Proben von Käsebrötchen, um festzustellen, ob es sich um Käse oder den sogenannten Analogkäse handelt. Im Namen des Verbraucherschutzes eine sinnvolle Maßnahme, denn wo Käsebrötchen draufsteht, muss auch Käse drin sein. Nun verlaufen Veränderungen unserer Lebensmittel rasant und nicht immer bemerkt – oder erst wenn der Prozess bereits in Form eines neuen Endproduktes in den Regalen des LEH angekommen ist. So etwa bei der Milch geschehen, die heute in ihre Bestandteile zerlegt, behandelt und wieder zusammengebaut Ewigkeiten haltbar ist, aber nicht mehr vernünftig riecht und auch recht eigentümlich schmeckt. Die so genannte ESL-Milch – die „Längerfrische“. Frischmilch gibt es kaum noch zu kaufen. Nur, wie viele der Verbraucher wissen das? Freilich handelt es sich bei der ESL-Milch um Milch, allerdings fällt die Veränderung des Produktes doch gravierend aus. Milch rangiert als Lebensmittel in der Klasse der gesunden Grundnahrungsmittel – genau wie Brot. Wieso muss diese Milch nicht gekennzeichnet werden? In Deutschland wird mittlerweile eine Selbstverpflichtung zur Kennzeichnung diskutiert. Um wie viel weniger gesund die ESL-Milch ist, diskutiert jetzt die Wissenschaft in gewohnter Manier aus. Bei der neuen Milch irritiert aber noch etwas ganz anderes, nämlich dass Marketingstrategen und Food-Designer den Aspekt der Convenience über die Attribute Geschmack und Frische gestellt haben. Erstaunlich, denn sind es denn nicht die Trends Gesundheit, Natürlichkeit, Authentizität, die das Verbraucherverhalten kennzeichnen und Kaufentscheidung maßgeblich bestimmen?
Offenkundig gehen Produzenten und Anbieter davon aus, dass Verbraucher den Aspekt der Haltbarkeit ausreichend hoch schätzen und ihren Milchkonsum unverändert lassen. Logistische Probleme des Handels und letztlich die Retourenquoten bei einem Frischeprodukt lassen sich mindern. Frischeprodukte wie Milch und Brot sollten ihren natürlichen Charakter bewahren, denn der zeichnet sie aus – als wesentlicher Bestandteil. Bleibt zu hoffen, dass nicht irgendwann auch einmal Brot ewig haltbar ist – ohne Konservierungsstoffe oder gar Analogbrot die Regale ziert.
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