Blickpunkte

Egon als Motivator


Egon ist ratlos. Seit Wochen macht die Tanja ein Gesicht wie 10 Tage Regenwetter: Hat sie doch glatt ihr Freund verlassen und das wiegt ungleich schwerer, als neulich die versemmelte Zwischenprüfung. Da hat der Egon noch eine Standpauke gehalten, von wegen den ganzen Tag SMS schreiben und so weiter bis zum Klassiker „so was hätte es früher nicht gegeben“. Mit Druck und Moralpredigten geht jetzt gar nichts mehr, das weiß der Egon genau, auch wenn er immer den knöchernen Hardliner gibt. Aber auch Margot ist mit ihrem Latein am Ende: „Im Coffee-Shop kann ich Tanja nicht mehr einsetzen, da sitzt sie hinter der Bar und kaut Fingernägel.“ Das hat ihr Lehrerin Meyer frisch aufs Brötchen geschmiert und sie dann gleich noch für das Pech bedauert, dass sie mit der Tanja ja hätten. Sie kenne diese Sorte Mädchen nur zu gut: „Nix als Disco und Jungs im Kopf “, sagte sie. „Ich hab's! Wir machen einen Betriebsausflug und gehen in so einen Tanzpalast, dann kommt die Tanja auf andere Gedanken“, rief der Egon.

Dass drei Wochen später die besten Gute-Laune-Hits aus den Lautsprechern der Kaffeebar klangen und die Tanja mit rot lackierten Fingernägeln und einem Lachen, das die Welt erstrahlen lies, beinahe den Kaffeeumsatz verdoppelte, ließ den Egon heimlich schmunzeln: „Mitarbeiter-Motivation auf Umwegen – aber mit Verständnis“, dachte er so, wäre ein guter Titel für ein Referat auf einem dieser Kongresse. Aber auf sein Schreiben hat keiner reagiert.


Artikel vom 19.05.2009
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